Kalkül

Linksbündig Nicht die Studiengebühren sind das Problem, sondern das Desinteresse an den Universitäten

Nun haben also die Richter entschieden, dass Edelgard Bulmahn den Ländern nicht mehr untersagen darf, universitäre Leistung durch Gebühren zu stimulieren. Und schon beschwören manche wieder die alten Horrorszenarien.

Nur weil der christfundamentalistische Postalkoholismus in Tateinheit mit dynastischer Ausbeutung der Weltlage seit dem "Dritten Reich", sprich: das System Bush, nun auch noch in den Iran einmarschieren will, ist das noch immer kein Grund, Studiengebühren für eine Erfindung aus dem "Reich des Bösen" zu halten.

Wer je länger an amerikanischen Universitäten war, weiß, dass die Studierenden weit mehr als bei uns vom Gebührensystem profitieren. Zum einen, weil die Universitäten deshalb entschieden mehr zu bieten haben und sich nachhaltiger um die Studierenden sorgen, zum anderen, weil die Studierenden selbstbewusster auftreten können und schon dadurch fürs Leben lernen, als "Kunden" ernst genommen zu werden.

Hat es Zweck, daran zu erinnern, dass Studiengebühren, wenn sie von aus ihnen finanzierten Stipendien begleitet würden, sozial gerechter und chancenförderlicher wären? Dass Studiengebühren die Studierenden stärker motivierten, an Qualität und Organisation ihres Studiums Anteil zu nehmen und so das Engagement der Lehrenden sich endlich erhöhen würde? Hat es Sinn, daran zu erinnern, dass die nominell gleiche Gültigkeit von Sozial- und Kulturwissenschaften mit den Natur- und Technikwissenschaften dazu führt, dass junge Menschen, die schon in der Schule die Gleichgültigkeit der Gesellschaft an ihnen erleben, sich den - vermeintlichen - Selbsterfahrungsfächern statt den Wissenschaften mutmaßlicher Zukunftssicherung zuwenden? (Wofür dann wiederum die Kultur- und Sozialwissenschaften wegen ihrer Massenhaftigkeit mit politischer Verachtung und Verwahrlosung bestraft werden.) Und dass dies in einem Gebührensystem anders würde?

Nein, das hat es wohl nicht. Jedenfalls nicht in einer Gesellschaft, die ihre Brut derart willentlich und wissentlich seit Jahrzehnten verkommen lässt. Denn diese Politik wird von Leuten gemacht, die bildungsfern geblieben sind, obwohl sie die Bildungsinstitutionen durchlaufen haben. Der Fehler liegt bei einem Universitätssystem, das unter tätiger Duldung der Verwaltung - naturgemäß, würde Thomas Bernhard sagen - sich aktiv hat verrotten lassen. Professoren, die unter dem Vorwand der Forschung - wo sind eigentlich deren fulminanten Ergebnisse? - sich aus der Lehre herausziehen, dafür aber beredt darüber klagen können, wie stupide und imbezil der Nachwuchs ist. Bildungsplaner, die den Schrott von anderswo zur Zukunftsmode erklären, statt die eigenen Produktlinien kritisch unter die Lupe zu nehmen. Hier hat die bundesrepublikanische Bildungspolitik keineswegs anders agiert als die DDR beim Wohnungsbau und der Industrieplanung - das substantielle Alte vergammeln lassen, um Potemkinsche Kartenhäuser zu fördern.

Das alles wirkt aber nur auf den ersten, verzweifelten Blick absurd. Auf den zweiten scheint es wohl kalkuliert. Wenn das Szenario der Demographen stimmt, dass am Ende des Jahrhunderts auf dem Gebiet der Bundesrepublik etwa ein Viertel der heutigen Einwohner, auf dem Gebiet der ehedem DDR gar nur noch ein Sechstel der Menschen leben werden, und zwar die Alten, Arbeitslosen und Armen, dann war die Entscheidung gegen Studiengebühren eine konsequente Klientelpflegemaßnahme der regierenden Parteien des sozialen Selbsterhalts.

Schon melden sich diejenigen zu Wort, die hier eine flotte Riester-Rente für die nächste Haushaltsunfähigkeit sehen. Die Ankündigung von Herrn Sarrazin in Berlin, den Hochschulen allenfalls ein Krüstchen zukommen zu lassen vom Kuchen der zukünftigen Gebühreneinnahmen, dessen Zutaten ohnehin schon vorm Backen von der Bankgesellschaft weggefressen worden sind, ist immerhin die zweitbeste Lösung - kann man doch so die Klientel der Leistungsverhinderten noch ein wenig bei Laune halten. Im Südwesten hingegen wird man happig zulangen und, wenn man schlau ist, das in die Bildungspolitik stecken. So sichert man die Insel der Seligen im sozialtechnokratisch verschlammten Wattenmeer. Und statt in den Länderfinanzausgleich wird das derart an Zukunft Erwirtschaftete in den Bau von Dämmen gesteckt werden. Aber da ist ja auch noch die EU...


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00:00 04.02.2005

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