Karussell

A–Z Auf Adventsmärkten dreht es sich in dieser Vorweihnachtszeit nicht – und Schausteller kämpfen um ihre Existenz. Unser Wochenlexikon

A

Abspann Als Kind spielte ich eine kleine Rolle in einem Film, Maxi, 11 Jahre alt. Schöne Wahrheit wurde in unserer damaligen Wohnung in Berlin-Lichtenberg gedreht und lief Ende der 1980er Jahre kurz vor Mitternacht im DDR-Fernsehen. Es ging um die Trennung meiner (Film-)Eltern und um unausgesprochene Dinge. Ich hatte gerade angefangen, Gitarre zu lernen ( Instrumente). Im Abspann sang und zupfte ich „Als ich fortging“ – die Hymne der Leipziger Band Karussell. „Nichts ist unendlich, so sieh das doch ein.“ Es klang so unschuldig. Was diese Sätze bedeuten konnten, das verstand ich erst später. Meine Cousinen wollen das Lied seither an jedem Geburtstag von mir hören. Dirk Michaelis, Frontmann von Karussell, singt es noch immer – auf großer Bühne bei Ostrock-Shows, von Violinen untermalt oder in irgendeinem Einkaufszentrum (Shopping-Malls). Es bleibt. Maxi Leinkauf

G

Gedicht Wir bekamen die Gedichte zugeteilt. Es gab Herr von Ribbeck, es gab (für die Streber) den Handschuh oder den Erlkönig. Ich hoffte, einfach wegen der Kürze, auf Brechts Radwechsel, den bekam aber niemand. Dafür ich Rilkes Karussell. Auswendig vortragen. „Mit einem Dach und seinem Schatten dreht / sich eine kleine Weile der Bestand ...“ Mit meinen neun Jahren konnte ich nicht ahnen, wie tief sich diese Verse in mein Gehirn fräsen würden, sodass ich sie 42 Jahre später noch immer nahezu vollständig würde aufsagen können: „... der Bestand / von bunten Pferden, alle aus dem Land, / das lange zögert, eh es untergeht ...“

Zögert die Kindheit wirklich lange, bevor sie untergeht? Oder wird sie von zahllosen Hormon-Tsunamis innerhalb von zwei, drei Jahren einfach hinweggeschwemmt? Dieses Gedicht ist jedenfalls etwas, was ich durch alle Stürme bei mir behalten habe. Bei Rilke steht es im Jardin du Luxembourg. Irgendwo in meinem Innern dreht es sich immer noch, dieses Karussell. Marc Ottiker

H

Harry Lime Das Ringelspiel (Mittelalter) im wiedereröffneten Prater dreht sich noch einsam im Wien der Nachkriegszeit, das Kettenkarussell steht still. Hier wartet der Schriftsteller Holly Martins (Joseph Cotten) und will seinen alten Freund Harry Lime (Orson Welles) zur Rede stellen. Denn Harry soll eigentlich tot sein. Er ist vom Kleinganoven zum skrupellosen Penicillin-Schmuggler avanciert, sein Tod war nur fingiert.Die kapriziöse Katze seiner Geliebten hat ihn verraten.Die Freunde fahren Riesenrad.Und während Harry über Moral philosophiert – Mussolini habe gesagt, die Borgias hätten zwar Blut und Terror gebracht, aber dafür Leonardo da Vinci und Michelangelo hervorgebracht, die Schweiz dagegen blicke auf 500 Jahre Demokratie und eine Kuckucksuhr –, denkt man: Wird Harry seinen Freund noch aus der Kabine stoßen?

Carol Reeds Der dritte Mann könnte ein Hitchcock sein, muss doch ein Hitchcock sein, überall diese Schatten, sogar von dem Kind, das Martins hinterherläuft und „Mörder“ ruft.Die schwermütige Zither-Musik, das Harry-Lime-Thema, kann man nicht vergessen. Anton Karas soll die Musik unter großem Heimweh in London komponiert haben. Erklingt sie, imaginiert man ein Karussell, einen Schatten, ein altes Wien. Katharina Schmitz

I

Instrumente Eine Woche war mein Sohn gerade eingeschult, da kam diese Frage: Und, seid ihr schon fürs Instrumentenkarussell angemeldet? Prenzlauer Berg, also bildungsbürgerliche Früherziehung. Musikschulen bieten das häufiger an: Jede Woche bekommen die Kinder ein neues Instrument, anschließend dürfen sie selbst aussuchen, welches sie lernen wollen. Die Wartelisten sind lang.

Xylofon, Rassel, Mundharmonika, kein Ding. Luftgitarre spielt mein Sohn schon jetzt wie ein kleiner Gott. Meine Tochter klimpert am Klavier, Applaus! Weil den Sessions zu Hause (aus Sicht meines Mannes) irgendwas fehlte, stand neben Akustik-, E-Gitarre und Bass eines Tages ein komplettes Schlagzeug im Wohnzimmer. Mein Sohn drummte kurz, zog dann weiter zum Mikro. Knockin’ on Heaven’s Door. Er ist noch ein bisschen sprunghaft, aber ich weiß da was. Maxi Leinkauf

K

Klassische Moderne Deren Maler liebten Zirkusdarstellungen – und Bilder von Jahrmärkten. Expressionist Walter Ophey hat in den 1920er Jahren immer wieder fantastische Karussells gemalt. Aber auch Max Beckmann, Ernst Ludwig Kirchner und Louis Moilliet schufen Werke, die Karussells zeigen: ein Schauspiel rasanter Bewegung, Symbol für Schicksal, Wiederkehr und Gefahr. Heute scheint das Gegenteil interessant: Carsten Höllers extrem verlangsamtes Karussell von 2008, beinahe Stillstand. Marc Peschke

M

Mittelalter Beim Ringstechen zeigten die Ritter ihre Geschicklichkeit. Sie mussten mit der Lanze einen tennisballgroßen Ring erhaschen, der an einem Pfahl aufgehängt war. Nur war dafür (anders als beim Ringreiten) nicht unbedingt ein Pferd vonnöten. Der Knappe wurde auf einer Drehscheibe mit einem hölzernen Pferd platziert und musste einen Ring anvisieren und aufspießen, der über der Kreisbahn hing. Später wurde der Antrieb mit einer Walze mechanisiert. In vielen Sprachen hat sich carrousel, der französische Name des traditionellen Spiels, erhalten. Im Laufe des 18. Jahrhunderts entstanden daraus Fahrgeschäfte, die der höfischen Unterhaltung dienten. Das Karussell mit Holzpferden war bald in ganz Europa verbreitet. Tobias Prüwer

P

Pandemie Schausteller trifft die Corona-Krise hart. Manche haben mit ihren Fahrgeschäften in diesem Jahr noch keinen Euro verdient, stehen seit den letzten Weihnachtsmärkten beruflich still. Und die Reserven sind aufgebraucht. Die Branche kämpft um ihre Existenz – der Deutsche Schaustellerbund schlägt Alarm: Das Geschäft lebe von etwa 5.000 Unternehmen, allesamt Familienbetriebe. Es sind Leute, die im Wohnwagen von einem Platz zum anderen tingeln, manchmal schon ihre Kindheit auf Rummelplätzen verbrachten. Nun parken Mini-Eisenbahnen oder Karussells auf Abstellplätzen. Trotz Corona-Soforthilfen vom Bund sind die festen Kosten ihrer kleinen Fahrbetriebe für viele Anbieter zu hoch, um länger als ein Jahr durchzuhalten. „Wenn sie die Corona-Krise nicht überleben, wird es die Volksfeste und Weihnachtsmärkte, so wie wir sie kennen und lieben, zukünftig nicht mehr geben“, malt man beim Verband den Schrecken an die Wand. Zeit, dass sich bald wieder was dreht. Kim Schuller

S

Shopping-Malls Als Nicht-Orte werden sie betrachtet, als Orte des ungezügelten, geistlosen Konsums. Und doch gibt es auch hier die ganz besonderen Artefakte. Die Miniatur-Fahrgeschäfte zum Beispiel. Knallbunte Einhörner, Feuerwehrautos, Pferde. Die einzelnen Protagonisten eines Karussells sind eben auch für sich Gegenstand von Sehnsucht, das Bimmeln, das Blinken – wenn alles zusammenkommt, riecht es noch nach Popcorn. Daraus sind Kindheitserinnerungen gemacht. Doch auch jenseits jeder Nostalgie ist das Verhältnis zwischen Miniatur-Fahrgeschäft und Einzelhandel spannend, weil die kleinen Attraktionen Farbkleckse in der Tristesse von Einkaufszentren oder öden Fußgängerzonen sind. So umgibt diese Tiere und Autos immer eine Aura des Trotzes gegen die Hässlichkeit.

Nicht immer hält diese Kraft jedoch der realen Begegnung stand. Dann bleibt vom Karussell im Center vor allen Dingen die Melancholie eines Plastiktiers mit Macken und Kratzern im kalten Neonlicht der Malls oder der sterbenden Innenstädte. Benjamin Knödler

T

Trainer Irgendwann war die Zeit von Peter Neururer vorbei, es hat ihn vom Trainerkarussell gehauen. Fußball-Original Neururer kam noch aus einer Zeit, in der man völlig unironisch Vokuhila, Schnauzer und schlimm bunte Trainingsanzüge aus Ballonseide trug – und hielt sich bis 2014 als Trainer verschiedener deutscher Profi-Vereine. Mit den Freuden des Fahrgeschäfts hat das Trainerkarussell freilich wenig gemein, vielmehr steht der Begriff für die Dramen des Sports: krachende Niederlagen, Teams ohne Spielidee und ein Trainer, der „die Mannschaft nicht mehr erreicht“. Dann braucht es „neue Impulse“, um „in die Erfolgsspur zurückzufinden“. Und los geht die rasante Fahrt: Der geschasste Coach nimmt Platz, ein anderer steigt ab – zumindest für einige Zeit. Denn die nächste Krise wird kommen. So entstehen immer wieder sonderbare Konstellationen.

Zum Beispiel, als Peter Stöger, der 2017 beim Abstiegskandidaten 1. FC Köln mangels Erfolg entlassen wurde, kurz darauf beim kriselnden Top-Club Borussia Dortmund anheuerte. Nach einem halben Jahr war auch dort wieder Schluss, dafür ist Stöger nun wieder beim schwer dahindümpelnden 1. FC Köln im Gespräch. Begeisterter Trainerkarussell-Fahrer war seinerzeit Rudi Gutendorf, der angesichts seiner mehr als 50 Stationen auf der ganzen Welt auch „Rudi Rastlos“ genannt wurde. Und Peter Neururer? Der hält jetzt nach 16 Trainerstationen vertraglose Fußballer fit für ihren nächsten Verein. Benjamin Knödler

W

Weihnachtspyramide Kein anderes Karussell steht so für Heiligabend wie die Pyramide. Die kreiselnden Lichtergestelle mit Engeln und Krippengruppe, Bergleuten und Wildtieren sind vor allen Dingen im Erzgebirge Pflichtdekoration in der Adventszeit. Denn hier ist die Pyramide entstanden. Waren saisonal einfache Drehbäume und Kerzengestelle schon länger in ganz Europa üblich, so haben die Bergarbeiter die Lichtgestelle als Göpelwerk interpretiert, sie dachten also, die abstrakten Objekte würden bestimmte Maschinen darstellen. Diese von Pferden angetriebenen Maschinen hoben und senkten die Seilkörbe und waren in kegelförmigen Hütten untergebracht. So schmückten die Bergleute Pyramiden mit Szenen aus ihrer Lebenswelt. Diese Schmuckgestelle waren Einzelanfertigungen. Als im 20. Jahrhundert die industrielle Massenproduktion Einzug hielt, zog das Lichtgestell in jedes Heim. Die Weihnachtspyramide wurde wesentlicher Teil der (süd-)sächsischen Identität und des Tourismusmarketings. Tobias Prüwer

Z

Zirkulieren Seit Schröder, Fischer und Schily ist die Rotation der Ämter (auch zwischen Politik und Wirtschaft) noch sichtbarer. In den vier Kabinetten von Kanzlerin Merkel leiteten Ministerinnen und Minister nacheinander verschiedene Ressorts. Die Postenverteilung geschieht nach ungeschriebenen Gesetzen. Neben Sigmar Gabriel (Umwelt, Wirtschaft, Auswärtiges) ist Ursula von der Leyen Spitzenreiterin in Sachen Zirkulation: Erst war sie Familien-, dann Arbeits- und schließlich Verteidigungsministerin. 2019 wurde von der Leyen als EU-Kommissionschefin ins Spiel gebracht und knapp gewählt. Und Seehofer? War erst für Landwirtschaft, dann für Inneres und Bauen (!) zuständig. Ben Mendelson

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06:00 20.12.2020

Ausgabe 19/2021

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