Kinder ihrer Zeit

Arroganz der Macht Was den Topmanager Thomas Middelhoff mit dem Ex-Kanzler Gerhard Schröder verbindet
Robert Misik | Ausgabe 47/2014 12

Thomas Middelhoff muss möglicherweise ins Gefängnis, weil er als CEO das ihm anvertraute Unternehmen als Selbstbedienungsladen behandelt hat – sofern auch höhere Instanzen der Rechtsmeinung folgen, dass das illegal war. Wie auch immer es juristisch ausgeht, seine gesellschaftliche Reputation hat er längst verspielt.

Gerhard Schröder muss nicht ins Gefängnis, weil seine Deals während seiner Amtszeit – etwa der Verkauf seiner Memoiren für Millionen an einen Investor, der von Schröders Regierungstätigkeit unmittelbar profitierte – zwar ebenso ein Geschmäckle haben wie die Deals nach seiner Amtszeit (Gazprom), aber wohl nichts daran illegal ist. Seine gesellschaftliche Reputation hat freilich auch er verspielt. In beiden Fällen lautet das Verdikt: Gier. Arroganz der Macht. Der Verlust an Gespür für das, „was man tut, und was man nicht tut“.

Natürlich kann man in beiden Fällen auch eine gewisse Charakterschwäche attestieren. Gleichzeitig kann man ebenso meinen, dass sich, was sich ein Manager leisten kann, für einen Sozialdemokraten nicht gehört.

Aber doch verbindet Fälle wie diese einiges. Die Bürger haben das Gefühl, dass die gesellschaftlichen Eliten alle Moral haben fahren lassen. Jeder versucht nur zu scheffeln, auf Anstand wird dabei selten geachtet und selbst auf das Gesetz nicht immer. Tagtäglich führt uns der zeitgenössische Kapitalismus vor, dass dieses Urteil nicht ungerecht, sondern sehr wohl begründet ist. Die Folgen können gar nicht überschätzt werden: So etwas untergräbt die moralische Legitimation dieser Gesellschaftsordnung.

Die Eliten selbst – also die gehobenen Sphären von Wirtschaft, Politik, Kultur, und Entertainment – leben heute in ihrer eigenen Blase. Ihre Referenzgruppe sind ihresgleichen. Sie stehen nicht mit dem Normalbürger im Wettbewerb um gesellschaftlichen Status, sondern mit den anderen ihrer Klasse. Da kann man als Manager schon auf die Idee kommen, dass es für das Prestige unerlässlich ist, mit dem Privatflieger zu jetten. Da kann man auch leicht auf die Idee kommen, dass ein Einkommen von 250.000 Euro im Jahr doch eigentlich mickrig ist – schließlich finden sich doch immer genug andere, die noch mehr verdienen. Selbst in den abgehobensten Stratosphären ist das nicht anders: Es braucht zwar kein Mensch 90 Millionen Dollar im Jahr, und dennoch wird sich der Banken-CEO mit so einem Gehalt wie ein Loser vorkommen, wenn er sich mit dem Kollegen vergleicht, der 100 Millionen verdient. Je ungleicher eine Gesellschaft, umso zerrissener ist sie.

Das ist das eigentliche Signum unserer Zeit: Der verallgemeinerte Wettbewerb führt dazu, dass man sich stets mit anderen vergleicht; Geld, Güter und Besitz sind das wesentliche Kategoriensystem, in dem sich Erfolg und gesellschaftlicher Status misst. Diese Insignien müssen überdies auch ausgestellt werden, denn Erfolg ist nur dann Erfolg, wenn er möglichst sichtbar ist. Der Riese ist nur einer, wenn er anderen als solcher erscheint. Das ist die Pathologie einer Gesellschaft, in der Statuswettbewerb verallgemeinert ist, ganz im Unterschied etwa zur „Mittelschichtsgesellschaft“ der Bundesrepublik in den 60er Jahren. Auch damals gab es natürlich Reiche. Die wollten alles Mögliche, eines aber nicht: als Reiche erkennbar zu sein.

Thomas Middelhoff und Gerhard Schröder sind in diesem Sinne Kinder ihrer Zeit. Und das ist keineswegs eine Entschuldigung. Es geht ihnen um nichts anderes als Geld, weil sie Geschöpfe eines Zeitalters sind, in dem es um nichts anderes geht als um Geld.

06:00 03.12.2014

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