Kollaps

Im Gespräch Der Infektionsmediziner Bernhard Ruf zum Influenza-Virus H5N1

FREITAG: Das Risiko einer großen weltweiten Influenzapandemie ist nach Einschätzung der WHO derzeit so hoch wie lange nicht mehr. Das Virus H5N1, heißt es, habe sich in Südostasien bei Vögeln stark ausgebreitet und könnte nun bei Menschen eine Seuche mit bis zu 100 Millionen Toten verursachen. Bisher sind aber offiziell erst 32 Menschen H5N1 zum Opfer gefallen. Warum die Panik?
BERNHARD RUF: Sicher sind erst wenige Menschen erkrankt, doch nur, weil das Virus noch nicht gelernt hat, sich leichter auf den Menschen und von Mensch zu Mensch zu übertragen. Die Geschichte lehrt, dass das Virus dies lernen wird. Die WHO macht keine Panik, sondern sagt lediglich, dass eine Pandemie kommen wird. Und H5N1 ist für mich einer der ersten Kandidaten für ein solches Pandemie-Szenario.

Vor einer Influenza-Epidemie wird schon lange gewarnt, ohne dass sich diese einstellen will. Beim Schweinepest-Desaster ließen sich 50 Millionen Amerikaner 1976 mit einem nutzlosen Stoff impfen. Es erkrankte kein Mensch an der Schweinepest, und die Folge waren Schadensersatzforderungen von 2,7 Milliarden Dollar.
Die Influenzapandemie wird nicht aufzuhalten sein. Wir hätten Glück, wenn wir die nächsten zehn Jahre ohne Pandemie überstehen. Eine Pandemie wird in mehreren Wellen über uns kommen. Allein in Deutschland werden bis zu 40 Millionen Menschen erkranken und 150.000 sterben. Die Wirtschaft wird kollabieren. Die Welt wird lahmgelegt.

Die Geschichte lehrt, dass Seuchen dann besonders verheerend sind, wenn die Ernährungs- und Hygienesituation schlecht ist - wie im Ersten Weltkrieg oder in den armen Ländern. In den industrialisierten Ländern fordern sie trotz weltweit stark gestiegener Mobilität kaum noch Opfer. Ist die Fokussierung auf die Entwicklung von teuren Impfstoffen und antiviralen Medikamenten nicht viel zu eng?
Sicher haben sich in den entwickelten Ländern die Hygienestandards deutlich verbessert, weshalb man die Auswirkungen früherer Epidemien wie der "Spanischen Grippe", die um 1918 rund 20 Millionen Tote forderte, nicht übertragen kann. Doch mittlerweile leben statt zwei an die sieben Milliarden Menschen auf der Erde, was das Ansteckungspotenzial erhöht. Zugleich leben die Menschen in den reichen Ländern länger, was dazu beiträgt, dass es mehr chronisch Kranke oder immungeschwächte Menschen gibt. Und in Anbetracht der in der dritten Welt herrschenden schlechten Ernährungslage und Gesundheitsversorgung wird die Influenza gerade dort wüten. Daher müssen wir global handeln, wie es die WHO auch tut. Und das heißt: Wir brauchen eine Impfstoffvorsorge weltweit - und nicht nur im reichen Teil der Erde - sowie Firmenkapazitäten, die ein Mehrfaches dessen produzieren, was aktuell an Impfstoffen vorhanden ist. Und wir müssen uns weltweit Gedanken machen, wie wir uns mit antiviralen Substanzen ausrüsten.

Wenn aber die Lebensumstände das Ausmaß einer Epidemie oder Pandemie entscheidend beeinflusst, wäre es da nicht sinnvoller, ganzheitlicher vorzugehen und zum Beispiel für eine Umstellung der Ernährung zu werben, durch die die immunologisch immens wichtige Darmflora gestärkt würde?
Zunächst hat dies auf die Verbreitung des Virus keine Auswirkungen. Sicher, die Folgen der Influenzapandemie werden in der ersten Welt, wo wir deutlich bessere Lebensbedingungen vorfinden, besser zu managen sein als in den Ländern der dritten und vierten Welt. Doch eine Empfehlung herauszugeben: Ernährt Euch gesund! ist albern, weil dies viel zu allgemein ist. Und wir werden das, was wir in den vergangenen 50 Jahren nicht geschafft haben - nämlich eine vernünftige Ernährung und medizinisch-hygienische Ausstattung der ganzen Welt - nicht mit einer Presseerklärung ändern können.

Immerhin fordern Wissenschaftler für die Durchimpfung der Bevölkerung 400 Millionen Euro. Wieso sollte man dann nicht auch die Bedeutung von Ernährung ins Bewusstsein heben, wenn man gleichzeitig immer wieder die seit langem vorhandene Impfmüdigkeit der Deutschen öffentlich beklagt?
Gesundheitsratschläge helfen gar nichts, weil sie mit der Influenzapandemie nichts zu tun haben. Solche Empfehlungen haben nur Auswirkungen auf den Krankheitsverlauf. Die pandemischen Gegebenheiten werden dadurch nicht betroffen.

Das Gespräch führte Torsten Engelbrecht

Professor Dr. Bernhard Ruf leitet das Leipziger Kompetenzzentrum für hochansteckende Krankheiten


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00:00 21.01.2005

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