Korrekt schenken

A–Z Es gibt ein richtiges Schenken im Falschen! Wem also gar nichts für seine Liebsten einfällt, der muss das echt gut begründen – Konsumkritik greift da zu kurz. Das Lexikon
Korrekt schenken

Foto: Jean-Francois Monier/AFP/Getty Images

A

Artefakt Wohin uns der Spätkapitalismus führen kann, ist anhand der Studien des Ethnologen Franz Boas nachvollziehbar. Im 19. Jahrhundert beobachtete er die Tradition der Kwakiutl, unter deren Häuptlingen es üblich war, Geschenke reichlicher zu erwidern. Dies führte in der Folge dazu, dass sich eine der beiden Parteien (meistens die erwidernde) ruinierte. Damit Ihnen ein solches Unglück nicht widerfährt, hat das renommierte Institut für Zeitgenossenschaft das Missverständnis des Schenkens ein für alle Mal ausgeräumt: Ein Geschenk ist dementsprechend das letzte Artefakt (Gadget), das durch konsequente Selbstleugnung die Hoffnung suggeriert, die Form eines jeden anderen Dings annehmen zu können. Das Geschenk an sich ist unverpack- und daher unverschenkbar. Vergessen Sie also auf der Stelle alles, was Ihnen der französische Soziologe Marcel Mauss über die Gabe erzählt hat, und machen Sie sich keine allzu großen Sorgen. Sie schenken kein Geschenk, sondern nur Dinge. Tilman Ezra Mühlenberg

C

Coffee to go ist eine feine Sache. Ich trage öfter Kaffee mit mir herum. Und habe dabei ein schlechtes Gewissen (➝ Korrektes), logisch: der ganze Abfall, Pappe, Plastik, Holz. Was für ein Glück sind da diese hippen Coffee-to-go-Becher, die es mittlerweile in allen möglichen Farben, Größen, mit langweiligen und mit wundersamen Designs gibt. Das Ding löst manches ökologische und ökonomische Problem und besänftigt gleichermaßen Seele und Kaffeesehnsucht. So ein Ding wollte ich haben und ließ mir eins schenken. Schlicht, kein Schnickschnack (Freudian Slippers). Aber was soll ich sagen? So wie die Schenkerin den Becher auf meinen Küchentisch stellte, so steht er da immer noch. Ich habe ihn bisher nicht benutzt. Nimmt dann doch zu viel Platz in der Tasche weg. Und was, wenn Kaffeereste ins Handy tropfen? Simone Schmollack

E

Extra, das gewisse Es wird in der Regel durch die Großeltern, Onkel, Tanten und Freunde aus dem kinderlosen Vorleben der Eltern ins Haus gebracht. Meistens ist es aus Plastik, macht im Zweifel einen ohrenbetäubenden Lärm oder leuchtet im Dunkeln, unter Umständen kann es explodieren oder es ist mit raffiniertem Zucker in einem beliebigen Aggregatzustand gefüllt. Geschenkt wird das gewisse Extra an Geburts- und Feiertagen oder auch einfach so, wenn irgendwer zu Besuch kommt.

Dankend ablehnen (➝ Zauber) ist keine Option. Den Eltern der Beschenkten bleibt deshalb zum Erhalt der eigenen Nerven und der Kinderzähne meist nichts anderes übrig, als diesen neuen heißen Scheiß in einem günstigen Moment dem Sichtfeld des Kindes zu entziehen. Nur auf sehr nachdrücklichen Kinderwunsch wird das ➝ Artefakt oder auch ➝ Gadget wieder hervorgeholt, meist mit einem strengen Zeitlimit versehen. Ich fürchte, auch mein Lieblingsgeschenk 2017, einen roten Tyrannosaurus Rex, dessen Kopf man abschrauben kann und der dann Erdbeerspray spuckt, hat dieses Schicksal ereilt. Christine Käppeler

F

Freudian Slippers Unter älteren Semestern gibt es den hübschen Brauch, Hausärzten zu Weihnachten ein Präsentkörbchen zu überreichen. Aber was schenkt man dem Psychotherapeuten, der die dunkelsten Geheimnisse kennt?

Wie wäre es beispielsweise mit Freudian Slippers (Extra, das gewisse)? Das sind plüschige Puschen mit dem Konterfei Freuds (besonders schön: die krausen Augenbrauen), die sich der Psychoanalytiker Ihres Vertrauens in der nächsten Sitzung ankleben kann. Fast genauso schön: Die „Freudian Sips“-Teetasse mit dem ikonischen Analytiker, der „your mother“ intoniert. Ob Analytiker Geschenke annehmen dürfen? Egal, sie werden es schon niemandem verraten! Marlen Hobrack

G

Gadgets Es gibt ein richtiges Schenken im Falschen: Schöne Dinge ohne Nutzen unter seinen Lieben zu verteilen, ist ein Beispiel dafür. Mit Gadgets, die die Welt nicht braucht, kann man sich dem ganzen, auch Weihnachten regierenden Nützlichkeitswahn entziehen. Warum nicht einen Sender verschenken, der dem Empfänger meldet, wenn jemand auf seiner Matratze schläft? Oder man verwendet diesen Live-Hack für Profis als Gabentipp: Statt einer teuren elektrischen Zahnbürste klebt man eine Zahnbürste mit Tesafilm an einen Vibrator (➝ Holzdildo). Wie wäre es mit Pantoffeln mit USB-Anschluss? Oder man kauft ein teures Gerät, mit dem der Besitzer mit seinem Hund skypen soll. Gibt’s alles. Useless Box heißt eine Kiste, die sich selbst ausschalten kann: Schöner kann man dem Effizienzzeitgeist nicht vor den Kopf stoßen. Per Knopfdruck schaltet man den Mechanismus an. Eine Klappe öffnet sich, ein Finger schießt heraus und kippt den Schalter wieder auf „Aus“. Tobias Prüwer

Gutscheine Der Geschenkgutschein genießt einen schlechten Ruf. Ausdruck höchster Einfallslosigkeit sei er. Man könnte doch, so meinen freilich nur Zyniker, ebenso gut Geld verschenken. Vielleicht in einer hübschen Karte verpackt. Das aber hintergeht die Logik des Schenkens, die dem Beschenkten bekanntermaßen aufnötigt, was man selbst für richtig befindet. Mit der Ikea-Geschenkekarte für den ältesten Sohn stellt man sicher, dass dieser das Geld nicht sofort gegen eine Wochenendration Marihuana (Coffee to go) tauscht. Mutter bekommt einen Theatergutschein. Sie muss mal wieder unter Leute. Und wer für sich selbst insgeheim seit Jahren einen kleinen Wellness-Urlaub erträumt, schenkt ihn vielleicht der Schwester. Meine Güte, die hat es eben auch mal nötig. Marlen Hobrack

H

Holzdildo „Erlebe die Kraft der Natur! Holzvibratoren, Holzdildos & Holzplugs von WaldMichlsHoldi, dem Original aus dem Odenwald. Aus heimischem, schnell nachwachsendem Fichtenholz von nachhaltiger Forstwirtschaft und 100 Prozent schadstofffreier Farbe.“ So steht’s auf der Website des Familienbetriebs.

Außerdem im Angebot: G-Punkt-Stimulation mit der „Doppelhummel“, für die es die Bestnote von einem Öko-Verbraucherportal gab. Es werden nämlich keine Weichmacher (Präservative) verarbeitet. Mit WaldMichlsHoldi wird man sich auch garantiert keinen Splitter einziehen. Stringent der lumbersexuellen Note folgend auch die Namen der Produkte: „Waldfee“, „Kleiner Biber“, „Erdhörnchen“ und „Tannenzäpfchen“. Vor zehn Jahren drechselte Elmar Thüry Holzpilze als Gartendekoration. Einer dieser Pilze geriet etwas zu klein. So fing alles an. Mittlerweile werden sogar Betriebsführungen in Buchen angeboten – einem 600-Seelen-Nest, wo man nicht lange geheim halten konnte, was Familie WaldMichlsHoldi so drechselt. Elke Allenstein

K

Korrektes Patenschaften, Spendenabos und dergleichen muss man überkorrekte Geschenke (Steuergeschenk) nennen. Denn sie punkten gleich auf zwei Ebenen mit dem Anspruch des Richtigen. Wenn man Patenschaften für Kinder, Tiere, Bäume oder andere bedürftige Kreaturen verschenkt, ist das eine sichere Bank. Natürlich sind solche monetären Einsätze für die gute Sache eben genau das: eine gute Sache. Hier lässt sich lediglich darüber streiten, welche Organisation nun die beste ist oder wer mehr Hilfe braucht.

Da Opferkonkurrenz und das Vergleichen von Bedürftigkeit aber nicht gut fürs Karma sind, werden solch leidliche Debatten ausbleiben. Das führt zur zweiten Ebene der Korrektheit: Sie werden nicht beanstandet. Niemand am Gabentisch oder unterm Baum wird murren, wie „langweilig“ oder „unsinnlich“ das Überreichte ist, weil’s ja korrekt ist. In Zeiten der verrohten politischen Kommunikation kann der Nimbus des Korrekten aber auch zum Lackmustest werden. Familie kann man sich bekanntlich nicht aussuchen, mit einer verschenkten Patenschaft für einen Flüchtling oder ein muslimisches Kind aber einem rechtsgesinnten Verwandten die Sprache verschlagen. Ob das noch korrekt ist? Tobias Prüwer

P

Präservative Sie kennen die Verkäuferin, die durch den Laden brüllt: „Tina, was kosten denn die Kondome?“ Der junge Mann an der Kasse möchte am liebsten im Boden versinken. Charmanter Clip. Es gibt inzwischen aber auch eine selbstverständlichere Art der Aufklärung, die unterm Weihnachtsbaum: Liebevoll eingewickelt liegen dort Präservative, Geschenk der kleinen Schwester an den etwas älteren Bruder. Der packt sie aus, errötet gar nicht, sondern gibt seiner Freundin, die auch dabei sitzt, einen Kuss. Ich hab’s erlebt. Ulrike Baureithel

S

Steuergeschenk Inseln, Anwälte, Papierkram? In Italien bewahrt der Staat Millionäre und Milliardäre aus dem Ausland gegen eine Pauschale von nur 100.000 Euro per annum vor dem Fiskus. Der Anhang zahlt 25.000 p.a. und darf in Italien so viel Geld bunkern, wie nur geht. Freilich, die Beschenkten brauchen einen Wohnsitz in Italien, dürfen weder in Italien arbeiten noch von den vergangenen zehn Jahren mindestens neun Jahre nicht im Land gelebt, ihr Vermögen nicht in Italien verdient haben. Deshalb und zur Vermeidung von Schlauchbootfahrten oder Fußmärschen nach Italien gibt’s gegen eine Million Euro ein Sondervisum für „speziell“ Superreiche. Helena Neumann

W

Werkzeug Einen formschönen Schraubenzieher, einen Mini-Kuhfuß und einen zierlichen Hammer – hübsch verpackt und mit Schleifchen versehen – habe ich einmal jemandem zu Weihnachten geschenkt. Der hatte – befragt nach Geschenkwünschen – wie schon öfter geantwortet: „Eigentlich nichts.“

Das „eigentlich“ ist das „Eigentliche“ und Vertrackte an solchen Auskünften. Es setzt gehörig unter Druck. Darf’s vielleicht ein Wunderkästchen sein, eine Schatzkiste mit magischem Inhalt, oder eine ganz tolle Überraschung (Gutscheine), deren Herstellung jedoch keineswegs durch ein paar Infos erleichtert wird? Es hat was von „Ach, wenn du wüsstest“. Ist natürlich übertrieben, aber ich dachte: Gut, bitte schön, öffne deine eigene Fantasiekiste, das Werkzeug gibt’s von mir. Siehe da, der Freund freute sich. Er habe einen Schraubenzieher dieser Größe gerade verlegt und freue sich, wieder einen zur Verfügung zu haben. Der „Hammer“ aber sei der neue Hammer. Humor hatte er, durchaus. Magda Geisler

Z

Zauber In den Gedärmen des Konsumismus rumort es wieder. Seine Flatulenzen legen sich über illuminierte Straßen, wo später die Baumkadaver herumliegen.

Dieser immer wiederkehrende Anti-Fasten-Monat ist Inkarnation eines von mythologischem Inhalt entkernten Rituals. In ein paar Jahrzehnten wird sich niemand mehr daran erinnern, was Hintergrund des kollektiven Rauschs (Gadgets) war. Versuche, diese hysterische Gefühlsduselei zu ignorieren, sind angesichts des fest eingeplanten Wirtschaftsfaktors Akte der Subversion. Also, Wegschauen, Totschweigen, auch wenn die Füße noch so sehr im Brei aus Zuckerwatte und Glühwein festkleben. Marc Ottiker

06:00 22.12.2017

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