Milchlos in Manhattan

Streaming Auch in der 4. Staffel von „The Marvelous Mrs. Maisel“ gehen Debatten über weiße Privilegien im Feuerwerk der Pointen unter

Mit The Marvelous Mrs. Maisel wurde 2017 eine Art Märchen aus Manhattan zum unverhofften und preisgekrönten Serienhit für Amazon Prime, damals als aufkommender Netflix-Konkurrent noch kritisch beäugt. Kreiert hat ihn Amy Sherman-Palladino, seit Gilmore Girls für ihren rasanten, mit popkulturellen Referenzen gespickten Dialogwitz bekannt. Für The Marvelous Mrs. Maisel versetzte sie dieses Markenzeichen ins Jahr 1958 und erdachte eine fiktive Geschichte um die New Yorkerin Miriam „Midge“ Maisel (Rachel Brosnahan), die ein komfortables Dasein als Hausfrau an der Upper Westside führt, bis sie, frisch von ihrem Ehemann verlassen, ihr Talent für Stand-up-Comedy entdeckt.

Die detailreiche Ausstattung mit prachtvollen Petticoat-Kleidern, an Lächerlichkeit grenzenden pompösen Hüten und Intérieurs in Bonbonfarben zog bewundernde Blicke auf die Serie. Zugleich trugen schrullige Nebencharaktere – allen voran Midges hemdsärmelige Managerin Susie Meyerson, von Alex Borstein großartig verkörpert – zu einem wahren Dialogfeuerwerk bei, das sowohl in den Stand-up-Auftritten als auch den temporeichen Streitereien der Protagonistin mit ihren versnobbten Eltern kulminierte. So brachte Mrs. Maisel frischen Wind in eine Serienlandschaft, die in puncto Zeitkolorit bis dato eher auf düstere Gesellschaftsdramen wie Mad Men gesetzt hatte.

Nichtsdestotrotz wurde ab der zweiten Staffel zunehmend Kritik an der vermeintlichen Selbstermächtigung von Midge Maisel laut, einer von vornherein mit Privilegien gesegneten Hauptfigur, deren zwischen nonchalanter Spritzigkeit und selbstgerechter Melancholie mäandernde Persönlichkeit sich nicht so rasant zu entwickeln schien wie ihre Karriere als Stand-up-Comedienne. Dies wurde vor allem zum Ende der dritten Staffel offensichtlich, als Midge bei ihrem triumphalen Auftritt im legendären Apollo Theater den mit deutlich weniger Privilegien ausgestatteten schwarzen und seine Homosexualität verbergenden Sänger Shy Baldwin (Leroy McClain) unbedacht einem augenzwinkernd angedeuteten Zwangsouting unterzieht. Als sie daraufhin ihr lukratives Engagement verliert, wird dies als schwerer, Mitgefühl fordernder Karriererückschlag präsentiert.

Die nun mit zwei Episoden wöchentlich erscheinende vierte Staffel setzt kurz nach diesem Tiefpunkt an, präsentiert aber eine Midge, die keineswegs geläutert aus dieser Erfahrung hervorgeht: Rauchend und in einen schwarzen Jumpsuit gekleidet spricht sie beim Auftritt im Gaslight Café, in dem ihre Karriere begann, von ihrem Drang nach „süßer Vergeltung“. Nach dem erzwungenen Abbruch ihrer Tournee hat sie tatsächlich mit neuen Hürden zu kämpfen, etwa der Häme ihrer Komiker-Kollegen, einer medialen Schmierenkampagne und finanziellen Nöten. Letztere werden durch ihre Weigerung, von ihrem luxuriösen Lebensstandard und der Eigentumswohnung an der Upper Westside abzulassen, noch verstärkt. Anfangs redet sich Midge noch erfolgreich aus ihrer mangelnden Liquidität bei den Essenslieferanten heraus, erlebt aber den tränenreichen Tiefpunkt eines Morgens, als ihr keine Milch vor die Tür gestellt wird. Auch Vater Abe (Tony Shalhoub) kann ihr kaum unter die Arme greifen, hat der einstige Universitätsprofessor doch inzwischen als schlecht bezahlter Theaterkritiker bei der alternativen Zeitung The Village Voice angeheuert. „Auf die Kunst“ stoßen die beiden schließlich angesichts dieser ungewohnten Lebensbedingungen zum Ende der zweiten Folge an.

Für Zuschauer*innen, die mit auswegloseren Finanznöten vertraut sind, muten diese Entwicklungen in Mrs. Maisel natürlich lachhaft an. Aber letzten Endes hat die Serie stets einen gewissen Hang zum Eskapismus und wohlwollenden Übergehen oberflächlicher Sozialkritik gefordert. Wer dies über sich brachte, wurde mit viel pointenreichem Schlagabtausch belohnt, wie ihn auch Staffel vier zu bieten hat: Ein erstes Highlight ist eine urkomische Riesenrad-Sequenz, in der Midge ihrer Familie, samt Exmann und dessen lautstarken Eltern, ihren Tourneeabbruch verkündet. Und in puncto Charakterentwicklung hält man sich besser an Midges Managerin Susie. Diese steht in der vierten Staffel vor der Herausforderung, Midges Drang nach spontanen und unzensierten Auftritten mit ihrem eigenen wachsenden Geschäftssinn zu vereinbaren. Viel Zeit für diese Entwicklung wird ihr nicht eingeräumt: Eine fünfte und finale Staffel ist bereits beauftragt.

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