Le Kitsch: Unsere liebsten Franzosenklischees

Grandeur Frankreich wählt – und wir widmen uns unseren liebsten Bildern vom Nachbarland, von Camembert bis Zidane

A

Amour Wo ist die Liebe in Paris? Ich sollte diese Frage vor Jahren für ein Magazin recherchieren. Ein Bestsellerautor empfahl mir, ins Blindencafé zu gehen, da sei eine wahre, intime Begegnung möglich. Die (deutsche) Tänzerin vom Lido sagte, ihr Freund habe sie auf dem Friedhof Père Lachaise zum ersten Mal geküsst. Vincent Delerm, ein Sänger, hatte sich sein Paris aus Chansons gebaut, aus Filmen, all den Mythen. Das reale Leben war weniger schwebend, eher ein Kampf. Die Liaisons kurz. Bloß nicht festlegen, nur nichts Ernstes. Als die Geschichte erschien, war sie mit Paris, je t’aime betitelt, nach dem Episodenfilm, in dem 20 Regisseure die „Stadt der Liebe“ feiern. Man konnte im Hintergrund den Eiffelturm sehen. Klar. Einmal hatte ich sie gefunden, glaubte ich, die Liebe (➝ Kaserne). Er war schön, wohnte in einer Straße, wo sie an der Ecke Crack rauchten. Seine Toilette war auf dem Gang. Seine Hemden hingen in einer faltbaren Garderobe. La vie, l’amour, alles prekär. Aber echt. Maxi Leinkauf

B

Bohème Was im 17. Jahrhundert eine abwertende Bezeichnung war für Leute, die wie der Stamm der „Boier“ herumziehen und keiner geregelten Arbeit nachgehen, bekam später eine romantische Aura. In der Puccini-Oper „La Bohème“ sitzen junge Künstler in Paris hungrig vor einem kalten Ofen, aber tragisch-schön erstrahlt die Liebe (➝ Amour). Paul Verlaine (1844 – 1896) und Arthur Rimbaud (1854 – 1891) wurden Symbolfiguren für ein ausschweifend freies Künstlerleben. Inzwischen ist die Verachtung bürgerlicher Enge, von der Popkultur befeuert, gerade bei Jugendlichen Trend geworden. Im kreativen Milieu tröstet kulturelles Kapital bis heute über die prekäre ökonomische Lage hinweg. Und die Verklärung dessen findet sich nach wie vor an der Seine, wo die Künstlerviertel Montparnasse und Quartier Latin legendär geworden sind. Irmtraud Gutschke

C

Camembert Den Käse im Ofen backen und mit Preiselbeeren kredenzen, ein schnelles Croissant aus der Backstation – Hauptsache, ein Glas Rotwein dazu: Schon ist unser Bild vom Savoir-vivre erfüllt (➝ Bohème). Von der Kunst, das Leben zu genießen und den Genuss zu zelebrieren, wie man es jenseits des Rheins tut, ist das allerdings nur ein Abklatsch. Echten Camembert aus Rohmilch – au lait cru – muss man in hiesigen Feinkostabteilungen lange suchen.Hat man solchen einmal probiert, schmeckt die Supermarktware nur noch nach aromatisiertem Gummi. In Frankreich bekommt man gutes Gebäck von Handwerksbäckereien an jeder Ecke. Hier muss man diese zwischen den vielen Kettenfilialen suchen, weil die Deutschen einfach weniger Geschmack haben. Oder dafür weniger ausgeben wollen beziehungsweise können.Und wenn wir einmal hohe Qualität auf die Tafel bringen, dann heben wir das als etwas Nicht-Alltägliches heraus. Natürlich ist die zweistündige Mittagspause mit drei Gängen ein Klischee: Auch in Frankreich herrscht Druck, wenige Menschen haben üppig Pause. Aber „un verre de rouge“ geht immer. Tobias Prüwer

D

Delon In ihm verkörpern sich Frankreichs dunkle und abgründige Facetten im Gewand atemberaubenden Aussehens und perfekter Eleganz. Ein Filmkritiker schrieb einmal über Alain Delon: „Wir könnten ihm auf der Leinwand zuschauen, wie er seine Oma erdrosselt, und würden ihm immer noch zu Füßen liegen.“ Von der Straße weg in die Armee eingetreten, im – von Frankreich gerne verdrängten – Indochina-Krieg dienend, später auf Tuchfühlung mit der Organisierten Kriminalität und schließlich unverhohlen Sympathien für die extreme Rechte äußernd: Er bildet als nationales Denkmal (➝ Zidane) einen markanten Gegensatz zur Wurstigkeit von Depardieu und Belmondos Draufgängertum. Marc Ottiker

G

Grandeur Soll ich mich mokieren über Emmanuel Macron, der sich zum EU-Chefstrategen macht? Vielleicht haben er und Olaf Scholz sich nur die Rollen geteilt? EU-Krisensitzung in Versailles: Debatten zur Ukraine in prunkvollem Ambiente. Aber was ist nicht alles fragwürdig heutzutage? Auch wenn nationale Großartigkeit auf unsereins fatal wirkt, aus historischen Gründen, die „Grandeur de la France“ gehört zum französischen Selbstverständnis. Bis ins späte 19. Jahrhundert hinein war das Französische Verkehrssprache des europäischen Adels. Auch an den Zarenhöfen wurde kaum Russisch verstanden, und allzu gern hat man Versailles kopiert. Irmtraud Gutschke

H

Handke Das 15. Arrondissement, Pont Mirabeau, sei seine Lieblingsecke, sagte Peter Handke mal. Paris sei eben immer noch die Stadt der Städte – und da weht wieder dieser Wind des komprimierten Kitschs durch die Zeilen, dem man sich bei diesem Land nie ganz entziehen kann. Handke streunert derweil in den Randgebieten der Stadt, auf der Suche nach neuen Sätzen, denn es ist eben noch nichts erfunden. Anders als Ulrich Wickert, der immer etwas selbstgefällig heimisch, käseordenbehangen durch die Landschaften schritt, ist Handke so eine Art menschliche Wanderinstallation eines deutschsprachigen Wesens, das durch sein Timbre eben doch frankophil wirkt. Nur die Betrachtung dieses stillen Menschen, der den Lärm scheut, aber die lauten Sätze nicht, ist dabei sandalendeutsch: der angebliche Eremit in seinem Häuschen nahe Paris. Doch Handke ist kein Bewohner des Elfenbeinturms. Er ist der Turm nebst Handy. Jan C. Behmann

K

Kaserne Die erste große Liebe, wie kitschig das klingt, heute heißt es Interimspartnerschaft. Aber damals, mein Herz glühte. Jean-Pierre Lemaire! Seit Jahren versuche ich immer mal wieder, ihn zu finden, aber es gibt keine Spur im Netz. Ich habe keine Telefonnummer, es gab ja damals keine Handys. Ich sah ihn zum ersten Mal am Freitag in der Kneipe der Stadt. Er trank weißen Martini, rauchte Zigarillo, dieser melancholische, kluge Blick (➝ Philosophen). Ich war Gymnasiastin, Leistungskurs Französisch, und schrieb ihm, très kitschig, ein Gedicht, auf Schulfranzösisch, über ihn, der immer freitags in der Kneipe der Stadt einen weißen Martini trank und Zigarillo rauchte, mit diesen melancholischen, klugen Augen. Das Gedicht fuhr mit einem Martini per Taxi in die Kaserne. Als ich am Telefon zu Hause seine Stimme hörte, wollte mein Herz zerspringen. JP lud mich zum Essen ein, erklärte mir, eine Deutsche und ein französischer Soldat, c’est le Klischee. Ich blieb hartnäckig. Katharina Schmitz

N

New Wave Wer bis Mitte der 1980er noch nicht mit der New-Wave-Konfiguration des Pop warm geworden war, lernte mit Les Rita Mitsouko endlich auch diese Musik niedrigschwellig lieben. Weil sie für uns Punk-Jugendliche so nett klang und toll ins Ohr ging. Ohne der Sprache Sartres mächtig zu sein, schmetterte man den Gassenhauer „C’est comme ça“ mit und bekam gute Laune. Vol de nuit klang wie Edith Piaf, verschweißt mit dem Zeitgeist der 1980er. Und Yuppies lauschten nicht mehr den hingerotzten musikalischen Auswürfen britischer Proletarier-Kids, sondern trendigen Pariser Hipstern, die den Eindruck machten, als wollten sie die Welt zu einem netteren Ort machen, statt routiniert den nächsten Krawall vorzubereiten. Florian Schmid

P

Philosophen Es hält sich das Missverständnis, die französische Philosophie sei irrationalistisch, unverständlich, verrätselt. Manchmal wird sie als Literatur ( Sagan) statt Wissenschaft bezeichnet. Das ist allein deswegen unhaltbar, weil es die eine französische Philosophie nicht gibt. Auch auf Denker, die wie Michel Foucault, Jacques Derrida und Jean-François Lyotard im Fokus jener Kritik stehen, trifft das schwerlich zu. Das Missverständnis resultiert aus Unkenntnis und Kalkül. So bügelte Jürgen Habermas sie als „Junge Konservative“ ab, das deutsche Feuilleton folgte ihm und seinen Jüngern eifrig. Wahrer wird der Vorwurf nicht. Und wer sich durch Habermas’ zweibändige „Theorie des kommunikativen Handelns“ gequält hat, meistert Foucaults Eskapaden mit Leichtigkeit.Tobias Prüwer

S

Sagan „Ich bin so gern traurig“, dichtete ich als Teenager. Ich hatte gerade Bonjour tristesse (1954) gelesen. Das war so faszinierend. Und diese schöne, böse, intrigante Raffinesse. Die wollte ich auch, aber das verlief im Sande, denn meine Mutter spielte nicht mit. Später las ich Lieben Sie Brahms? von ebenjener Françoise Sagan. Hand in Hand im Salle Pleyel und älter werden zwischen den Seidenlaken eines Luxusbetts. Auch so traurig. Der junge Held neben der Bergman im gleichnamigen Hollywoodfilm – sehr reizvoll. Aber dann kam die Resignation, die wirkliche Tristesse. Mit Sagans Sachen und Sätzen. Schön und traurig, wenn nach dem Tiefsinn – très blubbernd – das Triviale die Oberhand gewinnt. Magda Geisler

V

Versailles „Der King of Kitsch in Versailles“, titelten die Zeitungen, als sich Jeff Koons anschickte, Schloss Versailles mit seinen Ballonhunden, Hummern, Hasen, ähnlichem bonbonfarbenen Getier oder der Figur Michael Jackson and Bubbles zu bestücken. 2008 fand hier eine Ausstellung statt, welche die Gemüter erregte. Doch was von manchen als Verhonepiepelung der Republik (➝ Grandeur) wahrgenommen wurde, macht Sinn: Jeff Koons und Versailles, das geht gut zusammen. Denn Koons Kunst, die damals in den Gemächern des Sonnenkönigs Ludwig XIV., Marie Antoinettes und im Spiegelsaal zu sehen war, die passt mit ihrem pompösen Gestus zwischen Monumentalität und Leere bestens in diese grotesk überladene Barock-Architektur, die deutsche Touristen so sehr lieben und für sooo französisch halten – und setzt noch einen drauf. Die Verbindung von Kunst und Macht zeigt sich im Schlossbau genauso wie im Werk von Koons, der als Hofnarr der Superreichen ja selbst eine barocke Figur ist. Marc Peschke

Z

Zidane Er lief Gefahr, ein Abziehbild zu werden. Das Kopfstoß-Maskottchen. Eine Statue wurde 2013 in Doha aufgebaut. Das Denkmal Coup de Tête des algerischen Künstlers Adel Abdessemed zeigt den ehemaligen Weltfußballer dabei, wie er im WM-Finale 2006 seinen italienischen Gegenspieler Marco Materazzi ins Visier nahm. Der tragische Moment, in Bronze gegossen. Der Kopfstoß wurde Literatur (der belgische Autor Jean-Philippe Toussaint beschreibt im Büchlein „La Mélancolie de Zidane“ minutiös die Ereignisse im WM-Endspiel). Ein Popsong stürmte die Charts. Und Zidane? Er übernahm Real Madrid, den Verein in dem er zuvor gespielt hatte – als Trainer. Gewann dreimal die Champions League. Nach der WM 2022 könnte er französischer Nationaltrainer werden, er soll als Nachfolger von Didier Deschamps schon bereitstehen. Es könnte ihn zum Denkmal machen. Maxi Leinkauf

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