Lektoren

A–Z Tagein, tagaus rupfen sie im stillen Kämmerlein die Stilblüten, und am Schluss jubelt alles den Autoren zu. Keiner denkt an sie. Keiner? Doch. Wir! Das Buchmesse-Lexikon
Lektoren
Foto: Ostrow/Dream Pictures/Getty Images

A

Angst Ob Adson von Melks Bibliotheksabenteuer, Robert Langdons Schnitzeljagd durch den Vatikan oder Harry Potters erstes Hogwarts-Jahr im Kampf mit Du-weißt-schon-wem – drei der weltgrößten Bucherfolge unserer Zeit teilen ein Geheimnis mit vielen weiteren Bestsellern: Auch sie landeten nicht gleich auf den Schreibtischen ihrer späteren Verlage, sondern fanden ein Millionenpublikum erst über verschlungenere Wege. Wohl nahezu jede Lektorin, jeder Lektor kennt die Angst, ein Manuskript bei der Lektüre im stillen Kämmerlein nicht als großen Wurf (Proust) zu erkennen. Wie begegnet man am besten dieser Sorge, im entscheidenden Moment womöglich die falsche Brille zu tragen? Gelassenheit könnte helfen, denn fragt man einmal genauer nach und legt die Hand aufs Herz, wird klar: So gut wie jede Kollegin, jeder Kollege hält irgendeine mehr oder weniger prominente Leiche der Literaturgeschichte im Keller versteckt, mindestens. Es könnte die Angst also ein wenig mindern, sich zu sagen, man steht mit seinem Fehlurteil am Ende nie allein – um dann fleißig weiter zu lesen. Andreas Paschedag, Berlin-Verlag

D

Dekubitus Unter den Lektoren gibt es sogenannte Freie, die das zu bearbeiten haben, was der angestellte Lektor zumindest so lange für das nächste große Ding hielt, bis er sah, was er auf Gutachtenbasis gekauft hat, ist ein Versroman epischer Länge. Wochenlang sitzt der nach Normseite bezahlte Knecht auf seinem Stuhl und macht mit Akribie aus Scheiße Pralinés. Der freie Lektor ist ein unansehnlicher Zeitgenosse – vom Festsitzen im London des 18. Jahrhunderts hat er einen Dekubitus am Arsch. Dass einzeln lebt, wer tagein, tagaus nur Fehler ausmerzt, macht ihm nichts, gilt doch all sein Eifer dem Roman auf seinem ungepflegten Notebook. Ein freier Lektor ist ein Verzweifelter, wenn nur 90 und nicht 97 Prozent seiner Korrekturen angenommen werden.

Alles würde er tun, seinen Autor (➝ Selbstlektor, Renitenz, Harmonie) zur Einsicht zu bringen, sogar Geschlechtsverkehr, wenn der Dekubitus ihm nicht so peinlich wär. Und er geht ja nicht mal aus. Deshalb hat man den freien Lektor nie gesehen. Susann Rehlein, freie Lektorin

F

Fachidioten, die; [Abk. FI] (nicht zu verwechseln mit: Vollidiot; Nerd; Idiot savant): seit dem 20. Jh. beobachtete Unterart der Hominiden; bisher nur bei männlichen FI diagnostizierbar. FI unterscheiden sich äußerlich nicht vom Normalidioten, spezialisieren sich auf eine Fachdisziplin, die sie auswendig lernen und genauso wiedergeben (Streber).

Weder verfügen FI über Ein-, Über- noch Durchblick, wirken aber emotional und mental völlig autark. In allen Feldstudien erweisen sich FI als so stark negativ belichtet, dass sie ihr Handicap durch aggressive Mitteilsamkeit kompensieren. Herz- und hirnzerreißend, „dumm, fleißig und gefährlich“ (Talleyrand) denken FI nicht(s), handeln aber immer universal. Als die am schnellsten sich ausbreitende Idioten-Spezies drohen die FI die Spezies der Bürokraten vollständig zu verdrängen. Johannes Czaja, Klett-Cotta

H

Harmonie So hatte ich mir die Verlagsarbeit anfangs auch vorgestellt: Bücher machen mit Menschen, mit denen man gemeinsame Interessen hat, inhaltliche und ästhetische, mit denen man auch befreundet sein könnte oder es gar ist. Als der Erste dann zu einem größeren Verlag wechselte, konnte ich es nicht glauben. Mit dem war ich nicht einmal befreundet gewesen. Wochenlang schreckte ich nachts mit Albträumen auf. Die ersten Tage in Tränen gebadet. Als ein paar Jahre später ein wirklicher Freund zu einem Agenten ging, brach eine Welt zusammen. Er hat es zwar später bereut, und nach ein paar Jahren besuchten wir uns auch wieder, aber wie früher wurde es nie mehr.

Inzwischen sind viele Jahre vergangen. Es ist viel passiert, es gab wirklich große Momente mit Kollegen und Autoren, es gab natürlich auch Misshelligkeiten, Zerwürfnisse, und ich habe gelernt, dass professioneller Abstand (Fachidioten) manchmal eine gute Sache ist. Aber, ehrlich gesagt: Nichts ist großartiger, als wenn mehrere Seelen im Gleichtakt schwingen und man gemeinsam Bücher macht. Wolfgang Hörner, Galiani-Verlag

J

Juristik Urhebervertrags- und Persönlichkeitsrecht, Zitatrecht, Bildrecht – bevor der Lektor an die Arbeit geht, steht nicht selten die Frage, wer hat welches Recht, und wenn ja, wozu? Gerade Sachbücher, gerade Biografien tangieren immer die Rechte lebender oder toter Personen. Seit Maxim Billers Roman Esra, gegen den erfolgreich geklagt wurde, weil sich jemand darin wiedererkannte, trifft dies auch auf fiktionale Texte zu.

Was darf Kunst, was soll sie, und inwiefern kann und muss der Lektor nicht nur den Text beurteilen, sondern auch seine möglichen juristischen Gefahren einschätzen? Diese Frage ist drängender geworden. Die ganze Antwort darauf weiß vermutlich nicht einmal der Wind. Obwohl kaum noch ein Manuskript ohne die Expertise von mindestens einem Anwalt veröffentlicht wird, saß ich in meiner Laufbahn bereits in mehreren Gerichtsverhandlungen und auch in einem Verhör im Polizeipräsidium Otto-Braun-Straße. Eine ganz neue Erfahrung im Leben einer Lektorin. Meine Antwort auf die meisten Fragen, die unsere Juristin zu Manuskripten stellt, lautet: Meinungsfreiheit im Sinne des Grundgesetzes. Verlag und Lektor werden dieses Recht des Autors (Zitate, gesammelt) immer stützen. Franziska Günther, Aufbau-Verlag

P

Proust Die Idee, ein Lexikon über den „unsichtbaren Zweiten“, wie die Buchwissenschaft den Lektor nennt, zu schreiben, kam uns beim Lesen von Delf Schmidts köstlichem und ungeheuer kenntnisreichen Text für die Literaturzeitschrift Volltext (Nr. 4/2016). Delf Schmidt, geboren 1945, war von 1977 bis 2000 Lektor bei Rowohlt, dann von 2000 bis 2011 im Berlin-Verlag tätig. Seit 2012 arbeitet er als freier Lektor. Mansukripte von unter anderen Elfriede Jelinek, Herta Müller, Péter Esterházy, Mathias Énard gingen durch seine Hände. Heute sind es die Bücher etwa von Péter Nádas, Jean-Philippe Toussaint.

Delf Schmidt erinnert an spektakuläre Fehlentscheidungen zum Beispiel jene von André Gide, der Marcel Proust 1912 keinesfalls goutierte. Er sei ein „mondäner Amateur“, urteilte Gide, mit der weltberühmten Madeleine-Szene konnte er nichts anfangen. Für Schmidt „eine Urszene“ des Lektorats. (Immerhin wurde Gides Briefentwurf 2013 für 145.000 Euro bei Sotheby’s versteigert.) Lektoren arbeiteten in der Regel leiser als Gustave Flaubert, schreibt Schmidt, aber die Textarbeit habe ihren mythischen Ort, vielleicht so wie Flauberts „gueuloir“, der Resonanzraum, in dem Flaubert seine Texte hinausschrie und so die Kohärenz und Reinheit eines jeden Satzes überprüfte. Katharina Schmitz

R

Renitenz Das semantische Feld dieses Begriffs umfasst unter anderem die Bedeutung „Widerstand gegen Druck“. Letztere scheint mir das Verhältnis zwischen Autor und Lektor am besten zu umschreiben: Der Lektor versucht mit mehr oder weniger sanftem Druck seine stilistischen, strukturellen, orthografischen Änderungen durchzusetzen. Der Autor (Selbstlektor) reagiert natürlich mit zumeist erbittertem Widerstand. Nach einer Phase friedlicher, wenn auch zäher Verhandlungen münden diese nicht selten in die offene Konfrontation, die, wenn die Kräfte erschöpft sind, durch Waffenstillstandsabkommen unterbrochen werden müssen.

Geht es um Cover und Titel, dreht sich das Verhältnis um – der Autor: Meiner Schwiegermutter gefällt der vorgeschlagene Titel nicht, auf dem Cover hätte ich gern diese Grafik meines Neffen, er ist Mitglied im Zeichenzirkel. Hier leistet nun der Lektor möglichst geduldigen Widerstand, gibt an einer Stelle nach (Zeichnung ja, aber nicht vom Neffen, sondern doch vom Illustrator), zeigt sich an anderer Stelle stur (Der Titel bleibt!). Wahr ist, dass jede Verhandlung das Ergebnis besser macht – Renitenz als im besten Sinne qualitätssteigerndes Moment. Franziska Günther, Aufbau-Verlag

S

Selbstlektor Also, zu Lektoren habe ich eine ganz besondere Meinung: Der Selbstlektor wird kommen. Den Verlagen kann das nur recht sein. Schwer angeschlagen trudeln sie durchs Zeitgeschehen, alle sind gegen sie – das böse Online! –; neuerdings erdreisten sich die Autoren auch noch, VG-Wort-Gelder haben zu wollen – bloß weil die ihnen zustehen! Wo bleibt denn da die Fantasie, meine Damen und Herren? Der Selbstlektor ist das Modell der Zukunft: Er kennt den Text wie kein Zweiter, wie sonst niemand hat er ein Interesse daran, dass am Ende was Vernünftiges drinsteht im Buch.

Im Verlag können die Leute sich dann wieder den ureigentlichen Aufgaben widmen: Lizenzen kaufen, mit Agenten telefonieren, Vorbestellerzahlen auswerten und anhand derer dann die Autorenqualität feststellen. Ja, ich weiß, es klingt noch das Lied vom Lektor-Lektor, einer hingebungsvollen, kongenialen Seele, die sich durch Entwürfe und Rohtexte durchkämpft und alle paar Wochen einen Kaffee trinken (Harmonie) geht mit dem Autor. Ich selber habe mal abends in einer Kneipe gesessen, und vom Nebentisch kam mein Großverlagslektor, er ließ sich Feuer geben, dankte – und hat mich nicht erkannt. So etwas würde dem Selbstlektor nie passieren! Höflich grüßt er, wenn er morgens mit hohlen Augen am Spiegel vorbeikommt. Klaus Ungerer, Autor

Stress Ich hasse den Text! Literatur soll das sein? Wie konnten wir das annehmen (Dekubitus)? Murks! Oh, ich hasse die Autorin! Ein tiefsinniger Roman, wer liest so was heute? Wie, wer stört? Wer will eine Unterschrift? Was jetzt? Ein unverlangt eingesandtes Manuskript? Es ist genial? Woher haben Sie diese Nummer … – ach, egal, schicken Sie, schicken Sie, es kommt ja eh nicht mehr darauf an! Was sagt die Herstellung? Was? Oh, dieser Autor, am liebsten würde ich ihm eins …! Änderungen am Text! An der letzten Korrekturfahne! Dass das geht, hat ihm der Teufel gesagt! Muss ich das jetzt noch mal ganz durchgehen? Die Druckerei wartet! Was? Im Text sollen jetzt mehr Ausrufezeichen stehen als in einem Reichsbürger-Facebook-Posting? Verdammt!!!Hallo? Wer? Ach so, ja, ja, eine tolle Buchhandlung haben Sie! Und was …

WAS? Nein, der Titel ist nicht vergriffen! Das sagt das Lager? Nein, er ist nicht vergriffen. Ich kläre das. Aber, Moment, ich muss ja noch diese Korrektur …! Wer soll das schaffen? Wer macht …? Wie kann …? Wir wissen: Verlegen ist schön. Jörg Sundermeier, Verbrecher-Verlag

Z

Zitate, gesammelt „Vorsicht Buch!“ ist seit 2013 eine Initiative des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels. „Nicht ohne meinen Lektor“ – dieses Jahr hat sich Vorsicht Buch! bei Belletristik- und Sachbuchautoren umgehört.

Lutz Seiler, Suhrkamp: „Ohne meine Lektorin (...) hätte ich nicht diese kluge, aufmerksame, ernsthafte, gewissenhafte und empathische Leserin, die ich brauche für die Zeit des Schreibens und Zweifelns; und sie ist die Patin meines Manuskripts, das heißt, sie sorgt sich darum, auch dann, wenn ich es abgeben und loslassen muss, was es nicht weniger braucht.“ Krimiautorin Carla Berling, Heyne: „Ich bin oft total betriebsblind, eben weil ich so lange in der Geschichte lebe. Als meine Lektorin dann eine Stelle fand, in der ein Verstorbener einen Brief schreibt, habe ich ihr einen Heiratsantrag gemacht.“ Peter Stamm: „Ohne meinen Lektor würden meine falschen Konjunktive (Juristik) nur halb so viel Spaß machen.“ Carolin Emcke, S. Fischer: „Niemand schreibt allein.“ Initiative Vorsicht Buch!

06:00 05.04.2017

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