Oder soll man es lassen?

Zwickmühle Weihnachten ist Geschenkezeit: Man kann den Nächsten Freude bereiten. Man kann an Erwartungen verzweifeln. Zwei Standpunkte extra für Sie, liebe Leser!
Oder soll man es lassen?

Illustration: Christian Bobsien für der Freitag

Schminke, Superhelden

Wir freuten uns heimlich auf den Moment nach der Bescherung, wenn alle Verwandten gegangen waren und nur wir vier, meine Eltern, mein Bruder und ich auf dem Sofa abhängen und Wer wird Millionär spielen konnten. Auf der Webseite von RTL gibt es Trainingsspiele. Wir waren satt, tranken Cherry oder Whisky, hatten unsere Geschenke im Wohnzimmer auf kleine Haufen gestapelt, dann ging’s los: zwei gegen zwei, Frauen gegen Männer.

Ich wunderte mich, dass mein Onkel und meine Tante mit Riesenpaketen kamen, als würden sie Heiligabend, Kindergeburtstag und Jugendweihe gleichzeitig begehen. Wenn man ihre Kinder und Enkel fragte: „Und, was habt ihr bekommen?“, zuckten sie mit den Schultern. Meine Mutter schenkte mir 1993 Bonjour Tristesse von Sagan. Es war mehr als ein Buch, es war ein Versprechen, eines dieser Geschenke, die es jahrelang schön machten, traurig zu sein.

Kollege Nowotny schreibt hier rechts auf der Seite, Geschenke würden unter Druck besorgt, um Erwartungen gerecht zu werden, was selten gelingt. Weihnachten ist ein Ritual, kann aber Nähe erzeugen, durch Geschenke. Man kann zeigen, dass man sich um den anderen wirklich Gedanken gemacht hat. „Die schönsten Geschenke sind die dauerhaften“, hat meine Mutter mal gesagt. Ein Instrument, eine Skulptur eines Künstlers. Ich bin jetzt selber Mutter. Wir singen Lieder, hängen Sterne und Kugeln auf, zünden Adventskerzen an. Mit Kindern kommt diese besinnliche Vorfreude wieder. Geschenke, die bleiben? Gar nicht so leicht mit kleinen Kindern. Sie wollen was unter dem Baum, sie haben ein Ziel.

Wenn meine Tochter sich auf den Boden schmeißt, weil sie nicht die Zähne putzen möchte, sagen wir: „Der Weihnachtsmann sieht alles.“ Sie ist dann schnell fertig. „Wo sind jetzt meine Geschenke?“, fragt sie am nächsten Morgen. Weihnachten ist ein Versprechen, auch wenn es manchmal eher wie ein Deal aussieht. Der Weihnachtsdeal.

Die Erwartungen sind jetzt schon hoch: Erwachsene geben Kindern Geschenke, Kinder schenken Erwachsenen ein Lächeln, damit die sich wiederum freuen und die familiär-soziale Harmonie bewahrt wird.Wir lernen allerdings sehr früh, dass das Vortäuschen von Freude zur höflichen sozialen Interaktion gehört. Zum Beispiel wenn uns ein Geschenk nicht gefällt und wir uns trotzdem nett bedanken. Ab dem dritten Lebensjahr beginnen Kinder zwischen dem Erleben und dem äußerlich sichtbaren Ausdruck von Emotionen zu unterscheiden. „Sie lernen, Emotionen vorzutäuschen und damit strategisch einzusetzen. Voraussetzung dafür ist die willentliche Kontrolle der Gesichtsmuskulatur“, heißt es in einer Studie aus dem sächsischen Kultusministerium.

Dass sie so tun, als würden sie sich über etwas freuen, wenn sie eigentlich enttäuscht sind, habe ich bei meinen Kindern noch nicht erlebt. In der Kita fragen Eltern: Darf meine Tochter Schminke bekommen? Mein Sohn diese Superhelden-Figuren? Klar. Großeltern kann man es ohnehin schwer verbieten, Kindern zu schenken, was sie sich wünschen. Es sind Phasen, Kinder müssen sie ausleben, nur Gabenberge braucht keiner. Ich bleibe bei Büchern. Das abendliche Ritual des Vorlesens – und sei es zum fünften Mal das Elefantenbuch – ist ein gemeinsames Erlebnis. Später dann: Wer wird Millionär?

Maxi Leinkauf

Perversion Wichteln

Der Mensch ist das „tauschende Tier“, wollte der Soziologe Georg Simmel erkannt haben. Dadurch, dass wir Gütern einen Wert beimessen und sie hin- und hergeben, unterscheiden wir uns von unseren animalischen Vorfahren. Das mag in seiner Zeit gestimmt haben, in der die Warenwirtschaft noch nicht die bekannten Probleme verursachte. Wir lügen uns aber in die Tasche, wenn wir glauben, unsere Schenkerei sei liebevoll und gütig. Sie ist ein erbarmungsloser, unsolidarischer Tausch. Wenn Kollegin Leinkauf wie hier links auf der Seite betont, dass die Gabe ein mögliches Mittel der Kindererziehung ist, hat sie recht. Es gibt allerdings einen feinen Unterschied zwischen einer echten Gabe und einem Geschenk: Das Kleinkind kann und soll nicht (unbedingt) etwas zurückschenken. Es wird belohnt, wenn es sich richtig verhält. Leider verlassen wir Erwachsenen gerade zu Weihnachten dieses reife Stadium der Gabe.

Ein Geschenk jedweder Art erzeugt immer die Erwartung einer Erwiderung. Deswegen funktioniert die Taktik „Wir schenken uns nichts“ in vielen Familien und Freundeskreisen nur auf dem Papier: Wenn es dann ernst wird, erinnern wir uns an das Vorjahr. Und wenn da geschenkt wurde, müssen wir mitziehen. Nur was Kleines. Dieses Jahr. Aber nächstes Jahr dann wirklich: nichts! Ganz bestimmt.

Dieser Kreislauf läuft, so morbide das klingt, bis einer stirbt. Und er treibt Menschen zu den Feiertagen regelmäßig in den Wahnsinn. Nicht nur, dass erwidert wird, ist Pflicht, es wird auch verglichen: „Katrin hat letztes Jahr für alle gebacken, ich muss dieses Jahr wenigstens eine Flasche Wein mitbringen. Oder zwei?“ Hoffnungslos versuchen die Büros und Freundeskreise das Schenk-Dilemma zu lösen und erschaffen seinen pervertierten Zwilling: das Wichteln. Wichteln ist das ritualgewordene Eingeständnis, dass man keinesfalls nichts schenken kann, aber für die Auswahl wenigstens nicht verantwortlich sein will. Freuen muss man sich trotzdem. Ein großer, peinlicher und grenzdebiler Spaß für alle Beteiligten.

Schenken ist außerdem höchst unsolidarisch. Für Geringverdiener ist Weihnachten eine schmerzhaft im Budget eingeplante Investition. Die Erwartung der anderen kann schweißtreibend sein. Niemand will knausrig oder undankbar wirken, auch wenn er kaum genug zum Leben hat. Wäre ein Geschenk wirklich ein Geschenk – also eine solidarische Gabe an jemanden, der weniger hat, ohne Erwiderungszwang, nur aus Menschlichkeit –, muss man natürlich dafür sein. Dafür braucht es aber kein Datum aus einem Märchenbuch, keine abgesägte Nordmanntanne, kein Einweg-Geschenkpapier, kein Kerzenlicht.

Mein Tipp: die besinnlichen Tage nutzen, um darüber nachzudenken, wer eine kleine Aufmerksamkeit gebrauchen könnte. Wer viel Pech hat, kämpfen muss. Und was er brauchen könnte, nicht nur symbolisch. Und dann: Geben! Außerhalb von Ritualen wie Geburtstagen, Hochzeiten, Feiertagen fehlt die institutionalisierte Erwartungshaltung. Im Zweifel schenkt man anonym, schickt ein Paket ohne Absender. Und wer wenig hat, ruft mal wieder an, schenkt Aufmerksamkeit. Keine Ausreden, kein „wir sollten“ oder „ich müsste mal wieder“. Nicht vergessen: Das Ende vom Gabentauschkreislauf ist der Tod. Und bei dem will keiner sagen: „Hätte ich mal lieber ...“

Konstantin Nowotny

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