Linke Lektüre

Literatur Egal, ob und was Sie zum Jahresende feiern, Sie sollten es nicht ohne richtige Haltung und ein gutes Buch tun. Tipps dafür hat unsere Redaktion
der Freitag | Ausgabe 50/2019
Linke  Lektüre

Illustration: der Freitag

Weichender Wohlstand

Wer sich auf besinnliche Weihnachten freut, sollte hiervon die Finger lassen. „Lass gut sein“, diesen Satz zitiert Resi oft, von ihrer Mutter, oder diesen, von ihrer Freundin: „Ich liebe Dich, aber halte Dich von mir und meinen Kindern fern.“ Ungefähr das löst Schäfchen im Trockenen aus. Anke Stelling erzählt die Geschichte der sozialen Spaltung einer Clique in jene, die ihre leeren Raviolidosen vor ihren Kindern im Müll verstecken, und jene, die eine Baugruppe gründen – und ersteren dann sagen, sie hätten ja mitmachen können. Der Roman tut weh. Jenen, die sich in der Mitte der Gesellschaft noch halten können, in den Innenstädten. Auch jenen, die gerade umziehen müssen. Allen, die auf das Wohlstandsversprechen noch hoffen. Also allen. Und weil gute Literatur das können soll, weh tun, hat Stelling den Preis der Leipziger Buchmesse gewonnen. Also ab unter den Baum. Weil man rufen möchte: Ich liebe deine Geschichte! Aber sie halte sich von mir und meinem Weihnachtsbaum fern. Elsa Koester

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Schäfchen im Trockenen Anke Stelling Verbrecher Verlag 2018, 276 S., 22 €

Geschenkte Gedichte

Wieso um alles in der Welt ist dieses Buch in Deutschland nicht so berühmt wie in den USA? Maya Angelous autobiografische Erzählung Ich weiß, warum der gefangene Vogel singt erschien im englischen Original bereits 1970. Bei uns ist sie im vergangenen Jahr bei Suhrkamp neu erschienen, mit einigem Erfolg. Sie hätte aber noch sehr viel mehr Leser verdient, denn berührender, sinnlicher, schonungsloser lässt sich nicht über Armut und Rassismus schreiben. Angelou zeigt, was Literatur bewirken kann: Marguerite, ein schwarzes Mädchen, wächst in den dreißiger Jahren bei ihrer Großmutter in einem Krämerladen am Rande einer Baumwollplantage auf. Nachdem sie vom Freund ihrer Mutter sexuell missbraucht wurde, verliert sie ihre Sprache. Marguerite findet erst wieder Worte, als ihr eine Frau einen Gedichtband schenkt. Nur deshalb kann sie ihre Geschichte erzählen, mit der sie einen Universalismus poetisiert, der in Zeiten der Identitätspolitik verloren zu gehen droht: Uns Menschen verbindet mehr, als uns trennt. Christian Baron

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Ich weiß, warum der gefangene Vogel singt Maya Angelou Übers. Harry Oberländer Suhrkamp 2018, 321 S., 12 €

Radikale Reinheit

Teresa, Ingenieurstochter aus Turin, verbringt ihre Ferien im südlichen Apulien. Auf dem Nachbarhof leben Bern, sein Ziehvater Cesare und seine zwei Söhne nach christlich-buddhistischen Glaubensgrundsätzen und streng vegetarisch. Sie schälen Mandelkerne, zelebrieren die Beerdigung von Fröschen, führen spirituelle Gespräche, versorgen sich bald selbst. Eine Sekte? Für Teresa wird es das Paradies – Bern ihre große Liebe.

10 Jahre nach Die Einsamkeit der Primzahlen erzählt Paolo Giordano wieder vom Erwachsenwerden. Bern verändert sich, wird Nihilist, dann radikaler Umweltaktivist, der Olivenbäume retten will, Tiere, die Reinheit der Natur. Den Himmel stürmen spielt in den 90ern, lange vor Extinction Rebellion! Auch privat wollen sie (sexuell) frei leben, ohne Geheimnisse. Schöne Theorie. Sie scheitert am Widerspruch zwischen Ego und Gemeinschaft und an der Frage, wie weit jeder für seine Utopie gehen würde. Bern will alles total. Er sucht das letzte Stück unberührter Natur auf Erden. Teresa folgt ihm. Sie werden immer einsamer. Maxi Leinkauf

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Den Himmel stürmen Paolo Giordano Rowohlt Verlag 2018, 528 S., 22 €

Magischer Montag

Gr0ße Bücher kann man nicht suchen. Man kann sie nur finden. Oder: Sie finden dich. Eigentlich wollte ich ja bloß die schöne Buchhändlerin in ein Schwätzchen verwickeln, über einem gut gebrühten Kaffee. Ließ dabei den Blick durch die beste Buchhandlung schweifen: „Montag“, Berlin, Pappelallee. Da vergaß ich plötzlich alles. Ein ziegelroter rauer Einband sang mich an: Das weiße Leintuch. Berühr mich, sang das Buch. Ich verfiel ihm vom ersten Moment. Geschrieben im New Yorker Exil 1954, gewachsen aus dem Humus litauischer Märchen, geschärft in den Erfahrungen sowjetischer Unterdrückung, war eine wache Stimme entstanden, die vom Fatalismus des Vertriebenen erzählt, von einer verzweifelten Liebe, von Flashbacks der Erinnerung. An das ländliche Litauen. Die Leiden der Mutter. Die Schläge der Büttel. Die alten Lieder im Kopf. Ich tauchte kurz auf. Schaute mich um. Fragte: „Warum fühlt sich alle heutige Literatur dagegen so unmodern an?“ Man hatte keine Antwort für mich. Aber Kaffee. Und ein Buch fürs Leben. Klaus Ungerer

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Das weiße Leintuch Antanas Škėma Übers. Claudia Sinnig, Guggolz Verlag 2018, 255 S., 21 €

Stummer Sturz

Selbst die eigene Tochter musste unter Fontanes Feder und hat ihn zu einer literarischen Figur inspiriert. In seinem Roman Frau Jenny Treibel taucht Martha Fontane – genannt Mete – als Professorentochter Corinna Schmidt auf und setzt bürgerliche Intelligenz gegen bourgeoise Gestelztheit.

Das freilich beschäftigt den Historiker Robert Rauh in seinem zum Fontane-Jahr 2019 erschienenen Buch Fontanes Frauen weniger. Vielmehr will er an Metes teils tragische Lebensgeschichte und ihren rätselhaften Tod am 10. Januar 1917 in Waren (Müritz) erinnern. War der Sturz vom Balkon Selbstmord oder Unglücksfall? Bleibt der Autor letzte Gewissheiten schuldig, kann er die Vita der Elisabeth von Ardenne (Else) fast lückenlos erzählen, deren Schicksal Fontanes Effi Briest zugrunde lag. Nur zerbrach die reale Else weder an der Scheidung von ihrem Mann Armand noch am Tod ihres Liebhabers Emil Hartwich, der wie Major Crampas im Roman das Duell um „Prinzipien“ nicht überlebt. Sie stirbt 1952 mit 98 Jahren in Hochbuch am Bodensee. Lutz Herden

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Fontanes Frauen Robert Rauh be.bra verlag 2019 256 S., 22 €

Absurde Architekten

Wer Roadmovies mag, liest hier richtig. Gerade noch liegt der prokrastinierende Architekturstudent Otto Kwant auf seinem Sofa, dem „am wenigsten hässlichen Modell, das für ihn bei Ikea bezahlbar gewesen war“ und beobachtet eine Obstfliege, schweift ab zu den Ausflüchten, warum sein ambitioniertes Abschlussprojekt wieder nicht fertig wird, suhlt sich wie gewöhnlich dann darin, wie schwer er es hat, gerade weil er aus einer Dynastie von Architekten stammt. Bis plötzlich (und in Kwants Leben war bislang nie etwas aufregend) das Telefon klingelt – und es ist nicht seine Mutter. Sein Verlag, für den er bislang beschämende Brotjobs erledigte, bietet Kwant einen Job als Projektleiter in Berlin. Ausgerechnet ihm?

Mit dem Stararchitekten Löb geht es kurz darauf nach Urfustan, das ist ein postsowjetisches Absurdistan. Staatschef Tantal will einen „Palast der Demokratie“. Klingt aberwitzig? Ist es auch. Und ausgerechnet Kwant muss, wie ein James Bond, geheime Mächte besiegen. Jochen Schmidt ist ein toller Schriftsteller. Katharina Schmitz

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Ein Auftrag für Otto Kwant Jochen Schmidt C. H. Beck 2019 347 S., 22 €

Paradoxe Produktivität

Neulich, ich radelte gerade ins Büro, sah ich eine Mutter, die mit ihrem Kind spazieren ging. Die beiden bewegten sich in Zeitlupe fort, und ich ertappte mich dabei, zu denken: Wie unproduktiv! – auf die Mutter gemünzt, und: Was für eine leere Zeit. Dass das gleich auf mehreren Ebenen falsch war, leuchtete mir im selben Augenblick ein, trotzdem hielt sich in mir hartnäckig der Gedanke. Woher rührt dieser Eindruck, die eine Tätigkeit sei produktiver als die andere? Die eine schaffe Wert, die andere nicht? Die Ökonomin Mariana Mazzucato ist dem auf den Grund gegangen. Wie kann es sein, dass wir heute widerspruchslos akzeptieren, ein bloßes Aufbewahren und Verwalten von Geld sei produktiv? Mazzucato erinnert daran: Bis in die 1960er galt der Finanzsektor im Sinne des BIP nicht als wertschöpfend. Heute rechtfertigen Banker ihre astronomischen Saläre damit, was für Gewinne sie einfahren, und nehmen das als Beleg für Produktivität. Wie es dazu kam, zerpflückt Mazzucato gründlich. Und schlägt vor, was dagegen getan werden könnte. Pepe Egger

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Wie kommt der Wert in die Welt? Von Schöpfern und Abschöpfern Mariana Mazzucato Campus 2019, 407 S., 26 €

Gekaufte Gefühle

Die Welt nötigt einem das Lächeln nicht gerade oft ab. Das wissen Sie, liebe Leser, genau so gut wie ich. Und doch hören Sie sicher hin und wieder den Satz: „Lächel doch mal!“ Wieso? Wussten Sie, dass wir exakt zwischen einem echten und einem falschen Lächeln unterscheiden können? Beim falschen bewegen sich manche Gesichtsmuskeln nicht, es wirkt aufgesetzt. Deswegen lernen nicht nur Schauspieler, sondern auch Stewardessen das sogenannte Duchenne-Lächeln – eines, bei dem das ganze Gesicht täuschend echt lacht.

Schaurig präzise beschreibt die US-amerikanische Soziologin Arlie Hochschild, wie solche Techniken Einzug in die Arbeitswelt und unser Privatleben hielten. Wie Menschen für den Job oder die Partnerschaft lernen, ihre Gefühle zu unterdrücken oder etwas zum Ausdruck zu bringen, das sie gar nicht spüren. Hochschild beobachtet scharf, verzichtet auf allzu akademische Sprache. Ihr gelingt, was Soziologie nur in raren, lichten Momenten leistet: Sie verändert den Blick auf jedes Lächeln, auch das eigene. Konstantin Nowotny

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Das gekaufte Herz. Die Kommerzialisierung der Gefühle Arlie Russel Hochschild Campus 2006, 230 S., 19,90 €

Arretierte Avantgarde

2015 erklärte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan den Friedensprozess mit der PKK, den ihr Führer und Gründungsmitglied Abdullah Öcalan zuvor aus seiner lebenslangen Haft auf İmral vorangetrieben hat, offiziell für beendet. Ich maße mir nicht an, zu beurteilen, welche Fehler oder sogar Verbrechen Öcalan selbst zu verantworten hat.

Wer allerdings sein 2001 geschriebenes Grundlagenwerk Gilgameschs Erben. Vom sumerischen Priesterstaat zur demokratischen Zivilisation liest, staunt nicht nur über die Belesenheit dieses kurdischen Denkers und Lenkers, sondern verfällt auch in Eine tiefe Melancholie, wenn er resümiert, wie weit sich Öcalanas Annahme einer nachgeholten Aufklärung im Nahen Osten von den tatsächlichen Zuständen entfernt hat. Sein Glaube an die Verwandlung des religiösen Denkens in wissenschaftliches und künstlerisches, seine Hoffnung auf technologischen Fortschritt und feministische Avantgarde – in einer Gefängnisschrift, publiziert von einem kleinen Verlag, überwintert er. Michael Angele

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Gilgameschs Erben Abdullah Öcalan Unrast 2019 Zwei Bände, 973 S., je 36 €

Dominanter Diskurs

Dass ein Buch „wichtig“ sei, liest man viel zu häufig. Hier hat die Formulierung einmal ihr Recht. Diese Diskursgeschichte der sich hartnäckig haltenden Rede von der „Grenzöffnung“ 2015 und der damit verbundenem Auffassung, diese vermeintliche Grenzöffnung habe zu einer „Herrschaft des Unrechts“ geführt, ist deshalb so wichtig, weil sie manch juristische Taschenspielerei als politisches Manöver lesbar macht und nebenbei Nachhilfe darin gibt, was „Dublin III“ samt „Selbsteintrittsrecht“ eigentlich bedeutet.
Dass der süfisante Ton der Autoren denen gegenüber, die sie als Instrumentalisierer des Völkerrechts entlarven, manchmal plump anmutet, dass ihre Interpretation der juristischen Lage in ihrer Ausschließlichkeit manchem Leser selbst mythisch anmuten mag: geschenkt. Die Zauberlehrlinge ist ein Standardwerk für alle, die über 2015 sachlich und informiert diskutieren wollen. Mladen Gladić

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Die Zauberlehrlinge Der Streit um die Flüchtlingspolitik und der Mythos vom Rechtsbruch Stephan Detjen Maximilian Steinbeis Klett-Cotta2019, 263 S., 18 €

06:00 21.12.2019
Geschrieben von

Ausgabe 22/2020

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