Mein erstes Mal

Abstimmen Alexandru Bulucz ist gebürtiger Rumäne. Mit 13 kam er nach Deutschland. Heute, 21 Jahre später, darf er endlich zur Wahl gehen

Noch 40 Prozent der WählerInnen sind bis jetzt unentschlossen, heißt es, wie viel Prozent dazu noch absolut lustlos sind, ist unklar. Ich bin jedenfalls zu 100 Prozent festlich gestimmt, als ich meiner kleinen Tochter den roten Umschlag reiche und sie wie einen Pokal zum Briefkasten hebe. Sie wirft ihn ein, und wir beide grinsen uns an. Zur Feier meiner ersten Bundestagswahl gibt es Vanilleeis.

Es gibt etwa 7,6 Millionen Wahlberechtigte mit Migrationshintergrund. Ich bin jetzt einer von ihnen. Doch viele werden gar nicht wählen. Bei der letzten Bundestagswahl lag ihre Wahlbeteiligung circa 20 Prozentpunkte unter dem Durchschnitt. Das hängt auch mit ihrer Unterrepräsentation zusammen. In den Wahlprogrammen und -kämpfen der Parteien spiegeln sich die Bedürfnisse einer modernen Einwanderungsgesellschaft abermals nur mangelhaft wider. Meine Geschichte ist trotzdem die einer erfolgreichen Repräsentationssuche. Ich werde sie anhand von Landes- und Bundeskabinetten nachzeichnen.

Ich war 13, als ich vor 21 Jahren aus Rumänien ins bayerische Aschaffenburg kam. Nach acht Jahren hätte ich meine Einbürgerung beanspruchen können, doch damals war mir das wohl nicht so wichtig. Ich erhielt die Einbürgerungsurkunde erst 2018. Ich brachte eine Mentalität mit, die mir sagte: Du wirst hier auch dann Gast sein, wenn du nicht mehr in deine Heimat zurückkehrst, und du hast dich dementsprechend zu verhalten. Man wird dir die Hand reichen, und du wirst den Händedruck auf keinen Fall verweigern. Du wirst vor allem die deutsche Sprache erlernen, wenn du berufliche Aussichten haben willst.

2000 war Rumänien weder ein Teilanwenderstaat des Schengen-Rechts noch EU-Mitglied. Mein kurzes Visum lief ab, und das machte mich eine Zeitlang zum Illegalen. Das bayerische Kabinett Stoiber III und das Bundeskabinett Schröder I ließen mich gewähren, schoben mich nicht ab. Ich denke dankbar daran zurück. Einige undokumentierte Zahnbehandlungen und unzählige Behördengänge später bekam ich dann eine Krankenversicherung und mein Daueraufenthaltsrecht.

Weil ich die siebte Klasse einer Volksschule als Klassenbester abschloss, durfte ich aufs Gymnasium. Im Fach Deutsch war ich „von der Bewertung noch ausgenommen“. Die bayerische Bildungspolitik sah Ausnahmen wie mich also durchaus vor, gab mir Zeit zum Erlernen der deutschen Sprache, ohne mir die weiterführende Schule vorzuenthalten. Was meine Mitschüler wohl dabei empfanden, die keinen „Ausländerbonus“ hatten wie ich?

Mit Haut und Haar integriert

Ich wechselte in ein hessisches Sportinternat. Ich konnte mich von der Muttersprache, die zu Hause weiterhin gesprochen wurde, nun vollends abschotten und mich mit Haut und Haaren der eigenen Integration überlassen. Sechs Jahre lang erhielt ich den Höchstsatz Schüler-BAföG vom Freistaat. Das fiel unter die bayerischen Kabinette Stoiber III und IV und Beckstein I.

Ich startete mein Studium in Komparatistik und Germanistik zum Wintersemester 2008 in Frankfurt am Main, nach acht Jahren der Abschluss Magister. Ich bekam fast fünf Jahre den Höchstsatz Studenten-BAföG, danach KfW-Studienkredite. Das fiel unter die hessischen Kabinette Koch II und III und Bouffier I und II. Doch die Pointe ist eine andere: Die Studiengebühr wurde in Hessen unmittelbar vor meiner Immatrikulation aufgehoben – dank der Opposition von SPD, Grünen und Linkspartei.

Ein Studienbeitrag hätte mich ruiniert. Ich kam mit dem BAföG nicht über die Runden. Ich erinnere Abende, als ich schamerfüllt Pfandflaschen suchte, um mir eine Packung mit sechs „Ja“-Aufbackbrötchen zu kaufen, Monatsenden, als nur noch Gewürzgläser im Schrank standen und ich vom Senf aus der Tube lebte. Das Resultat war ein chronisch kranker Magen, den ich wieder vergaß, sobald das nächste BAföG einging. Doch ich kann nicht behaupten, Bayern und Hessen hätten sich nicht um meine Bildung und Integration bemüht, und zwar noch bevor ich, ein Ausländer, etwas in die Kassen ihrer Sozialsysteme zahlte.

Nachdem ich mein Doktorandenstudium aufgegeben hatte, war ich etwa ein Jahr lang auf ALG I angewiesen. Ich konnte in dieser Zeit in relativer Ruhe meine Selbstständigkeit planen und wurde vor der Corona-Pandemie in die Künstlersozialkasse aufgenommen. Die geht auf die Arbeit der Bundeskabinette Schmidt I bis III zurück.

Ich schreibe diese Zeilen in meiner rumänischen Geburtsstadt auf, in der ich meinen Vater besuche. Ich dachte heute über das hiesige Sozialsystem nach und fragte ihn nach seiner Rente. Er komme auf eine Rente von etwa 300 Euro und müsse seine Medikamente zum Teil selbst bezahlen. Keine Frage, ich würde das deutsche Sozialsystem vorziehen.

Die politische Bildung erwarb ich mir überwiegend autodidaktisch. Ich entdeckte die politische Stand-up-Comedy aus Amerika, George Carlin etwa. Wir sollten uns nicht über die Politiker ärgern, so Carlin, sondern über uns selbst, das Wahlvolk: „Was denken diese Leute, woher die Politiker kommen?! (…) Sie kommen aus amerikanischen Familien, amerikanischen Schulen, amerikanischen Kirchen, amerikanischen Unternehmen und amerikanischen Universitäten, und sie werden von amerikanischen Bürgern gewählt.“ Ich entdeckte die von Günter Gaus geführten politischen Interviews. Sie alle waren bei ihm: Adenauer, Brandt, Dutschke, Erhard, Kohl, Schmidt, Schröder, Strauß et cetera. Ich klopfte die Interviews auf strategisches Sprechen ab, auf Emotionen, Körpersprache, Inszenierung, politischen Markenkern und Botschaften. Die Politik wurde zum Faszinosum für mich. Selten überwog irgendein besonderer persönlicher Groll gegen eine regierende Partei aufgrund dieser oder jener Entscheidung, dieses oder jenes Fehlers. Deren Analyse war reizvoller.

Einer aus dem Gaus-Fundus imponierte mir besonders: Herbert Wehner. „Dass ich Kommunist gewesen bin, habe ich nie geleugnet. Ich werde es mein Leben lang büßen, dank derer, die patentierte Christen sind und sich als solche bezeichnen“, schrie er einmal im Parlament. Dass eine Partei eine die Widersprüche des 20. Jahrhunderts verkörpernde Täter-Opfer-Biografie in ihren eigenen Reihen zuließ und zu einer ihrer prägenden Leitfiguren machte, fand ich kühn und bewundernswert. Noch bewundernswerter fand ich, dass Wehner etwas an einer Modernisierung seiner Partei lag. Er, dem die eigene Biografie eine unüberwindbare Hürde zum Amt des Bundeskanzlers wurde, nahm für seine Ziele in Kauf, dass man ihm wegen seiner Vergangenheit „bei lebendigem Leibe die Haut vom Leibe reißen“ würde.

Ich stieg weiter in die Untiefen der deutschen Vergangenheit hinab, bis ich mir sagte: Sobald du darfst, wählst du SPD. Eine Partei, der du so viel verdankst und die so geschichtsträchtig ist, wäre auch dann zukunftsträchtig, wenn sie im Kerker der Einstelligkeit verschnaufen müsste. Wenn sie gelegentlich auf die eigene Geschichte zurückschaut, auch einmal ihre Selbstzerfleischungen sein lässt, nicht ihre Stärken zerredet, sich auf ihre Kernkompetenzen besinnt, regelmäßig ihren linken Strömungen Gehör verleiht, dann wird sie sich erholen. Ich war offensichtlich SPD-Stammwähler, lange bevor mir das Wahlrecht zustand.

Unentschlossen war ich auch

Vor der Briefwahl teste ich den Wahl-O-Mat. Unentschlossen war ich schon auch. Und neugierig. Zu meinen Doppelgewichtungen gehören das Nein zum Dexit und die Jas zur Erhöhung der Verteidigungsausgaben, zum Wählen ab 16, zur Begrenzung von Mieterhöhungen, zum elternunabhängigen BAföG, zur doppelten Staatsbürgerschaft, zu Nord Stream 2, zur Kirchensteuer, zur Vermögenssteuer, zur Erhöhung des Mindestlohns. Siehe da: eine Dreiviertelübereinstimmung mit der SPD! Danach folgen: Grüne, Linke, CDU/CSU, FDP, AfD.

Mein Wunsch ist eine Rot-Grün-Rot-Koalition. Mein Albtraum wäre Armin Laschets postpandemische „Entfesselung“ in einer Koalition mit Grünen und FDP. Mit anderen Worten: ein grün getragener Turbokapitalismus. Meine rote Linie ist die AfD. Ich schätze, ich bin in einer der Mitten der deutschen Gesellschaft angekommen. Ich habe mich weitgehend integriert. Es ist Zeit, mein Selbstverständnis als Gast zu überdenken. Briefkastenklappe zu, und alle Fragen offen …

Alexandru Bulucz, geboren 1987, ist Lyriker, Herausgeber, Übersetzer und Kritiker. 2020 erschien von ihm was Petersilie über die Seele weiß bei Schöffling. Er lebt in Berlin

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06:00 26.09.2021

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