Maskenpflicht: Jeder ist sich selbst der Nächste

Meinung Die Maskenpflicht ist gefallen, aber viele halten dennoch daran fest. Das Thema nimmt Züge eines Kulturkampfes an. Woran liegt das?
Anfang dieser Woche stellten viele Medien beruhigt fest, dass die meisten Menschen freiwillig weiter Masken tragen. Erstaunlich war das nicht. Denn der Mensch ist ein der Mehrheit angepasstes Gewohnheitstier
Anfang dieser Woche stellten viele Medien beruhigt fest, dass die meisten Menschen freiwillig weiter Masken tragen. Erstaunlich war das nicht. Denn der Mensch ist ein der Mehrheit angepasstes Gewohnheitstier

Foto: John MacDougall/AFP/Getty Images

Am Freitag hat die Schweiz ihre Corona-Maßnahmen aufgehoben, darunter die zuvor geltende Maskenpflicht im öffentlichen Nahverkehr. Am selben Tag wurde in Schweden, einem Land, das nie eine Maskenpflicht kannte, das Pandemiegesetz abgeschafft, das Covid-19 als gesellschaftsgefährdende Krankheit einstufte. Zeitgleich wurde aus Bayern bekannt, dass der Untersuchungsausschuss „Maske“ vom bayerischen Gesundheitsministerium zur Klärung dubioser Maskendeals in dreistelliger Millionenhöhe zurückgehaltene Akten angefordert und Ex-Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) als Zeugen vorgeladen hat.

Doch keine dieser Meldungen schaffte es hierzulande in die Schlagzeilen, denn an diesem Tag dominierte ein ganz anderes Thema die Nachrichten: die Aufhebung der Maskenpflicht in Supermärkten und Schulen in 14 von 16 Bundesländern. An sensiblen Orten, wie Alten- und Pflegeheimen und Krankenhäusern, gilt sie weiter, ebenso im Nah- und Fernverkehr.

Viele Medien protestierten heftig und warnten vor diesem Schritt, ebenso manche Politiker, darunter auch Berlins Kultursenator Klaus Lederer (Die Linke), der den Kultureinrichtungen empfahl, die Gesetzeslage per Hausrecht zu umgehen, was diese auch prompt taten.

Anfang dieser Woche stellten dann viele Medien beruhigt fest, dass die meisten Menschen freiwillig weiter ihre Masken tragen. Erstaunlich war das nicht. Denn der Mensch ist ein der Mehrheit angepasstes Gewohnheitstier und sozial leicht konditionierbar. Was über zwei Jahre galt, braucht im Zweifel auch zwei Jahre, bis es wieder abgelegt wird. Darüber hinaus ist die Maske aber auch ein Mittel der Distinktion geworden, um die eigene Tugendhaftigkeit zu signalisieren. Und so bedient das Masketragen derzeit vor allem ein Gefühl.

Maskenpflicht wird zum Kulturkampf

Dass die Debatte um die Maskenpflicht hierzulande Züge eines Kulturkampfes angenommen hat, hängt auch mit der starken moralischen Aufladung der vermeintlich „alternativlosen“ Pandemiemaßnahmen zusammen, die inzwischen selbst der Deutsche Ethikrat in einer kürzlich veröffentlichten Stellungnahme kritisiert hat. Wer keine Maske trug (selbst mit ärztlicher Befreiung) oder sich herausnahm, die Maskenpflicht zu kritisieren (die die Regierung auf dem Höhepunkt der ersten Welle im Frühjahr 2020 noch für unwirksam hielt), wurde gesellschaftlich geächtet.

In der Debatte um die Maskenpflicht prallen zwei Weltbilder aufeinander, jenes der Befürworter einer offenen Gesellschaft, die in der Vermummung des Gegenübers ein Kommunikationshindernis sehen, und jenes der Verfechter einer „neuen Normalität“, die in jedem vor allem eine potenzielle Gefahr für sich selbst vermuten. Eine Annäherung fällt schwer, jede Seite beansprucht für sich, im Namen der Vernunft zu sprechen.

Derweil sind in Großbritannien bei Kleinkindern infolge des Masketragens Verzögerungen bei der Sprachentwicklung und Defizite in der Sozialkompetenz, darunter die „Unfähigkeit, auf einfachste Gesichtsregungen zu reagieren“, festgestellt worden. Ein Befund, der Menschen, die mit Kindern arbeiten, nicht überraschen wird.

Und doch wird hierzulande am Masketragen festgehalten, ob nun gesetzlich vorgeschrieben oder per Hausrecht, das selbst Grundrechte aushebeln kann. Es zeigt sich darin nun auch äußerlich das Grundprinzip der Corona-Maßnahmen der vergangenen beiden Jahre: Jeder zieht sich hinter seine Maske zurück und ist sich selbst der Nächste.

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