Meisterdenkers Hoppelpoppel

Bühne Librettist Peter Sloterdijk schwurbelt und schwatzt uns eine Oper ans Knie
Meisterdenkers Hoppelpoppel
John Tomlinson (Der Priesterkönig) und der Staatsopernchor

Foto: Arno Declair

Was für ein Stoff! Ist nicht der Untergang der multikulturellen babylonischen Mega-City ein bis heute gültiges Menetekel? Und die Sintflut ein treffendes Bild für die Folgen des Kriegs der Menschheit gegen die Natur?

Doch Librettist Peter Sloterdijk mischt sich auf der Opernbühne in keine Debatte ein, täuscht Gedankenschwere vor, schwatzt dem Bildungsbürger mythisches Geschwurbel auf. Schwatzen kann er, weiß Gott. Seine Religionsrevue provoziert nicht, serviert bloß ein Hoppelpoppel aus Zutaten vom Gilgamesch-Epos bis zum alten und neuen Testament und dessen „O mein Gott, warum hast du mich verlassen“. Alle guten Geister haben den Dichter verlassen. Zu hören ist ein rechter Schmarrn. Wenn es wenigstens einer im politischen Sinne wäre, so dass man mit ihm streiten könnte. Dem Haus- und Hofphilosophen hilft der Griff in die Operngeschichte. Gezeigt werden unter anderem Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny. Dann Orpheus und Eurydike, nur, dass hier die Babylonierin Inanna in der Unterwelt mit ihrem Gesang den tuntigen Tod so sehr zu Herzen rührt, dass er ihr den jüdischen Geliebten zurück erstattet.

Humor ist da

Tannu heißt er – ja: Tamino ist’s, den wir aus der Zauberflöte kennen. Der Priesterkönig erinnert an Sarastro und der wildgewordene, auch musikalisch über alle Ufer tretende Euphrat mit Sopranstimme an die Königin der Nacht. Und sogar die Knaben kommen vor, mit deren Nonsens-Kinderreim die große Apokalypse auf den Trümmern der Operngeschichte, respektive Babylons im taghellen Zuschauersaal leise verklingt. „Tekelzu. Tota gibba Ruh.“ Wagners Wagalaweia war dagegen Dichtkunst.

Sloterdijk ist natürlich kein Schikaneder, und der Komponist Jörg Widmann kein Mozart. Aber ein Tausendsassa im strengen Reich der E-Musik ist er doch. Er interessiert sich für die babylonische Sprachverwirrung. Und so türmt er so gut wie alle musikalischen Sprachen aufeinander. Von den Posaunen von Jericho bis zur Glasharfe. Fledermausausgelassenheit und Klagegesang, Zwölfton und Ohrwurm, Musicalschlager und doppelt gefugte Oratorienchöre, nicht zu vergessen die Fusion aus Bayerischem Defiliermarsch und lustigen Holzhackerbuam zum orgastischen Neujahrsfest. Musik, die niemals langweilt, aber auch nie platte Gaudi ist, nicht einfach collagiert, sondern intelligent über- und ineinander gefügt. Dieser Turm ist nicht einsturzgefährdet. Vor allem verfügt der Komponist über Humor, sein Librettist dagegen nur über stocksteifes Pathos.

Da werden von einem internationalen Sängerensemble und der fabelhaften Staatskapelle unter Christopher Ward (Barenboim sprang ab), auch alle emotionalen Register gezogen: Lamento, Lust, Triumph. Andreas Kriegenburgs fade Regie aber fesselt selbst die Große Hure Babylon. Da schwafeln die Genitalseptette der Vulven und Phalloi von der Wollust, aber zu sehen ist es nicht. Hocherotiker Sloterdijk hat ins Libretto diktiert, dass sie „nicht obszön, sondern eher sakral abstrakt“ wirken sollen. Selbst schuld, wer sich daran hält. Als Uraufführung angekündigt, ist die Berliner Fassung die Revision der sieben Jahre alten Münchner. Gekürzt, ergänzt durch leise, ariose Stellen, hat die Oper musikalisch gewonnen. Als bildmächtiges Bühnenstück aber hat sie verloren. Es ist gefälliger geworden, zum Nachspielen konfektioniert. Der Euphrat mutiert zum Mainstream.

Info

Babylon Regie: Andreas Kriegenburg Staatsoper unter den Linden, Berlin

06:00 19.03.2019

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