Zuhören will gelernt sein

Kino Mike Mills fragt in seinem neuen Spielfilm „Come on, come on“ nach dem richtigen Umgang mit der Zukunftsangst von Kindern

Die sonnigen Strände von Los Angeles, heitere Straßenparaden in New Orleans, das dichte Getümmel New Yorks – Come on, Come on hätte ein sehr farbenprächtiger Film werden können. Aber die gedämpften Schwarz-Weiß-Töne, in denen er stattdessen gefilmt ist, lassen ein klares Bekenntnis zu einer visuellen Stille und Einheitlichkeit erkennen. Dies betont nicht nur die Vielseitigkeit von Kameramann Robbie Ryan (The Favourite, Marriage Story), sondern lässt Gespräche, Hintergrundgeräusche, in die Erzählung integrierte Musikstücke und den sphärische Synthie-Score der Brüder Aaron und Bryce Dessner in den Vordergrund treten. Das Hören wird in diesem Film zur favorisierten Tugend emporgehoben, oder vielmehr: das aufmerksame Zuhören.

Schließlich macht das auch den Beruf des Protagonisten Johnny aus, den Joaquin Phoenix mit einer sympathischen, nachdenklichen Gemütsruhe spielt. Johnny ist ein Radiojournalist, der mit seinem Produktionsteam quer durch die USA reist, um Kinder und Jugendliche zu ihren Gedanken über die Zukunft – ihre eigene, die ihres Landes und der Welt – zu interviewen. Es ist eine von ständiger Rastlosigkeit geprägte, aber auch zur Selbstreflexion anregende Arbeit, die Johnny gleich zu Beginn des Films wieder Kontakt zu seiner Schwester Viv (Gaby Hoffmann) aufnehmen lässt.

Zwischen ihm und Viv, die mit ihrem neunjährigen Sohn Jesse (Woody Norman) in Los Angeles lebt, hat einige Zeit Funkstille geherrscht. Lautlose, während ihres Telefongesprächs eingestreute Rückblenden vermitteln jedoch ziemlich präzise, was die Eiszeit zwischen den Geschwistern verursacht hat: der knapp ein Jahr zurückliegende Streit über die gemeinsame Pflege der todkranken, dementen Mutter und den Umgang mit ihr.

Das Hauptthema des Regissuers: Familiäre Bande

Damit scheinen in Come on, Come on auch schon die bekannten Themenschwerpunkte des amerikanischen Drehbuchautors und Regisseurs Mike Mills durch: Wie in seinen vorangegangenen Werken, der Coming-of-Age-Komödie Thumbsucker (2005), dem Vater-Sohn-Drama Beginners (2010) und dem in den 1970ern situierten Jahrhundertfrauen (2016), geht es um familiäre und häufig intergenerationelle Bande, die in den Hauptfiguren wertvolle Einsichten befördern und einen ihr weiteres Leben prägenden Reifeprozess anstoßen. Auch Come on, Come on nimmt diese Art von nachhaltig bedeutsamer Zwischenmenschlichkeit in den Blick, wenn auch auf deutlich umfassendere Weise.

So ist es erneut eine familiäre Notsituation, die Johnny und seine Schwester zusammenführt: Vivs bipolarer Ehemann Paul (Scoot McNairy) ist überstürzt nach Oakland aufgebrochen, um dort wieder beruflich Fuß zu fassen, was nach kurzer Zeit schiefgeht. Damit Viv sich um Paul kümmern kann, erklärt Johnny sich bereit, auf seinen Neffen Jesse aufzupassen. Dieser ist ein aufgeweckter, zur Exzentrik neigender Junge, der seinen Onkel gleich am ersten Morgen mit ohrenbetäubend laut abgespielten Klassikstücken aus dem Bett befördert, ihm infolge seiner einzelgängerischen Entdeckerlaune manchmal verloren geht und ihn gelegentlich zu einem bizarren Waisenjungen-Rollenspiel drängt.

Das Kind stellt viele Fragen

Die große Stärke von Come on, Come on ist die Natürlichkeit, mit der sich die schrittweise Annäherung zwischen Onkel und Neffe im Verlauf des Films vollzieht. Es sind keine großen Gesten oder Konflikte, die den Beziehungsaufbau prägen, sondern vielmehr die zunehmend verletzliche Offenheit, mit der sich die beiden begegnen. Johnny führt Jesse in seine audiophile Welt ein, lässt ihn sein Aufnahme-Equipment ausprobieren und verrät ihm, was ihn an seiner Arbeit fasziniert: die Möglichkeit, den flüchtigen Moment akustisch festzuhalten und damit unsterblich zu machen. Jesse stellt dem eher verschlossenen und nach einer in die Brüche gegangenen Langzeitbeziehung alleinstehenden Onkel unterdessen viele, mitunter unangenehme Fragen zu seinem Leben. Dabei entlockt er ihm eine Aufrichtigkeit, die Johnny selbst immer wieder zu überraschen scheint.

Ergänzt und verallgemeinert wird diese Annäherung zwischen Onkel und Neffe durch die für diesen Film angefertigten ungeskripteten Interviews mit Kindern und Jugendlichen aus Detroit, Los Angeles, New York und New Orleans. Darin teilen diese ihre berührenden und unerwartet erhellenden Ansichten zu den gesellschaftlichen Herausforderungen der Gegenwart und ihrem Umgang mit Gefühlen und Problemen. Dieses Stück realer Gegenwartsbeleuchtung fügt sich in einen Film ein, dessen Figuren nur zaghaft hoffnungsvoll in die Zukunft blicken können. Zugleich lenkt es von einer hier und da durchscheinenden Schwäche des Films ab. Denn die Reflexion der ungeheuer progressiven Erwachsenen über diese so hellsichtigen Kinder gerät manchmal fast zur selbstgefälligen Nabelschau.

Deutlich interessanter sind da schon die von Johnny im Verlauf des Films verlesenen und explizit betitelten Essay-Auszüge über gesellschaftliche Dimensionen der Mutterschaft oder den Umgang mit psychischen Erkrankungen in der Familie.

Trotzdem: Man kann sich dem dahingleitenden Charme von Come on, Come on nur schwer verschließen. Über die Stationen Detroit, Los Angeles, New York und New Orleans entwickelt sich dieser Film zu einem subtilen, sanften Roadmovie, dessen Plot um Onkel und Neffe diverse Tiefs und Hochs enthält, aber ansonsten ohne die gängigen handlungstreibenden Wendepunkte auskommt. Stattdessen entsteht ein wohltuendes Mäandern, in das sich im Großen wie im Kleinen eine sanfte Geschichte der Vereinbarung von Gegenwartsmüdigkeit, Zukunftsangst und allem trotzender Hoffnung entfaltet – eine Annäherung, die sich durch die Fähigkeit zum aufmerksamen, mitfühlenden Zuhören und die Anerkennung der Bedeutsamkeit des Moments vollführt.

Info

Come on, Come on Mike Mills USA 2021, 109 Minuten

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