Musikliebhaber im Trutzbunker

Medien Von der Ära des musikalischen Autorenradios sind bei den Öffentlich-Rechtlichen nur mitternächtliche Inseln geblieben. ByteFM hält im Internet seit zehn Jahren dagegen

Sie lagen falsch, die Buggles. Nicht Video hat den Radio Star gekillt, es waren Youtube, Spotify und all die anderen Online-Abspielstationen. „40 Millionen Songs. Null Werbung“, lockt Apple Music und lässt Algorithmen den Job erledigen, den früher Redakteure und Programmgestalter besorgten. „Wir Radioleute müssen viel schneller reagieren“, glaubt Werner Reinke, ein 71-jähriger Veteran des Hessischen Rundfunks. „Neue Konkurrenz wie Spotify und Last.fm nehmen wir viel zu wenig wahr.“ Statt intelligente und zeitgemäße Inhalte zu liefern, setzen die Sender nach wie vor auf hysterisch gut gelaunte Morningshows und die ewig gleichen Hits. Von der Ära des musikalischen Autorenradios sind nur ein paar mitternächtliche Inseln geblieben. Dabei hat die unbegrenzte Online-Verfügbarkeit von Musik für Hörer nicht nur Vorteile. Man steht vor einem Ozean aus Sound und Songs wie vor einem kalten gleichgültigen Universum. Wer führt uns jetzt zu Teenage Kicks und Rebel Music, so wie einst John Peel?

Seit genau 10 Jahren bietet der kleine Internetradiosender ByteFM, der in Hamburg in einem trutzigen Bunker am Heiligengeistfeld residiert, genau das, was die Öffentlich-Rechtlichen nicht mehr leisten: handgemachtes Musikradio, das einordnet, wertet, kommentiert und dabei immer eine große Liebe zur Musik in den Mittelpunkt stellt. Mehr als hundert Moderatoren und Programmmacherinnen sorgen für Vielfalt und Kompetenz, selbst in kleinsten Subgenres. „Am Anfang waren die Hörer damit noch etwas überfordert. Für die Genrewechsel zwischen den einzelnen Sendungen braucht es eine gewisse Akzeptanz“, sagt Ruben Jonas Schnell, Gründer, Geschäftsführer und Moderator von ByteFM. Die Vielfalt von Pop gehört hier zum Konzept und wird nicht dem Götzen einer allgemeinen „Durchhörbarkeit“ geopfert. Frank Spilker, Sänger der Band Die Sterne, beschränkt sich in seiner Sendung Frank-A-Delic keineswegs auf erwartbare Diskurspop-Perlen. Auch die MFOC-DJs aus dem Golden Pudel Club wollen mit ihrem Classikk Slakker Mix mehr als nur unterhalten.

Ein Teil des Teams besteht aus professionellen Radiomachern mit sonoren Stimmen und langjähriger redaktioneller Erfahrung. Doch egal ob Pinky Rose, Klaus Fiehe, Volker Rebell oder Klaus Walter – bezahlt wird keiner. Der Reiz besteht in den Freiheiten und Möglichkeiten, die bei großen Sendern nicht mehr zu haben sind. „Wir sollten endlich kapieren, dass die passgenau customized playlists für den individuellen Geschmack von Algorithmen präziser produziert werden als von Menschen, und uns auf Dinge konzentrieren, die wir besser können“, sagt Klaus Walter, der von Anfang an dabei ist und unter anderem die Sendung Was ist Musik? gestaltet und moderiert.

Was am 11. Januar 2008 mit dem Joy Division Song Transmisson und der von Ian Curtis wie ein Schlachtruf formulierten Zeile „Dance, dance, dance, dance to the radio“ begann, wird heute getragen von den gut 5.000 zahlenden Mitgliedern des Vereins Freunde von ByteFM. Werbung gibt es keine, lediglich ein paar Sponsorenlogos hier und da. Das reicht gerade so für die laufenden Kosten und neuerdings für ein zweites Studio in Berlin, das vor allem für Konzert-Streamings genutzt wird. Rote Zahlen schrieb ByteFM nie. Man könnte den Sender für eine Art Fanzine halten, doch zugleich ist er ein Modell für die Zukunft des Mediums Radio. Dampfplauderer und von Algorithmen generierte Playlists haben hingegen kaum eine Chance.

06:00 11.01.2018

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