Nachruf auf Peter Sorge

NACHRUF Vor einigen Tagen starb der Berliner Maler Peter Sorge im Alter von 62 Jahren. Der Rechtsanwalt Lothar C. Poll hielt die Grabrede auf den ...

Vor einigen Tagen starb der Berliner Maler Peter Sorge im Alter von 62 Jahren. Der Rechtsanwalt Lothar C. Poll hielt die Grabrede auf den realistischen Künstler, die wir in Auszügen veröffentlichen.

Seine Lehrer waren ein Glücksfall: Mac Zimmermann (gegenständlich) und Fred Thieler (abstrakt). So etwas gibt es kaum noch.

Anfang der 60-er gab es viel kreative Bewegung im Westteil Berlins. Weniger als "Ort der Freiheit für die Kunst", wie sich eine offizielle Ausstellung im Schloss Charlottenburg nannte. Ein Schauspieler zum Beispiel, Günter Meissner, eröffnete in der Bleibtreustraße die Galerie Diogenes, das "Livin Theatre" aus New York gastierte monatelang in der Akademie. H. C. Artmann, Gerhard Rühm und andere Wiener Schriftsteller zogen in die Stadt. Georg Baselitz und Eugen Schönebeck veröffentlichten ihr erstes Pandemonium gegen das Informell, Ben Wargin im Tiergarten, Manfred de la Motte im Haus am Waldsee. Christian Chruxin, Michael Werner, Benjamin Katz, Adolf Arndt. Eine wirkliche Ausnahmeerscheinung als Kultursenator. André Masson in der Akademie der Künste. René Block, bisher Assistent in Ruckhaberles "Freier Galerie" in der Kurfürstenstraße eröffnete in der Schöneberger Frobenstraße mit Kapitalistischem Realismus, Festredner Heinz Ohff ("Es gibt wieder Krokodile"). Das war ein sehr lebendiges Gestrüpp. Darin nach langer, langer Zeit wieder Maler und Zeichner, die sich den Wirklichkeiten stellten, nach dem Mief der 50-er Jahre. Man muss diesen erlebt oder bei Heinrich Böll, Wolfgang Koeppen oder Arno Schmidt nachgelesen haben, um zu erfahren, wie atemberaubend korrupt und verlogen es zuging, wie frech die Mörder unter uns auftraten und wieviel christliche Heuchelei wie Mehltau auf der Gesellschaft lag. Der Streit zwischen Carl Hofer und Will Grohmann über das Wahrnehmen oder Übersehen der Wirklichkeit in einem Land, das nach dem von ihm ausgegangenen Völkermord geschlagen und geteilt und dennoch dabei war, alles zu verdrängen.

Verdrängung danach und auch heute.

Peter Sorge war Realist. Für ihn war Realismus keine Schule, kein Stil, für ihn war Realismus eine Haltung, die nach der Wirklichkeit zielt in einer rationellen, aktiven und in einer engagierten, einer kritischen Art, einer Art, die den Zeichner und Grafiker in immer andere, immer neue Erfahrungen verwickelt, weil die Wirklichkeit eben immer neu, immer anders ist. Nicht nur anders - immer reicher sind die Möglichkeiten der Wirklichkeit.

Von Anfang an hatte Sorge in seinen Zeichnungen, Radierungen und Lithografien (wie viele deutsche Künstler war er mehr Zeichner als Maler) Bild-im-Bild-Montagen initiiert. Kontrastreich stellte er nebeneinander, was sich ihm in der Bilderflut der Gegenwart anbot und was ihm auffiel, die Sexszene neben dem Bild vom Bürgerkrieg, die Modewerbung neben dem Hungerkind aus der Sahel-Zone, das chromblitzende Motorrad neben dem staatlichen Mordwerkzeug, dem Helicopter. Er übertrug diese in seiner Handschrift und montierte sie kommentarlos nebeneinander. Gerade aus der Kommentarlosigkeit ergibt sich der Kommentar. Eine typische Antwort nach dem "warum" seiner Methode lautete: "Damit die Leute sehen, was sie sich da alles hintereinander angucken", im Fernsehen, im Magazin, der Tageszeitung. Unpathetisch und keiner Ideologie verpflichtet, Eitelkeit des Künstlers war ihm unbekannt.

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00:00 04.02.2000

Ausgabe 42/2021

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