Nerd alert!

Film „Deadpool“ ist eine neue Art Blockbuster: fanbasiert, abseitig, online orchestriert. Könnte Schule machen
Paul MacInnes | Ausgabe 10/2016 3

Gleich an ihrem ersten Kinowochenende in den USA hat die jüngste Marvel-Comic-Verfilmung Deadpool eine Rekordmarke gerissen: Nie zuvor war ein Film mit R-Rating – freigegeben ab 17 Jahren – erfolgreicher gestartet. Und wo sich Sexualität in Superheldenfilmen noch vor Kurzem auf einen Kuss im Regen beschränkte, verdient sich Deadpool seine Altersbeschränkung mit einer analen Umschnalldildo-Penetration. So sieht es aus im Jahr 2016: Erwachsene Menschen dürfen sich in polyamidverstärkte Kostüme werfen und vögeln, wie es ihnen beliebt. Endlich Freiheit!

Allerdings ist das pegging, wie der Fachbegriff lautet, nicht das Einzige, was an diesem Film erstaunen kann. In der Hauptrolle agiert Ryan Reynolds als einerseits so gut wie unzerstörbarer, andererseits im Gesicht entstellter Söldner. Besagtes Gesicht bekommt das Filmpublikum viel häufiger zu sehen, als man erwarten oder hoffen würde. Überdies ist der Söldner ein „pansexueller“ Wüstling und ein brutaler Zyniker, der den Tod auch für kleinere Vergehen als angemessene Strafe betrachtet.

Zynisch und beleidigend

Wobei die Gewalt, versteht sich, nicht etwa Selbstzweck ist, sondern künstlerisches Ausdrucksmittel. Und ebenso sehr, wie er es genießt, mit balletthafter Anmut Samurai-Schwerter in seine Opfer zu rammen, liebt die Figur Deadpool die Worte. Er ist ein metatextueller Schlaumeier, der notorisch die Vierte Wand durchbricht und einmal sogar noch die durchbrochene Vierte Wand. Bei Deadpool ist so vieles seltsam, dass man sich nicht darüber wundert, wenn er mit seiner Mitbewohnerin, einer blinden 80-Jährigen, zwischendurch über Möbel zum Selbstaufbauen witzelt.

Die Sturheit, mit der Hauptdarsteller Reynolds und Regisseur Tim Miller trotz aller Widrigkeiten an ihrem Projekt festgehalten haben, wird bereits als legendär gefeiert. Das Promovideo, die dreisten Anspielungen, die ausgefeilte Online-Orchestrierung: All das erscheint symptomatisch für den derzeitigen Hang zum Fan-Kino, bei dem die Studios auf Stoffe setzen, die ihr Publikum schon mitbringen. Doch Deadpool bietet nicht nur einen Helden, den die Fans lieben müssen, sondern eine ganze eigene Welt. Der Film zählt zu den eindrucksvollsten Manifestationen der Geek-Kultur, die es je auf die große Leinwand geschafft haben. Und der Beweis, dass so ein Film zum Kassenschlager werden kann, obendrein mit ausschließlich erwachsenem Publikum, bedeutet für die Geeks einen Schritt weiter hin zu dem, was sie wirklich wollen: die Weltherrschaft.

Geekhaft ist an Deadpool der Protagonist: Der Held ist jung, männlich, weiß und zum Außenseitertum verdammt. Auf dieser Grundlage häuft der Film Anspielungen über Anspielungen, und der Witz entsteht dabei nicht aus dramatischer Ironie, sondern aus deren Gegenteil: Weil man etwas weiß, das die Filmfigur auch weiß, vielleicht aber die anderen Zuschauer nicht.

Natürlich gibt sich dieser Film durch und durch genauso zynisch wie sein Protagonist, und er steckt voller anregender Beleidigungen; einmal zum Beispiel wird über Deadpools Gesicht gesagt, es sehe aus wie eine Avocado, die Sex mit einer älteren Avocado hat. Die Gewaltorgien sind mit viel Sinn fürs geschmackvolle Detail aufbereitet, bis hin zum Blut, das den Opfern aus den Köpfen spritzt; und es ist Gewalt, die ohne Folgen bleibt, Gewalt als Spaß inszeniert. Wo der Film eine politische Haltung andeutet, ist sie, nun ja, libertär mit einem Hang zur emphatischen Identitätsbekundung. Als nicht ganz erfindliches Schlagwort hallt immer wieder „Maximaler Einsatz!“ durch das Geschehen. Und nicht nur im Tonfall bedient sich Deadpool bei den sozialen Medien, sondern auch in der Form. Manchmal überlagern Emojis und kleine animierte Viecher die Realfilmbilder.

Geist statt Körper

Gut gemacht und höchst unterhaltsam bildet Deadpool ein filmisches Pendant zu Aggregator-Websites wie reddit. Er markiert einen entscheidenden Punkt, an dem zig Millionen Dollar darauf verwettet werden, dass die selbstbewusst-spezialistische Geek-Kultur als eine neue Form den erwachsenen Mainstream erobern kann. Wenn man diesen Film ansieht, mag man durchaus an der Frage verzweifeln, welche menschlichen Werte wir überhaupt noch teilen. Zugleich kommt er so schwungvoll und in Form und Inhalt doch neuartig daher, dass man sich leicht mitreißen lassen kann. Deadpool fühlt sich an wie etwas sehr Heutiges, etwas, das noch vor wenigen Jahren unmöglich gewesen wäre.

Mich persönlich überrascht dieser Durchmarsch der Nerds allerdings sehr. Im ewigen Wettstreit zwischen ihnen und den Sportskanonen hätte ich jederzeit eher auf den Triumph der Sportler gewettet. Doch in einer zunehmend digitalisierten Welt bringen ein durchtrainierter Körper und die Freude am Muskelkater eben nicht mehr den Sieg. Wenn das Kinokassen-Orakel nicht trügt und Deadpool tatsächlich nur ein Anfang ist, dann bin ich ab jetzt bereit, unseren neuen Herrschern zu huldigen. Es lebe der Geek!

Paul MacInnes ist Redakteur bei der Guardian-Kulturbeilage „The Guide“

Übersetzung: Michael Ebmeyer

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