Null Grad in Nuuk

Bühne Eine Theaterreise ans Ende der Welt: Grönland ist eine Insel voller Inseln und ein bisschen wie die DDR, nur lustiger
Null Grad in Nuuk
Kinder, spielt im Eis solange es das noch gibt!

Foto: Education Images / Universal Images Group / Getty Images

Wir sitzen nach der Probe im Wohnzimmer von Kimmernaq. Sie ist Sängerin und Schauspielerin. Man kennt sie hier in Nuuk, Grönlands Hauptstadt. Im Stadtbus 2 (es gibt drei Linien) hat uns der Fahrer gleich erzählt, er habe am gleichen Tag Geburtstag wie Kimmernaq, die er noch von der Schule her kenne. Sie sei eine Kämpferin für die Freiheit und das Gemeineigentum, und schön sei sie auch.

Bei Kimmernaq gibt es grönländischen Kuchen, dazu Kaviar und rohen Fisch. Wir sind mit zwölf Gästen angereist, Mitarbeiter des Theaters Konstanz, eine Augenärztin und eine Sprachwissenschaftlerin haben sich uns angeschlossen. Kimmernaq war zuvor in Konstanz und hat mit Regisseur Ingo Putz das Stück entwickelt, gespielt, geschrieben und komponiert: Ein einsam lebender Fischer im Norden beobachtet junge Robben beim Tanz, sie legen ihre Felle ab und er sieht sieben junge Frauen. Einer stiehlt er das Fell. Sie soll bei ihm bleiben. Und die beiden handeln einen Kompromiss aus: Sieben Jahre lang wird sie seine Gefährtin sein, aber keinen Tag länger. Aus der Beziehung geht ein Kind hervor, ein Trennungskind, und wir werden sehen, was aus dem Trennungskind einmal werden wird.

Moin, Ministerpräsident!

Grönland ist reich an Mythen, und es dient selbst als Mythos: das Ende der Welt, ein Rückzugsgebiet aufrechter Menschen, von Gemeinschaftssinn und ursprünglicher Lebensweise. Dabei sind die Schamanen längst ausgestorben, vertrieben und vernichtet von den protestantischen Missionaren, die die Idee der Schuld ins Land gebracht haben.

Grönland ist aber auch eine Projektionsfläche für Verschwörungstheorien wie die vom letzten Hitlerbunker, vom Sturm der Großmächte China, USA oder Russland auf die letzten Rohstoffe und vom Tod des Königs von Thule. Solche Fantasien lenken auch ein bisschen ab von einer oft tristen Realität: Der Alkoholismus ist unter den Inuit ein großes Problem, seit die dänische Regierung sie in den 1960ern aus ihren Dörfern umsiedelte. Seit aus Jägern und Fallenstellern Sozialhilfe-Empfänger wurden, eingepfercht in Wohnblocks.

Zuletzt las man in den Nachrichten, dass das Land jetzt brennt. Als wir dort sind, ist davon noch keine Rede. Es wird Frühjahr, und das Eis auf den Straßen geht zurück, wir Theaterleute haben zwei Hütten gemietet und blicken auf den Godthåbsfjord und einen großen weißen Berg. Die Luft ist kalt und trocken. Wir laufen viel über glatte Straßen. Vom Café Inuk, wo wir leben, in die Stadt sind es sechs Kilometer, vorbei an den hässlichen Wohnblocks der 1960er Jahre, dann wieder kleine Häuser und im Zentrum zwei Supermärkte, das berühmte Hotel Hans Egede, benannt nach dem „Apostel der Grönländer“, einem dänisch-norwegischen Pfarrer, und das Parlament mit Polizeistation. Miki, unser grönländischer Musiker, hilft uns beim Einkauf, er plaudert mit einem Mann in Latzhose, haut ihm auf die Schulter. Na klar, sagt der Mann in der Latzhose, er komme zur Theatervorstellung. Später erfahren wir, dass dies der Premierminister war, Kim Kielsen.

Die Sonne scheint, es ist um null Grad, und die Leute laufen im T-Shirt durch die Stadt. Nach 18.00 Uhr gibt es kein Bier mehr und die Flasche Wein von der billigsten Sorte kostet mindestens 30 Euro, aber auch die sind jetzt verboten. Vor dem Supermarkt stehen die Armen, sie verkaufen Fische und tote Hasen, gestrickte Strümpfe – die Leute vom Land, aber von welchem Land? Die nächste Siedlung ist Tagesreisen entfernt, außer mit dem Boot, da schafft man es in vier Stunden nach Atammik.

Wenn du kein Geld hast, kommst du nicht weg, dann ist Grönland wie eine Ansammlung von Landinseln auf einer einzigen großen Insel: Du brauchst das Flugzeug oder ein Boot, im Norden gehen vielleicht die Schlitten.

Wir trennen uns, der eine Teil der Gruppe bleibt in Nuuk, sie proben für den Auftritt. Unsere Veranstaltungstechnikerin, deren Mutter Finnin ist, versteht sich blendend mit den Inuit-Technikern. Wir anderen fliegen zu fünft nach Ilulissat, einem Zentrum des Tourismus, da, wo der große Gletscher Kangia jeden Tag Abermillionen Tonnen schwere Eisberge kalbt. Das Flugzeug von Greenland Air fasst 28 Passagiere, und es kommt nie an: Einmal hin und einmal zurück, denn der Schneesturm gibt uns keine Chance, zu landen. Alle nehmen es leicht, und wir? Wir bekommen Gutscheine und essen Greenland Hamburger im Flughafen von Kangerlussuaq.

Hier ist gerade ein Bomber der US-Armee gelandet: Nette Soldaten trinken Wasser und Bier, später geht es weiter, ein zweiter Versuch, und es klappt. In Ilulissat fängt das kalte Grönland an: 15 Grad unter null, denn das Frühjahr kommt und in der Diskobucht ist alles voller Eisberge. Es gibt sie noch. Aber sie werden weniger. Stolz erzählt uns auf dem kleinen Eisbrecher der Kapitän, dass mit großer Wahrscheinlichkeit der berühmteste aller Eisberge – also genau der, der die Titanic gekillt hat – aus diesem Fjord stammte: Der Tod kommt aus Ilulissat.

Um die Stadt lagern die zahllosen Schlittenhunde. Das Städtchen liegt an einem großen Fischereihafen und hat gleich zwei Museen. 3.200 Menschen leben hier, ab 20.30 Uhr ist die Stadt tot, im Supermarkt holen wir etwas zum Abendessen. Unsere Versuche, essen zu gehen, scheitern vor allem an einem ungastlichen dänischen Restaurant. Der Chef vom Mamartut ist aggressiv, und 70 Euro für seine Tapas will er auch. Diese Dänen! Es tut gut, als Deutscher einmal keine Schuld empfinden zu müssen, es gibt wenig Orte auf der Welt, an denen wir unschuldig sind: Die Besatzer sind die Dänen, seit Jahrhunderten, aber auch unter ihnen gibt es freundliche Leute. Der Museumsdirektor ist so einer. Wenn man in Ilulissat ist, muss man in das Kunstmuseum gehen, das leitet Ole Gamst-Pedersen, und er erzählt unaufdringlich, fördert die jungen Künstlerinnen der Stadt und hat ein Programm „Artist in Residence“ (den Flug muss man selbst bezahlen, Übernachtung und Essen sind frei).

Mehr noch: Ilulissat hat eine Sporthalle, einen Fitnessraum, großartige Wanderwege zum Fjord und im September ein Theaterfestival. Das Hotel Arctic ist der Geheimtipp für internationale Kongresse. Clinton war hier und Obama, auch die anderen Jungs: Mit wenigen Hubschraubern kann man die Sicherheit garantieren, denn hier oben ist nichts, und wenn was kommt, dann sieht man es.

Ick bin ein Nuuker

Das Theater Konstanz wird auch hier spielen, vielleicht die Geschichte vom Robbenkind, vielleicht auch Warten auf Godot. Denn wir alle warten immerzu. Die Inuit auf die endgültige Souveränität, auf neue Besatzer, auf einen menschenfreundlichen Sozialismus, auf die Rückkehr der Schamanen. Nüchtern betrachtet sind die Chancen für die Inuit in Grönland nicht so schlecht: Sie haben sich ihre Sprache bewahrt und ihre Geschichte, sie sind weit weg von allem, es gibt nur fünf Flüge in der Woche von Reykjavík oder Kopenhagen, keinen einzigen vom amerikanischen Kontinent, und es ist ungeheuer schwer, ihre Sprache zu lernen.

Man kann den Wunsch der jungen Leute verstehen, auch mal abzuhauen, in die Welt zu kommen. Zurück in Nuuk besuchen wir Prof. Dr. Kevin Perry an der University of Greenland. Er ist Brite, hat Oberarme wie ein Gewichtheber und ist ein Mann mit kritischem Blick: Er warnt vor Korruption, er ist skeptisch, ob man die sozialen Probleme des Landes in den Griff bekommt, wir trinken Bier und schimpfen auf den Alkohol, wir schauen von der Bibliothek auf das kalte Meer.

Im Foyer hängt ein Plakat, ein Vertreter der Amerikanischen Botschaft in Kopenhagen kündigt seinen Besuch an, um die Politik von Donald Trump zu erklären, das klingt düster. Prof. Perry plant eine Reise in den Osten von Grönland: Da sind die wirklich Armen, sagt er, die nimmt hier keiner ernst im Westen von Grönland, und ich denke, das kommt einem auch in Deutschland bekannt vor. Wir kommen herum, lernen Menschen kennen. Morgen ist 1. Mai, wir fragen nach einer Kundgebung. Unsere Gesprächspartnerin von der linkssozialistischen Partei Inuit Ataqatigiit (übersetzt: Gemeinschaft der Menschen) lädt uns ein. Sie haben im Parlament acht von 31 Sitzen, und sie war einmal Ministerin. Als ich sie nach Rosa Luxemburg frage oder nach den Strukturen der Korruption, schaut sie mich freundlich an. Aber sie sagt kein Wort. Ich bin eben auch nur ein Kulturkolonialist. Aber sie lächelt und verabschiedet sich: „Bis morgen zum 1. Mai“ – und zeigt in die Richtung des Versammlungshauses. Da wird die Kundgebung sein, im Saal. Immerhin haben wir minus fünf Grad.

Am nächsten Tag sind wir da. Fünf Gäste unter knapp 200 Menschen im Versammlungshaus und die einzigen Ausländer. Brav lehnen wir uns an die Wand und wollen keinem einen Sitzplatz nehmen. Es gibt Kaffee und Kuchen, der Vorsitzende spricht sehr lange. Es riecht ein bisschen nach der alten DDR, nur lustiger. Leider verstehen wir nichts. Viele lächeln uns zu. Wir hätten gerne gesungen, die Internationale, aber das schien uns zu aufdringlich, denn die Inuit sind freundliche und zurückhaltende Menschen.

Mit der Zurückhaltung ist es an einem anderen Abend für kurze Zeit vorbei: Nach der Theatervorstellung im Kulturhaus gibt es heftigen Applaus, vor allem weil unser Kollege Gregor aus Konstanz sieben Sätze Grönländisch gelernt hat und Kimmernaq eine energetische Spielerin ist und das Bühnenbild nur aus Papierrollen bestand, weiß wie Schnee. Kinder haben gelacht, Mütter geweint. Männer haben etwas über sich selbst gelernt: Man muss loslassen, wenn man lieben will. Leben ist Veränderung. Die Welt ist veränderbar. Auch wenn wir nicht hoffen, dass Grönland, das brennende, seine Decke aus Packeis verlieren wird.

Christoph Nix ist Professor für Strafrecht an der Universität Bremen und Theaterintendant in Konstanz. Er schreibt Romane und Reportagen. Sein Sohn Johannes Nix studiert Sozialwissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin

06:00 31.08.2019
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