Osttribüne

A–Z Die WM findet in einem Teil der Ex-Sowjetunion statt, in dem viele Klubs Dynamo hießen. Warum eigentlich? Ein Lexikon der Herausgeber von „Der Osten ist eine Kugel“

A

Aranycsapat Eine Mannschaft (ungar. csapat) nicht aus Gold (ungar. arany), aber mit dem Roten Stern am Trikot, der zwei Jahre nach Bern als Akt der Revolution symbolisch aus der Fahne geschnitten wurde – rund war dieses Loch im Eckigen. Fußballgold in der Spielkunst sind Puskás‘ Drag-back-Goal (eins von sechs im „Jahrhundertspiel“ gegen England im Wembley 1953), Hidegkutis Tänzchen auf dem Taschentuch, das Olympiagold 1952. Ikonen sind eben in Gold gemalt. Straßen müssen nicht nach den Spielern heißen, sind die an der Donau doch im Gedächtnis, fahren als Porträts an einer E-Lok durchs Land. Für Straßen sind Dichter zuständig, z.B. Petőfi Sándor oder János Arany. Hidegkuti und Bozsik „haben“ Stadien, Grosics eine Torwartschule, auch Puskás ein Stadion, dazu immerhin eine Straße in Kispest – und eine Akademie im Dorf Felcsút, die blendet, keine Goldelf hat, nur eine Geldelf, eine „Geltelf“.

B

Bananenflanke Kunstschuss; russ. сухой лист – wörtl. ‚trockener Bogen‘; die russische Metapher funktioniert anders, verweist eher auf die clevere Kunstfertigkeit und die Spielerintention des Tritts als auf die durch Rotation gekrümmte Flugbahn: Die Kugel wird unter Ausnutzung des Magnus-Effekts vor das Tor geschlenzt. Dieser Bananenbogen ist wie der Schluss einer Reise des Leders um die Erdkugel (шар), wie der offizielle WM-Ball (мяч) sie im космос (All) unternahm: Gestartet am 21. März 2018 mit Союз МС-08, zurückgekehrt am 3. Juni mit Союз МС-07, kreiste der mit der ISS auf ihrer Umlaufbahn um den Globus. Genau wonach also greift Jaschin auf dem WM-Plakat?

Pünktlich zum Anpfiff der WM im Luschniki wurde dieser Ball (мяч) von Zabivaka (Maskottchen), Hase und Wolf (Ну погоди!) oder der Bärin Tima (üblich in Pjatigorsk bei Spielen des FC Maschuk-KMW gegen Anguscht Nasran) auf den Anstoßpunkt gelegt. So „ballverliebt“ (Jochen Schmidt) sind die Organisatoren im Großen Land. „Pojechali!“

D

Dynamo Tiflis Der Verein trägt wie zahlreiche andere Klubs der vormals sozialistischen Staatenwelt den Namen der Sportorganisation Dynamo/Dinamo, der seinerzeit eine enge Verbindung zu den jeweiligen inneren „Sicherheits“-Organen anzeigte; von Minsk bis Tirana oder von Dresden bis Bukarest. Rekordmeister des unabhängigen Georgien, international freilich in der Bedeutungslosigkeit versunken. Dabei stand er in der Sowjetunion gemeinsam mit dem Kiewer Namensvetter (Rekordchampion mit 13 Titelgewinnen) für den Triumph der Ränder des Imperiums über das Zentrum, die Moskauer ‚Zentrale‘, den ‚großen Bruder‘ im Bunde vermeintlicher Völkerfreundschaft. Meister (1964, 1978) und Pokalsieger (1976, 1979) der Sojus sowie neben Dynamo Kiew (Gewinner 1975, 1986) einziger sowjetischer Europapokalsieger. Dieser größte Triumph der Vereinsgeschichte spiegelt zugleich die hierarchisierte Wahrnehmung des Fußballs und den hegemonialen Blick ‚gen Osten‘. Das innersozialistische Finale gegen Carl Zeiss Jena im Europacup der Pokalsieger 1981 wollten im zugigen Betonrund des Düsseldorfer Rheinstadions keine 5.000 Zuschauer sehen. Den 2:1-Siegtreffer erzielte Witali Darasselia, später dann Leidtragender beim Zeitschinden.

E

Ex oriente lux, die Schönheit beleuchteter abendlicher Fußballstadien sei ungültig wie ein abgelaufenes sportärztliches Attest – „wir können das nicht berücksichtigen“ (Péter Esterházy, Keine Kunst). Wir haben jedoch die Wendung ex oriente lux im Sinn angesichts einer Vielzahl äußerst markanter Flutlichtanlagen im östlichen Europa mit ihrer gleichsam doppelten Sichtbarkeit. Erklären ließe sich dieser Befund thesenhaft damit, dass Entwurf und Planung derartiger Anlagen Architekten und Ingenieuren in der Ära des Sozialismus eine willkommene ‚Spielwiese‘ für unikate Lösungen im Umfeld eines oft normiert-uniformen Bauens bot. Wer ihrem schönen Schein erliegen will, muss sich beeilen. Denn diese architektonisch-konstruktiven Landmarken im ‚Weichbild‘ der Stadt sind eine aussterbende Gattung und werden im Zuge moderner Arenaneubauten vielerorts aufgegeben.

F

Fettbemme Aspekte einer östlichen Kulinaristik des Fußballs: zsíros kenyér (ungar. Fettbrot), Schmalzstulle, Rostbratwurst, Bockwurst, kiełbasa z grilla (poln. Grillwurst) in polnischen Stadien, in rumänischen semințe (russ. семечки; geröstete, gesalzene Sonnenblumenkerne); nach dem Spiel lagen riesige Schalenberge in den Rängen. Kerne und Bier sind nun verbannt, sagt Mihai Mateiu (Cluj). Beim Bier weist die Sorte den Verein aus; ‚nur‘ alkoholfreies beim Auswärtsspiel. Frage; Was isst und trinkt eigentlich der Schiri?

K

Kunst Spätestens seit der Zwischenkriegszeit wird Fußball selbst auch als Kunstform wahrgenommen. Sie kennt den virtuosen Solisten wie das reibungslos aufspielende Ensemble des Kollektivkörpers. Die Ahnenreihe reicht etwa von Matthias Sindelar, der nach Alfred Polgar „Geist in den Beinen“ hatte, bis zu La Pulga, vom österreichischen Wunderteam der frühen 1930er bis zu Barça heute. Weniger bekannt sind die noch weiter zurückreichenden bravourösen Doppelpässe zwischen Fußball und Bildender Kunst. In Alexander Deinekas spezifischer Bildfindung erwuchsen „neue Landschaften mit dem grünen Viereck eines Fußballfeldes“. Als Erweiterung des Gattungsbegriffs ist das gleichsam die ‚Erfindung des Fallrückziehers‘ in der Malerei.

L

Loba Waleri Lobanowski (1939 – 2002), Poeten winden ihm Kränze, ein Fußballtechnokrat wie Ralf Rangnick nennt ihn seinen Lehrmeister. Schon als Spieler sichtbar ein Großer; „Rotblonde Sonnenblume“ heißt ihn Juri Rybtschinski ob seiner Schlaksigkeit und Haarfarbe. Meister der angeschnittenen Flanken und direkt verwandelten Eckbälle (von wegen, im Sozialismus gab es keine Bananen). Als Trainer v.a. mit Dynamo Kiew (EC-Sieger 1975, 1986), aber auch mit der Sbornaja (EM-Zweiter 1988) sehr erfolgreich. An drei Meisterschüler (Blochin, Belanow, Schewtschenko) ging der Ballon d’Or. Als großer Innovator im spieltaktischen und sportwissenschaftlichen Bereich ins internationale Fußball-Pantheon eingegangen. Im Zuge intensiver Identitätsdebatten und nun auch der ‚Dekommunisierung‘ in der Ukraine und besonders in Kiew als ,Neuer Heiliger‘ vielfach präsent. Vollführt das für ihn typische Wippen mit dem Oberkörper auf der Trainerbank nun vor dem nach ihm benannten Kiewer Dynamo-Stadion in bronzener Ewigkeit.

M

Mitropa So heißt die legendäre Gesellschaft mit den roten Schlaf- und Speisewagen, die Deutschland auch in Teilungszeiten durch Direktverbindungen mit ganz Europa verbanden. Diese AG (auch in der DDR!) war nie Sponsor des gleichnamigen Fußballwettbewerbs in Mitteleuropa. Bei Hugo Meisls Mitropa-Pokal liefen Spielerikonen wie Sárosi, Meazza, Sindelar oder Bican auf, bespielten den Raum der verschwundenen Donaumonarchie elegant mit calcio danubiano. Der Mitropa-Cup war ab 1927 der maßgebliche internationale Vereinspokal und Vorläufer der UEFA-Europapokalkonkurrenzen. Die größte Mitropa-Gaststätte wiederum befand sich nicht etwa unter dem Decknamen Goetropa an der Germanistik der FU, sondern auf dem Leipziger Hauptbahnhof. Nicht überliefert ist, ob dort auf dem größten Kopfbahnhof Europas vor allem Lokpersonal oder Chemiker einkehrten – Schlosserjungs sicher seltener, Rote Sterne gab es in Leipzig noch nicht. Für Fußballer war die Brause bei der Mitropa seinerzeit fraglos schmackhafter.

P

Panenka Von ihm führen viele Wege ins weite Feld des Fußballs. War ja auch Spieler und ist Präsident eines Klubs, der die Weltenbummelei im Namen trägt, Bohemians Prag. Reiht sich in eine Galerie von Spielerikonen ‚aus dem Osten‘ (der hier die Mitte ist!): Jaschin, Strelzow, Blochin, Lato, Boniek, Masopust, Puskás, Albert, Stojković … Steht mit seinem finalen Kunstschuss in die Tormitte im EM-Finale gegen die BRD 1976 für das Sprichwörtlich-Werden im Fußball. Sepp Maier flog umsonst in die linke Ecke (wohin sonst, es ging ja gegen welche aus dem Ostblock).

Der Panenka-Heber (tschech. vršovický dloubák, Werschowitzer Heber, nach dem Stadtteil Vršovice, wo Bohemians beheimatet ist wie auch Slavia) wurde zum Erinnerungsort wie das Wunder von Bern, das Wembley-Tor, die Hand Gottes, das 6:3 der Magical Magyars gegen die seit 1066 zu Hause unbesiegten Engländer. Bescherte der ČSSR (samt allen Vorgängern und Nachläufern) den einzigen internationalen Titel, dies im Marakana [sic!], demjenigen von Belgrad, seinerzeit Stadion Roter Stern, bei den Brasilianern des (Süd-)Ostens. 1976 ging erstmals eine EM an ein nominell sozialistisches Land, Jugoslawien, dessen ‚Plavi‘ (‚Die Blauen‘) am Ende Vierte wurden. Panenka blieb nach seinem Wechsel ‚in den Westen‘ (1981) in der Monarchie, spielte u.a. in Wien und St. Pölten.

V

Vratar (russ. вратарь) Meint Torhüter, im Hochstalinismus etwa durch Lew Kassil (Torwart der Republik, 1937) zum Verteidiger des sozialistischen Vaterlandes stilisiert und auch visuell ikonisiert, wenn er bei Alexander Deineka (Torwart, 1934) die nahezu gesamte Bilddiagonale durchmessend nach einem an die Sonne erinnernden Ball – gleichsam etwas ,Höherem‘ – greift. Der sowjetische Hüter schlechthin, Lew Jaschin (1929 – 1990), galt Mitspielern und Gegnern trotz höchster Weihen stets als geerdet-sympathisch, Markenzeichen: Mütze, Kniebandage, Handschuhe (die er unter Keepern mit salonfähig machte), hielt mit seinen riesigen Pranken nicht nur zahllose Lederkugeln sicher, sondern auch als bislang einziger Torwart den Ballon d’Or für Europas Fußballer des Jahres (1963), bewies, dass jahrzehntelange Kettenraucher Weltklasseleistungen vollbringen können, wenn sie dies auch mit der Amputation beider Beine bezahlen müssen. Von Jewgeni Jewtuschenko – Lew Jaschin, 1989 – hymnisch zur Metapher für den Mut und die Weitsicht des Einzelnen ausgerufen, gesetzte Grenzen zu überschreiten und Räume neu zu ‚bespielen‘.

Z

Zeitschinden hätte dem Sieger des FDGB-Pokalendspiels 1968 nichts gebracht. Das war im Camp Nou 1982 anders. Am 4. Juli (WM-Zwischenrunde) ging‘s da ums Weiterkommen unter die besten Vier. Keiner der 22 Beteiligten netzte ein. Nach 90‘ gab es keinen Sieger, es sei denn die Zeit, die die Spieler der VR Polen jenen der UdSSR abnahmen. Die VR Polen kam mit ’nem Remis weiter! Unter besonderen Umständen habe Zeitverzögerung eine historische Rolle, dichtet József Keresztesi über das Match. ‚Zeitschinden‘ heißt polnisch grać na zwłokę (auf Verzug spielen), russisch тянуть время (die Zeit ziehen), ungarisch húzza az időt (die Zeit ziehen). Wurde die WM mit neuem Turniermodus also ab 1986 geschichtslos?

06:00 11.07.2018

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