Panzer aus Glas

Serie Die Neuadaption von „The Mosquito Coast“ zeigt den US-amerikanischen Systemkritiker als Mann mit Privilegien

Allie Fox hasst sie alle: Republikaner, Demokraten, Richter und Polizisten. Vor allem jedoch die Konzerne, die ihm eine schöne Welt vorgaukeln. Aber er hat sie durchschaut: „They love you as long you are buying the bullshit that they’re selling you.“ Allie verabscheut das System, das „sein“ Amerika durch Kapitalismus und Korruption ruiniert hat. Er selbst hält sich für einen überragenden Erfinder, dessen Genialität aber niemand erkennen kann. Was natürlich daran liegt, dass er es nur mit konsumgeschädigten Dummköpfen zu tun hat.

Mit seiner Familie lebt Allie in selbst gewählter Armut als Aussteiger auf dem Land. Seiner Frau und den beiden Kindern hat er jeden Kontakt mit der Außenwelt streng untersagt – kein Telefon, keine Schule, keine Freunde –, wie sich herausstellt, nicht etwa aus konsumkritischen Gründen, sondern weil er ein vom Geheimdienst gesuchter Mann ist. Am Ende der ersten Folge der Serie The Mosquito Coast bleibt Allie Fox nur die Flucht – und die Hoffnung auf einen Ort, an dem er ungestört seine autonome Welt errichten kann. Er nennt das Freiheit.

Zyniker im Hawaiihemd

Als der US-Autor und Reiseschriftsteller Paul Theroux vor 40 Jahren seinen Roman The Mosquito Coast veröffentlichte, erschien der Traum von der persönlichen Utopie zwar auch schon irgendwie verrückt, doch immerhin noch im Bereich des Möglichen. Wo heute die Dystopien boomen, konnte Anfang der 1980er Jahre jemand wie Allie Fox noch zu einem scheinbar beneidenswerten Abenteuer aufbrechen: Fox verfrachtet seine von ihm praktisch in Geiselhaft genommene Familie auf ein Schiff, fährt an die honduranische Küste und errichtet dort mit ein paar Einheimischen ein kleines Dorf mit einer turmhohen Eismaschine.

Theroux’ knapp 400 Seiten starker Roman liest sich aus heutiger Sicht wie ein Abgesang auf den letzten amerikanischen Pionier, den zivilisationsgeschädigten Westerner, den man fürchtet und zugleich bewundert. Tatsächlich war es das Jahrzehnt, in dem die westlichen Exzentriker und Kolonialisten zum letzten Mal in die Wildnis aufbrachen, um dort wie in Werner Herzogs Fitzcarraldo (1982) grandios Schiffbruch zu erleiden oder wie in Clint Eastwoods Weißer Jäger, schwarzes Herz (1990) böse aus ihrem Lebenstraum zu erwachen.

The Mosquito Coast ist die Geschichte eines doppelten Scheiterns. Theroux schrieb nämlich nicht nur über das Versagen eines tyrannischen Vaters, sondern auch über die Unmöglichkeit, dessen Tun und Denken zu verstehen. Erzählt wird diese Irrfahrt von Allies ältestem Sohn Charlie, der das Familienoberhaupt in die Hölle oder gar einmal im Traum ans Kreuz genagelt wünscht, von aus Mittelamerika geflüchteteten Landarbeitern. Theroux schildert einen klassischen Vater-Sohn-Konflikt, bei dem Starrsinn und Egoismus des Patriarchen jedes Gefühl für die Bedürfnisse anderer verunmöglichen.

Als sich der Filmemacher Peter Weir und sein Drehbuchautor Paul Schrader 1986 des Stoffes annahmen, machten sie aus dem Systemverweigerer einen durchgeknallten Anarchisten, der auf japanische Werbepappfiguren in US-Baumärkten schimpft. Dennoch wirkte die Verfilmung im Vergleich zur Vorlage relativ harmlos, weil sie sich nahezu ausschließlich auf das Psychogramm eines verwirrten Genies konzentrierte und weil Hollywoodstar Harrison Ford – zu dieser Zeit bereits als Indiana Jones aktiv – seine Rolle als hyperaktiver Zyniker im Hawaiihemd anlegte. Für Helen Mirren als Allies devote Frau und den jungen River Phoenix als Charlie blieb da kaum Platz.

Knapp vier Jahrzehnte später beweist nun The Mosquito Coast als Serie nicht nur, was aus diesem Stoff noch an bemerkenswerter Aktualität herauszuholen ist, sondern lässt auch markante Verschiebungen erkennen: Wie reagiert jemand wie Allie Fox auf eine Welt, von der er sich übersehen und missachtet fühlt? Seine Arroganz, die im Roman und im Film purer Egomanie zu entspringen scheint, wirkt in der Serie eher wie ein gläserner Panzer – hinter dem der wahre Allie Fox sichtbar wird: als Schwächling, der nicht mehr von seiner Meinung abrücken kann, weil er sich irgendwann verrannt hat; als Besserwisser, der nur seine eigenen Argumente gelten lässt und jede Fähigkeit zum Diskurs und zur Diskussion verloren hat. Gegen jeden und alles zu sein, hat mit Freiheit nichts mehr zu tun.

Von den konspirativen Untertönen der Pilotfolge bis zum langen Marsch durch die glühende mexikanische Wüste in die Arme von Schleppern und Drogenkartellen reicht der Bogen, den der britische Autor Neil Cross und Rupert Wyatt als hauptverantwortlicher Regisseur in der ersten Staffel abstecken. Dass Justin Theroux (The Leftovers), der auch als Produzent fungiert, in die von seinem Onkel geschriebene Hauptrolle schlüpft, ist ein Glücksfall: Statt souverän und selbstsicher ist dieser neue Allie Fox fahrig und überreizt. Und wenn er auf andere Leute einredet, hat man stets den Eindruck, als würde er in erster Linie sich selbst von der Richtigkeit seiner Argumente überzeugen wollen.

Ohne ihren Antihelden damit zu desavouieren, legt die Serie bei Allie eine Schwäche nach der anderen bloß: in der komplizierten Beziehung zu seiner Frau Margot (Melissa George), zum hier jüngeren Sohn Charlie (Gabriel Bateman) und zur pubertierenden Tochter Dina (Logan Polish), die am intensivsten Widerstand leistet. Als lernfähig erweist sich Allie indes nicht: Als die Familie auf einen jungen Mexikaner trifft, der ihnen als Fluchthelfer dient, hat der Flüchtling aus dem globalen Norden kein Verständnis für die Situation des anderen, der im Gegensatz zu ihm tatsächlich mit dem täglichen Elend konfrontiert ist. Als Allie sich floskelhaft rechtfertigen will, nimmt sein Helfer die Entschuldigung nicht an: „Don’t be sorry. You can’t help it. You are American, asshole. And you never get away from that.“

Nach sieben Stunden und ebenso vielen Folgen – so viel kann verraten werden – ist man gerade mal bei einem Fünftel des Romans angelangt, und die Änderungen haben sich als so bezeichnend wie treffend erwiesen. Denn sie sind nicht nur dem sogenannten horizontalen Erzählen geschuldet oder der Absicht, möglichst viel Streaming-Zeit zu veranschlagen, sondern einem Blick auf ein neues Jahrhundert, das sich mindestens so nahe am Abgrund befindet wie seinerzeit die Welt im Kalten Krieg. Nur dass der Abgrund anders aussieht. The Mosquito Coast ist eine Endzeitserie, die in der Gegenwart spielt.

Info

The Mosquito Coast Neil Cross, Rupert Wyatt USA 2021, 6 Folgen, Anbieter: Apple TV+

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06:00 04.05.2021

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