Party-People des Jazz

Jetset Vor 100 Jahren erschien F. Scott Fitzgeralds erster Roman. Der Autor durchfeierte die Nächte und gilt als Chronist seiner Zeit
Party-People des Jazz
Schreiben, um den Champagner zu bezahlen: Zelda und F. Scott Fitzgerald zogen gern um die Häuser

Foto: Everett Collection/Imago Images

Er hatte nicht genug Geld. Nicht in den Augen von Zelda. Sie glaubte nicht daran, dass aus ihm ein großer Schriftsteller werden würde. Weil ihre Angst vor Armut größer war als ihre Liebe, löste sie die Verlobung. Es sind Geschichten wie diese, aus denen Literatur entsteht. Es ist die Geschichte des Francis Scott Fitzgerald. Man sagt, aus Leid erwachse große Kunst. Fitzgerald nutzte seinen Kummer als Kreativkapital, schloss sich im Elternhaus ein und überarbeitete eine Erzählung über einen jungen Mann, der erst sein Vermögen und dann seine Liebe verliert. Das Manuskript trug den Arbeitstitel „The Romantic Egotist“. Natürlich war dieser romantische, geltungssüchtige Mensch er selbst. Er wollte die Liebe und den Ruhm. Und wie im Hollywoodfilm bekam er am Ende beides. Eine Woche nachdem sein Roman unter dem Titel This Side of Paradise (Diesseits vom Paradies) erschienen war, heiratete er die Frau, die ihn erst abgewiesen hatte. Die Erstauflage war da bereits ausverkauft. Kurz darauf legte er mit dem Kurzgeschichtenband Flappers and Philosophers nach. Der Hungerleider war zum Bestsellerautor geworden.

Das alles geschah vor 100 Jahren, 1920. Die USA hatten einen Krieg gewonnen. Doch der eigentliche Sieg fand erst jetzt statt. Amerika versorgte das ausgeblutete Europa mit Krediten. Zugleich boomten die junge Auto- und Elektroindustrie. Wohlstand machte sich breit. Das musste gefeiert werden – Friede, Freude, Eierlikör. Die Prohibition konnte nicht verhindern, dass es allein in New York 30.000 illegale Bars gab. Weil zu einer guten Party neben Hochprozentigem berauschende Musik gehört, florierte auch der Jazz und bewirkte auf der Tanzfläche Ähnliches wie viele Jahre später Rock ’n’ Roll, Disco oder Techno.

Auf dem Taxidach zur Party

Die Musik war der Soundtrack eines neuen Zeitalters, weshalb Fitzgerald 1922 seine zweite Kurzgeschichtensammlung Tales of the Jazz Age nannte. Und das Glamourpaar Zelda und Scott war die Vorhut der Party-People. Die Avantgarde des Jetsets, als es noch keine Jets gab – was die beiden nicht davon abhielt, zwischen Amerika und Europa zu pendeln. Sie feierten in New York, in Paris, an der Côte d’Azur, so ausgiebig, dass sie mehrfach aus Hotels geworfen wurden. Auf Taxidächern ging es zur nächsten Party – das süße Leben verlangte Vollgas. Jahrzehnte bevor Fellini in La Dolce Vita Anita Ekberg im Trevi-Brunnen baden ließ, hatte Zelda Fitzgerald Ähnliches getan. Sie war der Inbegriff des „Flappers“, jenes Typus von Frau, der keck die tantenhaften Vorkriegskonventionen in den Wind schlug, selbstbewusst auftrat, in der Öffentlichkeit rauchte, sich wie ein Mann betrank – und die Haare kurz trug. Fitzgerald wusste um die Symbolkraft solcher Äußerlichkeiten. Was in New York hip war, führte im Hinterland zum gesellschaftlichen Ausschluss. Die Kurzgeschichte Bernices Bubikopf aus dem Jahr 1920 hält jenen Moment fest, in dem ein weiblicher Kurzhaarschnitt noch den Ruch des Skandalösen hatte.

Die Leser verschlangen solche Storys. Auch in der Provinz wollte man wissen, wie Die Schönen und Verdammten (so der Titel des zweiten Romans) liebten und lebten. Fitzgerald bediente die Nachfrage. Er lieferte im Akkord, verfasste zwischen 1920 und seinem Todesjahr 1940 rund 180 ziemlich lange Kurzgeschichten. Das speiste sich aus schierer Notwendigkeit. Die Erlöse aus seinen Romanverkäufen reichten nicht aus für die Champagner-Rechnungen. Vom Großen Gatsby wurden im Veröffentlichungsjahr 1925 nicht mal 20.000 Exemplare verkauft. Es waren die Kurzgeschichten, die das Geld reinspülten. Vor allem die Zeitschrift The Saturday Evening Post war ein großzügiger Abnehmer. Sie zahlte – nach heutiger Kaufkraft – bis zu 50.000 Euro für eine einzige Story.

Aber das langte nicht. In den 1920ern gaben die Fitzgeralds umgerechnet bis zu eine halbe Million Euro im Jahr aus. Das exzessive Leben hatte seinen Preis. Auch in seelischer Hinsicht. Dessen war sich Fitzgerald von Anfang an bewusst. Bereits in Diesseits vom Paradies, da war er 22, erkannte er, dass Jugend – ein Synonym für Glück – eine begrenzte Ressource war: „Jugend ist wie ein großer Teller voller Süßigkeiten. Sentimentale Menschen denken, sie wollten in den reinen, einfachen Zustand zurückkehren, in dem sie waren, bevor sie die Süßigkeiten gegessen haben. Aber das stimmt nicht. Sie wollen bloß den Spaß haben, das Ganze noch einmal aufzuessen.“

Doch irgendwann war der Teller leer, der „emotionale Bankrott“ unausweichlich. Denn das unterscheidet F. Scott Fitzgerald von den Klatschreportern, die schon damals die Medienlandschaft bevölkerten: Er schildert nicht nur, wie sich Menschen kopfüber in Liebesabenteuer stürzen, sondern auch, welche inneren Blessuren sie dabei davontragen. Das Magische daran: Diese Beschreibungen lesen sich ein Jahrhundert später noch immer so taufrisch, als wären sie eben erst verfasst worden. Das spricht für die Zeitlosigkeit seiner Geschichten und dafür, dass die Menschen des Jazz Age wohl doch nicht so viel anders waren als wir.

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06:00 05.09.2020

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