Pearl Harbor

Torsten Wöhlert In Amerika wird nichts mehr sein, wie es war

Never!« Der Aufschrei ging durch amerikanische Kinosäle, wenn in Roland Emmerichs Film »Independence Day« die zerstörte Freiheitsstatue ins Meer fiel. »Never!«. Das kam spontan, war echt. So echt wie jetzt Trauer, Entsetzen, Mitgefühl - und Wut. Nicht nur in den USA, auch hier. »Never« ist für Amerika Vergangenheit.

Das World Trade Center in Trümmern, Flammen aus dem Pentagon, das Weiße Haus evakuiert, die Flughäfen dicht - je mehr der Ticker ausspuckt, desto stärker drängen sich Szenarien, Bilder, Angstvorstellungen auf, die vor zwölf Jahren nur einen Schluss zugelassen hätten: Das war´s, der Dritte Weltkrieg ist da. Wahrscheinlich hätten wir diese Bilder gar nicht mehr sehen können, wären selbst längst Kriegsschauplatz und Opfer geworden. Heute aber dudeln die Spaßsender ihr normales Programm: »Knocking on heavens door« - wie passend! -, unterbrochen von den neuesten Meldungen aus New York und Washington.

Amerika aber hat sein zweites Pearl Harbor. Die Illusion von Sicherheit, in der sich viele Amerikaner zu wiegen gewohnt waren, ist zerplatzt. Die Nation wird zusammenrücken, trauern, sich auf Gott besinnen, nach Schuldigen suchen, nach Konsequenzen - im Ausland und bei sich zu Hause. CIA, FBI, NSA - der ganze teure Sicherheitsapparat hat ganz offensichtlich komplett versagt. Wer immer die Anschläge zu verantworten hat: Der logistische Aufwand muss ernorm gewesen sein. Er war »erfolgreich« und hat gezeigt, die Supermacht ist verwundbar. Das sollte demonstriert werden: Jerusalem ist überall.

Und die große Gefahr: Washington schlägt zurück, macht sich Luft, mit Angriffen auf wirkliche wie vermeintliche Terrorzentralen rund um den Globus. Die Angriffsziele in Washington und New York waren bewusst gewählt, haben hohe Symbolkraft. Dazu die Tausenden von Toten. All das schreit förmlich nach Ersatzhandlungen, nach symbolischen Schnellschüssen als Balsam für eine tief getroffene Volksseele. Solche Reaktionen aber würden eine Lawine lostreten, und man kann nur hoffen, dass Amerikas Verbündete ebensoviel Mitgefühl wie mäßigenden Einfluss besitzen. In den nächsten Tagen und Wochen wird sich weisen, was die Sonntagsreden von den neuen transatlantischen Beziehungen wert sind.

Auf jeden Fall wird es dauern, bis sich nüchternes Denken wieder breit machen kann. Dann aber muss über Sicherheit geredet werden - auf beiden Seiten des Atlantik. Man stelle sich vor, in den Kamikaze-Jets wären Massenvernichtungswaffen gewesen. Kein Raketenabwehrschirm, kein Sicherheitsapparat kann so etwas je verhindern. Das wissen wir nun »todsicher«. Hundertprozentiger Schutz ist eine Illusion. Und eine Supermacht, die sich rund um den Globus so verhält, als könnte es ihn geben, handelt grob fahrlässig.

Nichts rechtfertigt Terror und Mord. Gar nichts! Aber die Zeichen standen an der Wand. Sie sind beschworen worden, von Experten und Politikern gleichermaßen. Sie wurden ignoriert. Und sie sind benutzt worden - zur Stigmatisierung, zum Aufbau neuer Feindbilder, für die Rechtfertigung zweifelhafter Sicherheitskonzepte und Rüstungsprogramme. Terror hat Ursachen, Menschen jagen sich nicht leichtfertig in die Luft, auch Selbstmord-Terroristen haben einmal am Leben gehangen. Es wird Zeit, an die Wurzeln des Terrors zu gehen. Verzweiflung ist eine und hat selber welche - Perspektivlosigkeit, Unterdrückung und Demütigung. Und eine Politik, die Verzweiflung gebiert, weil sie nach unilateralistischem Maß zwischen Tatenlosigkeit und Interventionismus pendelt, ist zur Umkehr aufgefordert. Das ist sie den Opfern schuldig.

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00:00 14.09.2001

Ausgabe 43/2021

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