Pfeifen

A–Z Mit seinem Abgang wäre Großbritanniens Premier David Cameron auch bei der World Whistler Convention in Kawasaki groß rausgekommen. Unser Lexikon der Woche
Pfeifen

Foto: Metro Goldwyn Mayer/Michael Ochs Archives/Getty Images

A

Artistik Das Pfeifen ist eine Art Soundtrack des Alltags. Aber natürlich kann man es auch zum Kunstwerk (➝ Kunstpfeifer) erheben, um sich dann auf internationaler Bühne zu messen – so wie neulich bei der World Whistlers Convention im japanischen Kawasaki. Zugegeben, das Feld war mit 49 Teilnehmern noch überschaubar, dafür kamen die Künstler aus sechs verschiedenen Ländern, zum Beispiel aus Japan, Indien oder den USA.

Das Repertoire reichte von der Pop-Hymne bis zur klassischen Musik. Manche Teilnehmer begleiteten sich selbst, andere ließen sich von einem Orchester (vom Band) unterstützen. Bei der Beurteilung in den sechs Kategorien galten verschiedene Kriterien. Schnelle Passagen oder die besondere Interpretation schwerer Stücke wurden positiv bewertet. Minuspunkte gab es, wenn man sich im Rhythmus vertat, an den falschen Stellen atmete oder zu laut ins Mikrofon schnaubte. Ob Teilnehmer auch ausgepfiffen wurden, ist allerdings nicht bekannt. Benjamin Knödler

B

Blue Boxing Mit einer Plastikpfeife, die gratis einer Müslipackung beilag, konnte man sich in den 60ern ein kostenloses Telefongespräch ergaunern. Zumindest in den USA. Zufälligerweise erzeugte das Gimmick denselben 2.600-Hertz-Ton, mit der die Telefongesellschaft AT&T ihre Gebührenübermittlung steuerte. Man musste nur in den Hörer pfeifen, um das System zu manipulieren. Das inspirierte später Hacker zum „Blue Boxing“. Mit elektronischen Geräten erzeugten sie jenen Ton, mit dem sie sich Telefone freischalten konnten. Ein Pionier der Szene, John T. Draper, nannte sich nach der Müslisorte Captain Crunch. Er handelte zwar aus rein technischem Interesse, doch nachdem sich die Hackermethode herumsprach, kam er ins Gefängnis (➝ Lorre). Drapers Markenzeichen, die Captain-Crunch-Pfeife, soll er später für 300 Dollar bei Ebay verkauft haben. Tobias Prüwer

C

Cameron Um den britischen Premierminister David Cameron, der sich selbst einmal als „modernen, mitfühlenden Konservativen“ bezeichnete, ranken sich einige Mythen. Zum Beispiel das Gerücht, dass er die Zuneigung zu der in Downing Street 10 lebenden Katze Larry, die offiziell den Titel „Chief Mouser to the Cabinet Office“ trägt, lediglich vorgetäuscht habe. Und auch seine Amtszeit hat er nun mit einem Manöver beendet, das in einer weniger zynischen Welt eigentlich ein Monty-Python-Sketch wäre.

Ästhetisch wie inhaltlich stimmt alles: „So, we have a new Primeminister in that building behind me by Wednesday evening. Thank you very much“, waren seine letzten Worte auf der Pressekonferenz. Dann kurzer Prozess: ein Abgang, fast wie ein Held in einem Actionfilm (➝ Western), ohne sich umzudrehen. Und nach ein paar Metern das große Staunen: Hat er wirklich grade vor sich hin gepfiffen? Hat er. Vier Töne: D#, C, F#, Eb – die im Übrigen musiktheoretisch eine Dissonanz ergeben. Entsprechende Remixe, von Klassik bis Dance, haben im Netz selbstverständlich nicht lange auf sich warten lassen. Felix-Emeric Tota

K

Kunstpfeifer „Ich pfiff das erste Mal 1954 auf der Zuchtbullenversteigerung in Hannover und dann 1956 bei den Salzburger Festspielen.“ So empfiehlt sich Loriots „Kunstpfeifer“ (➝ Artistik) Herr Meckelreiter dem Radiomoderator. Eine Liste weiterer Auftritte folgt, sodass der Moderator ihn beeindruckt um eine Kostprobe bittet – worauf der Kunstpfeifer ein klägliches Pfeifgeräusch mit schiefen Tönen und Blasgeräuschen darbietet. Die Kritik des enttäuschten Radiomanns erschüttert Meckelreiter nicht im Geringsten, und als dieser zur Demonstration selbst kurz pfeift, empört sich Meckelreiter: „Was für ein gemeiner Ton!“Denn er weiß eben: Wahre Kunst darf niemals gefällig sein. Andrea Wierich

L

Lorre Der Tonfilm war erst ein paar Jahre alt, da erfand Fritz Lang ihn 1931 mit M – Eine Stadt sucht einen Mörder, seinem ersten Tonfilm, so neu, dass das Medium alle das Fürchten lehrte. Ein Großteil der beklemmenden Wirkung geht dabei auf das leitmotivische, unheilankündigende Pfeifen Peter Lorres zurück, der einen triebhaften Kindermörder spielt. Die schrillschiefe Variante der Peer-Gynt-Suite Nr. 1, In der Halle des Bergkönigs, geht einem bis heute ins Mark. Außer dem Pfeifen wurde auf sämtliche Filmmusik verzichtet. Und hin und wieder wurde die Tonspur einfach unterbrochen – auch 85 Jahre später mit eindrucksvoller Wirkung (➝ Nasenflöte). Felix-Emeric Tota

M

Mann Der älteren Schwester Erika und ihm habe der Vater manchmal Kinderlieder zu Gehör gebracht, schreibt Klaus Mann in seinem autobiografischen Roman Der Wendepunkt. „Der Zauberer“, wie sie ihn nannten, habe nicht etwa vorgesungen, was seiner zerstreuten Unnahbarkeit (➝ Lorre) wenig entsprach, sondern die Melodie gepfiffen. Mutter Katia hielt es ähnlich.

Es passte zu den Familienritualen im Haus an der Münchner Poschingerstraße, dass Thomas Mann auch das geliebte Weihnachtsfest für einen Moment pfeifend bestreiten mochte. Es klang nach Zwei Engel sind hereingetreten, wenn er die Tür zum Götterzimmer öffnete, wo der Tannenbaum mit dem Rauschgoldengel auf der Spitze stand, getaucht in mattes Kerzenlicht, umlagert vom Geschenken. Mit der ungebrochenen Inszenierung war es auch dann nicht vorbei, als ab 1933 die Jahre des Exils begannen, erst in der Schweiz, dann in den USA. Lutz Herden

Männer Er ist das Klischeebild des Mackers: der Mann, der Frauen auf der Straße hinterherpfeift, womöglich mit Lederjacke und Sonnenbrille an ein getuntes Auto gelehnt. Ich hatte öfter mit solchen Exemplaren „pfeifender Pfeifen“ zu tun, zum Beispiel gestern, und habe mich wahnsinnig geärgert, darauf reagiert zu haben, weil ich schlicht nicht damit rechnete, dass das Pfeifen in dieser Art an mich gerichtet war. In letzter Zeit ist die Pfeiferei glücklicherweise merklich weniger geworden. Vielleicht weil es out ist? Oder weniger geübt wird?

Diesen auffordernden, recht kräftigen Pfeifton zu erzeugen, will schließlich gelernt sein. Oder bin ich zu alt? Wie auch immer, ich habe Hinterherpfeifen nie als Kompliment empfunden, sondern als unangenehme Reduktion (➝ Sexismus). Der Pfeifer, so fühle ich, sieht in mir nur einen Körper, ein austauschbares Exemplar des weiblichen Geschlechts. Das ist ziemlich deprimierend. Gut also, wenn keiner pfeift. Das Problem: Es gibt auch noch die Anquatscher, die Rauner, die Huster, Räusperer, Rempler, Tatscher und Grapscher. Die sind nach wie vor häufig, auch ohne Pfeifen hochgradig nervig und in vielen Fällen einfach nur, mit Verlaub, Arschlöcher. Sophie Elmenthaler

N

Nasenflöte Wenn das Oberkreuzberger Nasenflöten-Orchester nächstes Jahr seinen 25. Geburtstag begeht, kann die „älteste Boyband der Welt“ eine Geschichte voller Hausverbote, kreischender Fans und Ruhestörung feiern. Dabei sieht man dem Kinderinstrument, in das oben mit der Nase Luft gepustet und unten mit dem Mund Töne moduliert werden, das Subversive (➝ Blue Boxing) nicht an. Das entsteht erst, wenn zehn Männer damit Rock- und Punk-Klassiker anstimmen. Wobei die Nasenflöten auch auf Beerdigungen spielen: Auf der Trauerfeier für Fritz Teufel pfiffen sie Ruby Tuesday, Lieblingssong der Kommune I. Mit Platten wie Kuschelrotz wird das Westberliner Pfeifentum aber auch weiterhin das Notwendige tun: subversiven Spaß verbreiten. Elke Wittich

P

Pfeifsprachen „Man kann nicht nicht kommunizieren“, lautet eine vielzitierte Formel Paul Watzlawicks. Die Vielfalt menschlicher Verständigung ist jedoch in der Tat verblüffend. In verschiedenen Weltregionen gibt es etwa sogenannte Pfeifsprachen. Lexik und Grammatik werden in ein komplexes Tonsystem verpackt, in dem Höhe und Länge die jeweilige Bedeutung generieren. Verbreitet sind Pfeifsprachen in Südamerika, auch in der Türkei (➝ Zensur ) ist eine zu finden. Und eine gehört sogar zum Weltkulturerbe: Die Guanchen, Ureinwohner La Gomeras, benutzen El Silbo – silbar heißt auf Spanisch „pfeifen“. Die Herkunft der jahrhundertealten Sprache ist ungewiss. Um sie zu schützen, wurde El Silbo als Grundschulfach eingeführt. Wo sonst dürfen Kinder im Unterricht pfeifen? Tobias Prüwer

S

Sexismus „Frauen, die pfeifen, und Hühnern, die krähn, muss man beizeiten den Hals umdrehn“, sagt der Volksmund und verkehrt damit ein Ärgernis, denn immerhin sind es ➝ Männer, die Frauen belästigend hinterherpfeifen. Wie auch immer man diese Art von Sexismus bewertet, ursprünglich spricht sich im Pfeifverbot für Frauen die männliche Angst aus, sie könnten damit den Teufel oder Dämonen anlocken. Die Frauenbewegung hat die Beleidigung produktiv gewendet und das männliche Pfeifen mit einem Pfeifkonzert pariert, mit zwei Fingern, versteht sich. Dies nie gelernt zu haben, schreibt Silvia Bovenschen in ihrem Buch Älter werden, empfinde sie als Versäumnis. Ulrike Baureithel

W

Western Allein der Vorspann von Für eine Handvoll Dollar ist mit seiner eindringlichen musikalischen Untermalung – ein bedrohliches Pfeifen mit Gitarrenbegleitung – ein popkultureller Klassiker. Zwei glorreiche Halunken und Spiel mir das Lied vom Tod sind weitere berühmte Soundbeispiele Ennio Morricones. Ihm ist es zu verdanken, dass das altehrwürdige Orchester mit Maultrommeln, Glocken, Peitschenknallen, Ambossschlägen und menschlichen Lauten ergänzt wird.

Das Pfeifen markiert hier stets etwas Zwielichtiges (Cameron): provozierende Überlegenheit, diebisches Signal oder die Ankündigung des Übels. Der Multi-Instrumentalist dahinter war Morricones Schulfreund Alessandro Alessandroni. Für den bekennenden Sergio-Leone-Fan Quentin Tarantino schrieb Morricone zuletzt die Musik zu The Hateful Eight. Die sich ins Gehör einbrennende Pfeifmelodie der Auftragskillerin Elle Driver in Kill Bill Vol. 1 ist dagegen nicht auf ihn zurückzuführen, sondern entstammt dem Psychothriller Teufelskreis Y. Nina Rathke

Z

Zensur Dass Flitzer während der EM zur Vermeidung von Nachahmern nicht vom TV gezeigt wurden, sei der FIFA gegönnt. Doch wenn man vom Weltbild fröhliche Fans präsentiert bekommt, während der Kommentator von prügelnden Hooligans berichtet, kann man schon von einer „Heile-Welt-Inszenierung“ sprechen. Zu dieser passt offensichtlich auch kein tätowierter Schiedsrichter. Denn der Brite Mark Clattenburg musste bei großer Hitze langärmlig in die Pfeife pusten. Dabei wäre dieses Bild doch ein Zeichen der Toleranz gewesen: ein Fachmann, der sich nur ob des korrekten Pfeifens (➝ Pfeifsprache) den Respekt verdient. Und abgesehen davon, dass viele Spieler aussehen, als kämen sie in keinen wirklich coolen Club: Welcher Sportler würde die Autorität eines Schiris hinterfragen, der sich die olympischen Ringe auf dem Arm hat verewigen lassen? Marisa Janson

06:00 10.08.2016
Abobreaker Artikel 3NOP ObenUnten Abobreaker Artikel 3NOP ObenUnten

Kommentare