Gerhard Midding
11.08.2010 | 12:01 2

Pflicht und Neigung

Kino Der Mauer und die Lehrerin. Stéphane Brizé erzählt in „Mademoiselle Chambon“ von den tastenden Versuchen einer Liebe, die sich im Zögern erfüllt

Soll ein Haus ein ganzes Leben lang halten, fragt ein Schüler. Ja, erwidert Jean, so lang soll es Bestand haben. Der Maurer ist kein geschwätziger Mann, aber es bereitet ihm Freude, über sein Handwerk zu sprechen. Er hat es von seinem Vater übernommen; es behagt ihm, dass jeder Auftrag ihn vor neue Aufgaben stellt. Er mag es, auf diese Weise ein wenig am Leben der Menschen teilhaben zu können, die später dort einziehen. Darüber zu sprechen, wie fragil diese Leben sein können, kommt ihm nicht in den Sinn.

Die Vertretungslehrerin seines Sohnes, Mademoiselle Chambon, hat ihn in die Klasse eingeladen. An jedem Samstag spricht einer der Eltern über seinen Beruf. Die Schüler stellen wissbegierig Fragen, Jeans Sohn hört mit verlegenem Stolz zu. Auch die Lehrerin lauscht aufmerksam seinen Worten. Das Selbstverständnis dieses Mannes berührt sie. Wie tief, das entdeckt für uns eine Kamerafahrt, die sich langsam ihrem Gesicht nähert.

Stéphane Brizé geniert die Symbolik dieser Szene nicht. Seine Darsteller tragen leicht an deren Last. Der Regisseur stattet den Moment mit vielfachen erzählerischen Zuständigkeiten aus dem Widerspruch zwischen vorläufigen und endgültigen Gefühlen aus. Aber vor allem erlaubt er ihm, sich behutsam seinen Charakteren zu nähern. Wie in seinen früheren Filmen Le bleu des villes (1999) und Man muss mich nicht lieben (2005) definiert er sie zunächst einmal durch ihren Beruf. In der ersten Einstellung trägt Jean (Vincent Lindon) eine Wand mit einem Pressluftbohrer ab. Seine Frau Anne-Marie (Aure Atika) ist zum ersten Mal in der Druckerei zu sehen, in der sie arbeitet, und ihr gemeinsamer Sohn Jérémy (Arthur Le Houérou), wie er sich mit Hausaufgaben plagt. Auch Mademoiselle Chambon (Sandrine Kiberlain) wird an ihrem Arbeitsplatz eingeführt, allerdings mit einer bezeichnenden Abweichung: Während sie darauf wartet, dass Jérémy von seinem Vater abgeholt wird, spielt sie auf einer imaginären Violine. Als Jean sie dabei betrachtet, entdeckt er etwas, das über seine alltägliche Existenz hinausweist.

Originalität ist nicht die größte Sorge Brizés. Sein erzählerisches Temperament entfaltet sich in der Nuance. Seine Schauspielerführung vertraut umsichtig auf die Wahrheit, die auch in schon oft erzählten Konflikten ruht. Brizé verfügt über eine an Claude Sautet gemahnende Geduld: Seine Zurückhaltung will den Dingen des Lebens ihr angemessenes Gewicht verleihen, ohne ein Urteil zu fällen. Gesten haben in Mademoiselle Chambon Vorrang. Sie sind präzise und beredt, während sich in den Dialogen zumeist Verlegenheit artikuliert. Die Liebe entscheidet sich wortlos.

Was Jean und die Lehrerin aneinander fasziniert, können sie nicht ohne Weiteres benennen. Sie bleiben einander ein erlesenes Rätsel, obwohl der Film ihre unterschiedliche soziale Herkunft nie als Hindernis für die Liebe bemüht. Es ist keine tyrannische Anziehung, die keinen Aufschub duldet, sondern ein Gefühl, das sich im Zögern erfüllt, in scheuen Blickwechseln, in tastenden Versuchen, das richtige Wort zu finden. Sie sind eingeschüchtert von ihrer plötzlichen Nähe. Pflicht und Neigung waren bis zu der Begegnung mit der Lehrerin kein Widerspruch in Jeans Existenz. Seine Ehe mit der warmherzigen, klugen Anne-Marie ist ein gewöhnliches, aber kostbares Glück. Er ist ein guter Ehemann, Vater, Sohn und Arbeitnehmer; nicht allein, weil dies von ihm erwartet wird, sondern weil es seiner Natur entspricht.

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