Promikneipe

A–Z Daniel Brühls Tapas-Bar in Prenzlauer Berg macht dicht, tja, aber Hemingway und Goethe wären eh nicht mehr gekommen. Nicht alles ist toll im Promilokal. Das Wochenlexikon

A

Auerbachs Keller Was, das bekannteste deutsche Lokal macht dicht? Keine Panik: Lediglich ein Wechsel steht an. Dem bisherigen Pächter macht Überregulierung das Leben und die Profite schwer. Die Mitarbeiter seien willig, allein, das Arbeitszeitgesetz! Nach Golde drängt / am Golde hängt / doch alles (Zürich). Ob er im Schlussakt auf dem Weinfass aus seinem Lokal reiten wird?

Als Veranstaltungsort für die Rock-Oper Faust besinnt sich das Lokal auf seinen wohl berühmtesten Gast: den alten Goethe. Auch dessen szientistischer Unternehmer Faust litt unter Regulierung und musste sich der widerspenstigen Hausbesitzer Philemon und Baucis durch alternative Entmietungsmethoden entledigen. Bei Ovid dagegen werden die Greise für ihre großzügige Bewirtung des Zeus mit einem goldenen Palast entschädigt. Der gebefreudige Wirt ist natürlich eine präkapitalistische Idee. Heute gilt: Es lebe die Freiheit! Wenn eure Weine nur ein bißchen besser wären! Marlen Hobrack

B

Boheme Vom bissigen Köter zum zahnlosen Hund ist es nur ein Katzensprung. Als Raymond Queneau für Le Chiendent 1933 den vom Les Deux Magots ausgelobten Literaturpreis erhielt, war das Café in Saint-Germain von Bohemiens bevölkert, die Literatur noch nicht im eigenen Ennui ertränkt.

Dann kam Frédéric Beigbeder und der neokapitalistische Wind fegte mit 99 Francs über die Bistrotische. Die Bohemiens verwandelten sich in Bobos. Sie wanderten nach Berlin ab und bestaunten hier die Boboisierung (Leitungswasser). In der Paris Bar sinnierten sie mit der Westberliner Intelligenzija und den Schöpfern der Christiane F. über Camus, während Rolf Eden die Püppchen auf den Tischen tanzen ließ. Die Generation Z fühle „sich dort auf merkwürdige Weise intellektuell“, schreibt die Tochter von Richy Müller für die MoPo. Ute Cohen

C

Capote, Truman La Côte Basque, 1965 zählt zu den Klassikern der amerikanischen Zeitungsliteratur. 1975 schlug die nach dem New Yorker Nobel-Restaurant an der 60 West 55th Street benannte brillante Demaskierung der Reichen, Schönen und Mächtigen wie eine Bombe in deren Kreise ein. Im Esquire konnten die Eliten aus Politik-, Finanz- und Unterhaltungsindustrie nachlesen, was sie Truman Capote über die Jahre im La Côte Basque an Hohlheit, Klatsch, Intrigen und Sexgeschichten anvertraut hatten. War Capote nicht stets als amüsanter Hofnarr der High Society in Erscheinung getreten? Mit La Côte Basque entpuppte er sich nun als kalter, keine Indiskretion auslassender Beobachter.

Capote, von Drogen und Alkohol (Hemingway) gezeichnet, war nach der Veröffentlichung endgültig erledigt. Dem Großer-Gatsby-Fehler erlegen, indem er explizit eine Antwort auf die Frage versuchte, wo die Linien von Macht, Sex und Geld zusammenlaufen und wie die Leitbilder der amerikanischen Eliten funktionieren, wandten die sich von ihm ab. Der High-Society-Tempel La Côte Basque machte 2004 dicht. Helena Neumann

D

Damals Im Leipzig der 1950er Jahre war das Corso im Gewandgäßchen ein Ort, an dem Ernst Bloch, der Philosoph, die Germanistiklegende Hans Mayer oder auch die Wolfs anzutreffen waren. Dichter, Maler, Studenten der Karl-Marx-Uni oder des nahen Literaturinstituts Johannes R. Becher hockten im legendären ersten Stockwerk und fühlten sich in dem wunderbaren Art-déco-Ambiente (Odeon) bei einer Tasse Kaffee, einem Hornano (Wermut) oder Aperitif Lacour eine Weile sicher vor den Zumutungen des realsozialistischen Lebens. Die Zeche war immer gering. Das Haus im Gewandgäßchen wurde Ende der 1960er Jahre abgerissen, dasCafé Corsozog tapfer um und nennt sich heute Corsoela. Magda Geisler

E

Exzesse Im Ex ’n’ Pop trafen sich Blixa Bargeld, Nick Cave und Ben Becker. Letzterer inszenierte dort 1995 sein erstes Theaterstück: Sid & Nancy. Gudrun Gut lacht: „Das Ex ’n’ Pop war total machomäßig, am Ende konnte man da nur noch mit Cowboyhut reingehen.“ Liebevoll beschreibt taz-Flaneur Detlef Kuhlbrodt den Club als letztes existenzialistisches 1980er-Zeitloch innerhalb der technoiden 1990er. Was machen eigentlich die Stars, die sich im Ex ’n’ Pop berauschten? Ben Becker singt 2012 in der José-Carreras-Benefizgala gemeinsam mit Vicky Leandros Gerede. Gerede, die deutsche Version von Dalida und Alain Delons Paroles paroles aus dem Jahr 1973. Wolfgang Müller

H

Hemingway Dass er im Paris der 1920er Jahre Stammgast in den Bars der Bohemiens wie dem Les Deux Magots oder Café du Dôme war, ist jedem Touristen auch dadurch bekannt, dass in diesen Etablissements jeder Schirmchendrink mit dem Präfix „Hemingway“ beworben wird. Um seinem Idol James Joyce nah zu sein, der für den Snobismus der Künstlerkreise nur Verachtung übrig hatte, zudem gedanklich Dublin nie ganz verlassen hatte, musste Hemingway die abgelegenen Lokale aufsuchen, in denen man Bier trank statt Champagner. Über die Treffen hat er später berichtet, dass der feingeistige und zarte Joyce – zu diesem Zeitpunkt schon fast erblindet – nach einigen Stout nicht selten eine Kneipenschlägerei (Ratinger Hof) anzettelte, um sich sodann vor seinem Kontrahenten, den er meist nicht mehr genau ausmachen konnte, hinter „Hem“ mit den Worten zu verstecken: „Deal with him, Hemingway!“ Tilman Ezra Mühlenberg

K

Katzenberger, die Bevor wir uns an dieser Stelle in kulturphilosophischen Nebensächlichkeiten verheddern, schreiben wir doch einfach auf, was uns das Internet über Daniela Katzenbergers Katzen-Café(Auerbachs Keller) auf Mallorca zu berichten hat: Die Meinungen, sagen wir mal, gehen da auseinander. Insgesamt 134 Google-Bewertungen liegen vor, insgesamt erhält die Gastronomie 2,5 von 5 Sternen, was nicht besonders gut ist.

In den letzten zwölf Monaten ging die Stimmung dabei merklich nach unten – Jürgen M. schreibt: „Unmöglich, das Café! Eisschokolade mit einer Mini-Kugel Eis und Sprühsahne für 4,90 €!! Ungenießbar! Toiletten unsauber. Keine Seife oder Papier vorhanden! Innen alles unordentlich zusammengestellt! Speisen und Getränkequalität passt bei weitem nicht zum Gebotenen. Wenn man in der Gegend ist, kann man aber schon mal hingehen.“ Das allerdings geht leider nicht mehr. Das Café wurde Mitte des Jahres für immer geschlossen. Timon Karl Kaleyta

L

Leitungswasser Als Til Schweiger sein Barefoot Deli eröffnete, mutmaßte ganz Twitter über „Gnocci on Heaven’s Door“ auf der Speisekarte. Tatsächlich gibt es im BarefootTils„Bolo“ („heißgeliebt von seinen Kindern“). Aufsehen erregte das Restaurant allerdings durch einen bizarren Wasserstreit mit der Hamburger MoPo. Die behauptete nämlich, Schweiger würde dort das teuerste Leitungswasser Hamburgs (4,20 Euro pro Liter) anbieten. Der Schauspieler konterte im Stern, sein Wasser werde unter enormem Personalaufwand „gezapft, gefiltert und veredelt“ und der Deckungsbeitrag läge „am unteren Ende dessen, was in der Hamburger Gastronomie Standard ist “. Bleibt zu hoffen, dass das Gleiche nicht auch für Tils legendäre Bolo gilt. Simon Schaffhöfer

R

Ratinger Hof Kein Punk-Schuppen ist legendärer. Lange ist es her, siehe Foto, doch für die Nachgeborenen glänzt er umso heller. 1977. Im Hof. Ach, wäre man dabei gewesen (Wien)! Einer von den Künstlern, den Musikern, den Altbiertrinkern! Es ist ja alles bekannt: Fehlfarben, DAF, Die Toten Hosen, Die Krupps, Der Plan, Östro 430 hingen da rum, ja sogar Kraftwerk. Dazu die ganzen Künstler aus der Akademie, Polke, Immendorff & Co. Kurt Dahlke forderte: „Mehr Kunst in die Musik und mehr Musik in die Kunst.“ Hier wurde Pop-Geschichte geschrieben, in einem dürftigen weißen Raum mit Neonröhren. Doch eigentlich war der Laden auch einfach nur ein „Drecksloch“, erinnert sich Peter Hein von den Fehlfarben. Ein Drecksloch, um das sich bis heute Legenden ranken. Marc Peschke

W

Wien Eine gute Stammkneipe ist immer auch bisschen eine Mutterbrust. Das Bier aus Zapfhähnen, die quasi bedingungslose Zuneigung, für die sich niemand verstellen muss. Come as you are. Besoffen von Euphorie oder Überlebender eines Suizidversuchs. Frisch verliebt oder frisch verlassen. So ist mein Kreisky in Wien. Wo frühabends noch der Rauch der Vornacht wabert, Falco aus den Boxen scheppert, die Tische morsch werden vom vielen Bier. Wiener Grind zum Wohlfühlen. Geht nicht nur mir so, sondern der halben Wiener Boheme, die sich dort abends im Suff suhlt. Die ganzeAustropop-Partie, Ansager vom ORF, neulich war einer aus der österreichischen Nationalelf da und Wanda haben gerade einen Song übers Kreisky gemacht: „Wir haben uns lang nicht mehr gesehen. Es zählt nichts, wenn wir vor dem Kreisky stehen.“ Und damit ist eigentlich alles gesagt. Bartholomäus von Laffert

Wittgensteins Neffe Die Wiener Kaffeehäuser stellten Institutionen einmaliger Art dar (Damals). Hier konnte der Gast stundenlang sitzen, ohne je gefragt zu werden, ob er denn nicht noch einen Kleinen Braunen bestellen wolle.

Als das sogenannte Kaffeehaussterben schon längst begonnen hatte, rettete der allerletzte und wohl auch exzentrischste Vertreter altösterreichischer Kultur den Gestus dieser Form der intellektuellen Öffentlichkeit in die 1960er und 1970er Jahre: Paul Wittgenstein, Neffe des berühmten Philosophen, war stadtbekannter Eintänzer, Wasserballer, Rennfahrer, Opernkenner und Philosoph, ohne je auch nur eine Zeile veröffentlicht zu haben. Eine Berühmtheit durch die mündlich überlieferte Aphorismen- und Anekdotensammlung. Unter den Philosophen ein Sportsmann, unter den Schreibern einer, der nur spricht, und am Ende unter den Missverstandenen einer der Missverstandendsten – die letzte Kaffeehausfigur. Mit seinem einsamen Tod in der Psychiatrie ging auch diese glanzvolle Kultur endgültig unter. Tilman Ezra Mühlenberg

Z

Zürich Lenin, Frisch und Dürrenmatt, im Café Odeon schaute alles vorbei, was im 20. Jahrhundert Rang und Namen hatte. Das Odeon war eine Insel der Urbanität, es vertrieb den Stallgeruch kleinlicher protestantischer Mentalität eines zu Geld gekommenen Bauernstandes.

In der hohen Jugendstil-Halle debattierten Dadaisten und stritten sich Gewerkschafter mit Arbeitgebern. Eine wahre Universität des Lebens war das, in den 1970ern dann der jähe Niedergang. Seitdem beherbergt die zum legendären Restaurant Kronenhalle hin geöffnete Seite eine Apotheke, während die andere Hälfte nur noch einen verspiegelten Schatten ihrer eigentlich majestätischen Pracht darstellt. Es ist eine bittere Pille für all die Bohemiens, Künstlertypen und Selbstdarstellerinnen (Exzesse), für die das marmorglatte Pflaster Zürichs ohnehin immer rauer wird. Marc Ottiker

06:00 16.12.2017

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