Quallen

A–Z Quallen können Raubfische jagen, ohne Gehirn sehen, sie überleben, obwohl sie fast nur aus Wasser bestehen – und sie werden als neues Superfood gehandelt. Unser Lexikon
Quallen

Foto: Florian Launette/©Decouvre Ta Nature/Maxppp/dpa

A

Aquarium Rund soll es sein oder zylinderförmig, da Quallen sich mit ihren geleeartigen Körpern leicht verletzen können. Sie brauchen ein geräuschloses 3-Ebenen-Filtersystem mit mechanischem, chemischem und biologischem Filter, das auch für die notwendige kreisförmige Strömung sorgt. Das Equipment gibt es, nicht eben billig, im Internet. Die Quallen natürlich auch. Soll’s der türkis leuchtende „Spotted Lagoon ➝ Jellyfish“ sein, die „Japanese Sea Nettle“ mit ihren langen orangefarbenen Tentakeln oder „Fried Egg Mediterranean“ in kräftigem Gelb? Dekorativ, zum Angeben, das hat nicht jeder. Und beruhigend soll es wirken, zumal die Aquarien über ein LED-Beleuchtungssystem mit Farbwechsel verfügen. Ob die Quallen in Gefangenschaft nicht leiden? Angeblich spüren sie keinen Schmerz. Wer doch ein schlechtes Gefühl dabei hat und sich am Künstlichen nicht stört: Für wenig Geld gibt es bei Amazon leuchtende Quallen aus Silikon zu kaufen. Irmtraud Gutschke

C

Cyborg Quallenschrittmacher muss man die Geräte nennen, mit denen Wissenschaftler versuchen, Quallen als Cyborgs durch die Meere zu steuern. Man setzt ihnen Geräte ein, die mittels elektronischer Schwingungen die Impulsrate der Quallen beeinflussen – ähnlich wie Herzschrittmacher das Organ steuern. Setzt man die Rate nach oben, dann werden die Quallen schneller. Die Tiere spüren den Wissenschaftlern zufolge nichts, auch ihr Energiehaushalt wird kaum beeinflusst. Im Moment arbeiten sie daran, Quallen auch lenken zu können. Und bald hoffen sie, die Tiere mit Sensoren auszustatten, um sie in wenig erforschte Ozeantiefen hinabzuschicken. Das würde das Messen von Salz- und Sauerstoffgehalten sowie Temperaturen ermöglichen. Und vielleicht stoßen die Cyborgs dabei auch auf noch unbekannte Quallen oder andere Unterwasserkreaturen. Tobias Prüwer

D

Disco Mein Verhältnis zu Quallen war lange Zeit von Abneigung geprägt: Für mich waren das blöde Spielverderber, die beim familiären Camping-Urlaub an der Ostsee jeden Spaß durch ihre pure Anwesenheit zunichte machen konnten. Quallen im Meer hieß: Es wird nix mit Baden. Dass Quallen im Laufe der Jahre zu Superfood avancierten, änderte nichts an meiner Voreingenommenheit. Bewegung kam in die Beziehung erst, als ich im fortgeschrittenen Alter die Zeichentrickserie Spongebob Schwammkopf entdeckte: herrlich absurde Unterwasserabenteuer eines Schwammes, der am Meeresgrund in einer Ananas lebt, mit der miauenden Schnecke Gary (aber das ist ein anderes Thema). Und mit Spongebob kamen die Quallen: auch in dieser Serie nervend, aber herrlich eigenwillig. Sie lassen sich nichts gefallen, stechen – wie Bienen – diejenigen, die sich ihnen aufdrängen.Und sie sind musikalisch, echte Partybiester, wie die Episode Disco-Quallen beweist: Formationstanz zu Techno-Beats. Quietschig, laut, aufdringlich, ausdauernd. Sie sind in ihrem Musikgeschmack nicht gerade feinsinnig, aber wunderbar eigensinnig. Kirsten Reimers

E

Ewiges Leben In der Serie Ad Vitam bleiben Menschen mithilfe einer auf der Regenerationsfähigkeit von Quallen basierenden Technologie für immer jung. Die Folge: eine bemüht jugendliche, aber überalterte Gesellschaft, die über Geburtenkontrolle diskutiert und in der Suizid zur Protestform wird. Wie wenig manche vom ewigen Leben halten, zeigt die junge Christa ihren jugendlichen Eltern. Sie schmeißt die Haustier-Qualle den entsetzen Eltern auf den Esstisch und blafft ihre Erzeuger an: „Sie ist perfekt, sie ist still, sie ist fügsam“, um sich dann einer Gruppe anzuschließen, die auf die Wunderkräfte der Qualle (Ohrenqualle) scheißt und lieber auf einer Insel gemeinsam altert. Florian Schmid

H

Hirn Intelligentes Leben geht auch ohne Gehirn. Schauen Sie sich Quallen an! Bei den seit 500 Millionen Jahren existierenden Tieren fand man bislang keine Strukturen, die einem Hirn ähneln. Dennoch können Quallen Beute jagen, vor Feinden fliehen (Rückstoßprinzip) und sich fortpflanzen – oft durch Massenvermehrung. Das geht, weil sie am Rand des ganzen Körpers Sinneszellen haben, die Gewicht und Licht wahrnehmen können. Manche Quallen haben sogar Augen. Wie sie ohne Gehirn sehen können, bleibt ein Rätsel. Dennoch sind wir Menschen im Vergleich zu Quallen ziemlich hirnlos: Wir machen unsere eigene Lebensgrundlage kaputt. Ben Mendelson

J

Jellyfish Quallen sind Karnivoren, sie betäuben mit ihren Nesseln Kleinsttiere, um sie sich in den „Munddarm“ zu stecken. Sie haben eine Öffnung, in die alles Futter rein- und rausgeht. Beliebte Frage an Google ist deshalb: Können Quallen pupsen? Natürlich nehmen sie trotzdem viel Müll in sich auf. In Asien kommen Quallen auf den Teller, meist als Salat – und Forscher am Leibniz-Zentrum für Marine Tropenforschung vermuten in ihnen das neue Superfood, fettarm und mit vielen Mineralstoffen. Vor allen Dingen komme die einheimische Ohrenqualle infrage. Quallen sind aber, wie anderes essbares Meeresgetier, etwa Thunfisch, voll mit Schwermetallen, Nanoplastik und was der Mensch sonst noch so im Meer hinterlässt. Und weil sie ziemlich am Anfang der Nahrungskette stehen und sich meist auch noch ernähren, indem sie Meerwasser filtern, sollte man gleich zum Substitut greifen, also: Lieber Wackelpudding als Jellyfish. Jörn Kabisch

N

Nobelpreis 2008 ging der Nobelpreis für Chemie an die Forscher Osamu Shimomura, Martin Chalfie und Roger Y. Tsien für eine Revolution in den Biowissenschaften: die Entdeckung des grün leuchtenden Markerproteins „green fluorescent protein“ (GFP) in Quallen. 1962 gelang Shimomuram als Erstem die Isolation von wenigen hundert Milligramm grünlich fluoreszierendem Protein aus den Tentakeln der Pazifik-Qualle Aequorea victoria. Er konnte herausfinden, welcher Teil des Eiweißes Bioluminiszenz verursacht. Später verknüpfte Chalfie sonst unsichtbare Bakterienproteine mittels DNA-Technologie mit GFP und brachte sie zum Leuchten. Tsien zeigte, dass GFP der Ausgangspunkt für eine Palette biologisch einsetzbarer Leuchtfarben ist, die völlig unbedenklich in lebenden Säugetierzellen wirken. Was vorher nur unter dem Mikroskop und durch biochemische Analyse beobachtbar war, kann man heute im Körper „live“ in Realzeit und außerhalb des Labors sehen. Helena Neumann

O

Ohrenquallen Sie bestehen zu 98 Prozent aus Wasser. Dass Ohrenquallen angesichts eines so hohen Flüssigkeitsanteils überhaupt als in sich geschlossene Wesen existieren, grenzt an ein Wunder. Darin ähneln sie dem Universum, das ebenfalls zum Großteil aus unsichtbarer Materie besteht, aber trotzdem nicht auseinanderfällt. Ohrenquallen stellen damit eines der wichtigsten Konzepte der Philosophie in Frage. Seit der Antike wurde der

Kosmos mit dem Menschen verglichen: Jener galt als vergrößerte Version des Menschen, dieser als Mikrokosmos, in dem die Eigenschaften des Alls kondensiert sind. Ein Blick in die Ostsee belehrt uns eines Besseren: Gibt es ein Wesen, das als Modell des Universums dient, dann die Ohrenqualle. Florian Werner

R

Rückstoßprinzip Was ist das Erfolgsgeheimnis der Quallen gegenüber ihrer Raubfischkonkurrenz? Es ist ihr energieeffizienter Antrieb. Während bei Fischen die Muskelmasse die Hälfte des Körpergewichts ausmacht, ist es bei Quallen nur ein Prozent. Ihre Fortbewegung beruht auf dem effizienten Rückstoßprinzip, das auch in der Raketentechnik eingesetzt wird. Durchs Zusammenziehen stoßen Quallen Wasser, was ihnen Vortrieb gibt. Verglichen mit einem Lachs schwimmt etwa die ➝ Ohrenqualle dreimal effizienter. Sie ist langsamer, verbraucht aber viel weniger Energie und muss weniger Nahrung aufnehmen. Aus diesem Grund kann sie ohne großen Muskeleinsatz gemütlich durchs Wasser dümpeln und die Nessel-Tentakel für die Beutejagd auswerfen. Tobias Prüwer

S

Science Fiction Vor fünf Jahren machte Nnedi Okorafor mit der Novelle Binti im SF-Genre Furore. In der afrofuturistischen Coming-of-Age-Geschichte geht es um die junge Himba-Frau Binti aus Namibia, die auf ihrer Reise zu einer intergalaktischen Universität auf die im ganzen Universum gefürchteten Medusen trifft. Diese menschengroßen Quallenwesen töten bis auf Binti die ganze Raumschiffbesatzung. Es gelingt ihr, mit den bedrohlichen Quallen nicht nur ein Auskommen zu finden, mit einer schließt sie sogar Freundschaft. Und plötzlich nimmt sie die zentrale Rolle in einem intergalaktischen Konflikt ein, in dem es um Verständnis und Toleranz für die Andersartigkeit zwischen Quallen und Menschen geht. Florian Schmid

T

Touristen Sigmund Freud wusste es schon vor langer Zeit: Alles Verdrängte ist unterbewusst, aber nicht alles Unterbewusste ist verdrängt. So schrieb er es in Das Ich und das Es. Wenn man unfreiwillig auf die wiederbelebten Ströme von Touristen trifft, merkt man, was in der Pandemie so gar nicht gefehlt hat. Die Menschen, die blickend ohne zu schauen durch die Gassen trampeln, auf dem Weg zur nie erreichbaren, weil für das hektisch promenierende Individuum gar nicht wahrnehmbaren Erkenntnis. Stellen Sie sich vor, es herrscht Erkenntnis und keiner schaut hin. Die EM, sie bewahre uns! Was das mit Quallen zu tun hat? Es ist die Lust an der Qual von etwas, das man weder kennt noch versteht. Und so piesacken Touristen arme Quallen und machen doch nur das, was sie ständig selbst mit sich anstellen. Die Geißel des imperativen Entspannens von einem Leben ohne Umkehr. So ist das Quallenquälen beides: verdrängtes Leid und unterbewusst aktive Reaktanz gegen die Umstände. Jan C. Behmann

Z

Zeichnungen Ernst Heinrich Philipp August Haeckel, 1834 in Potsdam geboren, liebte die Quallen. Der Mediziner, Zoologe, Philosoph, Zeichner, Rassenhygieniker und Darwinist wurde von den Nazis als Wegbereiter der Eugenik vereinnahmt. Seine Schriften dienten als Rechtfertigung für Sklaverei. Seine akribischen Zeichnungen sind zweifellos aber von besonderer Schönheit: Vor allem seine Quallen – als Körper ohne festes Gewebe Sinnbild der Vergänglichkeit – sind von bizarrer Anmut, wie man in seinem Buch Kunstformen der Natur sehen kann. Diese Zeichnungen werden heute noch neu gedruckt. Überhaupt war Haeckel Quallen-Fan: Sogar sein Haus in Jena hat er mit Quallen-Stuck verziert. Seine schönsten Zeichnungen fertigte er von „Desmonema annasethe“, der Scheibenqualle, die er selbst entdeckt und nach seiner verstorbenen Frau benannt hat. Marc Peschke

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06:00 01.08.2021

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