Raus aus dem Rausch

Kino Joaquin Phoenix porträtiert den schwierigen Cartoonisten John Callahan

Was für ein Auftakt, den Gus Van Sant im Biopic Don’t Worry, weglaufen geht nicht über den querschnittgelähmten Cartoonisten John Callahan hinlegt! Er beginnt mit einem Reigen für sich stehender Sequenzen, mit dem Van Sant den Duktus des Künstlers nachempfindet, der sich in einzelnen Zeichnungen ausdrückt: Da steht Callahan (Joaquin Phoenix) gefeiert vor Publikum auf der Bühne, später sieht man, wie er sich bei den Anonymen Alkoholikern vorstellt mit den Worten: „Mein Name ist John Callahan, ich weiß nicht, wer meine Mutter ist, und ich bin seit einem Autounfall gelähmt. Und ich bin Alkoholiker.“ In einer Szene am Strand spricht er betrunken eine Frau an, woraus anschließend ein Cartoon mit dem Untertitel „Du hast ein Problem, Callahan!“ entsteht. Seine Reha im Krankenhaus wird schließlich im Schnelldurchlauf als Slideshow aus Einzelszenen gezeigt. Der Film springt zwischen verschiedenen Zeitebenen hin und her, mal sitzt Callahan im Rollstuhl, mal läuft er als Surfer-Dude mit Hawaiihemd besoffen durch die Gegend. Zusammengehalten wird dieser filmische Free Jazz passenderweise vom aus dem Off erzählenden Callahan, während Filmkomponist Danny Elfmann einen jazzigen Soundtrack beisteuert.

So findet Van Sant zunächst eine bravouröse filmische Form für sein Biopic über den Künstler, der 2010 an den Folgeschäden einer Operation gestorben ist. Das Drehbuch, von Van Sant selbst verfasst, basiert auf Callahans gleichnamiger Autobiografie. Die Geschichte wäre eigentlich der perfekte Stoff für einen schnulzigen Film, der vom Weg aus der Gosse zurück ins Leben erzählt: Callahan landet nach einer nächtlichen Sauftour durch einen schweren Unfall querschnittgelähmt im Rollstuhl, kämpft sich, allerdings saufend, zurück ins Leben. Dann der Kampf gegen den Alkohol mit Gleichgesinnten und dem Unterstützer Donnie, im Film verkörpert von einem an Jesus erinnernden Jonah Hill. Später entdeckt er sein Zeichentalent. In seinen makaberen Cartoons, die er wegen der eingeschränkt beweglichen Arme mit zwei Händen und einem charakteristischen groben Strich zeichnet, reflektiert Callahan oft seine Behinderung.

Nach dem starken Anfang entwickelt sich Don’t Worry, weglaufen geht nicht dann aber immer mehr zu einem konventionellen Alkoholikerdrama. Der Tonfall wechselt, der Jazz wird abgelöst von schwermütigen Klavierklängen und die jetzt ruhigere Erzählung wendet sich verstärkt Callahans Weg aus der Alkoholsucht zu. Gemeinsam mit einer kleinen Gruppe Heilsuchender stellt er sich in Donnies privatem Domizil dem Zwölf-Stufen-Programm. Ohne den Drive des Anfangs und mit weniger Überraschungen entfaltet der Film dennoch eine Kraft als Schauspielerfilm, der von seinem gut aufgelegten, illustren Cast lebt. Neben Joaquin Phoenix, der sich erneut als chamäleonartiger Charakterdarsteller empfiehlt, und einem schlicht großartigen Jonah Hill sind in Nebenrollen Rooney Mara, Jack Black, Rockröhre Beth Ditto und Udo Kier zu sehen.

Zu viel des Guten ist es allerdings spätestens, als Callahan von einer Vision seiner Mutter zu hören bekommt, dass er ein guter Mensch sei. In Stufe drei des Films nämlich, um in Donnies Duktus zu bleiben, geht es um den Läuterungsweg des Künstlers, und zwar buchstäblich. Aufgeladen mit Paulo Coelho’scher Schwülstigkeit hakt Callahan einzelne Stufen von Donnies Programm ab, mit dem Ziel, ein besserer Mensch zu werden. Van Sant kommt der Humor zwar nicht abhanden, zwischendurch wird etwa immer wieder ansprechend gezeigt, wie Callahan seine Erlebnisse in seine eigensinnige Cartoonwelt übersetzt. Und doch ist es fast schon ärgerlich, wie der Regisseur sein Biopic nach dem wilden Free-Jazz-Intro auf eine derart brave Katharsis zuspitzt. Ein bisschen mehr Mut zur Provokation, die doch unmittelbar zu Callahans Werk gehört, hätte Van Sants Film jedenfalls gut gestanden.

Don’t Worry, weglaufen geht nicht Gus Van Sant, USA 2018, 114 Min.

06:00 19.08.2018

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