Regel Nummer 4082

Musik A Tribe Called Quest haben das beste klassische Hip-Hop-Album des Jahres veröffentlicht
Fabian Wolff | Ausgabe 47/2016
Regel Nummer 4082
#NoTrump: Das Lied „The Donald“ gilt dem verstorbenen Phife Dawg
Foto: Zuma Press/Imago

„Industry rule number 4080: record company people are shady“, belehrten A Tribe Called Quest vor 25 Jahren ihre Hörer. Musikindustrieregel Nummer 4081: Der Satz „Endlich ist diese Band zurück!“ ist immer eine Lüge. Entweder war eine Band nie weg, sondern einfach nur nicht kommerziell erfolgreich, oder sie ist nur noch ein Schatten ihrer selbst, oder es hat sie eh niemand vermisst. Für Hip-Hop gilt das erst recht: In der Geschichte des Genres gibt es kein echtes Comeback, nur Künstler, die ihren Ruf mit ihrem Spätwerk beschädigen.

Die Sehnsucht nach den goldenen 90ern ist groß wie nie, und niemand steht für diese Hochzeit des Rap wie die mal drei-, mal vierköpfige Gruppe A Tribe Called Quest aus Queens, New York. Mit We Got It From Here ... Thank You 4 Your service veröffentlichen sie 18 Jahre nach der letzten regulären Platte ein neues Album. In den 90ern waren sie das Gesicht des Native-Tongues-Kollektivs, verbanden entspannte consciousness mit Jazz-Samples und Lust an lyrischen Lines. Herz der Gruppe waren Q-Tip, als Rapper und Produzent der deutliche Anführer, und Phife Dawg, mit seinen 1,60 Metern und schwerer Diabetes alles andere als ein Gewinnertyp.

Die Chemie zwischen den beiden und ihre eleganten Wortduelle setzten den Goldstandard für die etwas verlorene Kunst des trading bars: nicht gegeneinander rappen, sondern miteinander, im gleichen Studio, über den gleichen Beat. Damit beeinflussten sie eine ganze Generation legendärer Duos. Heute werden meist Songteile per Mail hin- und hergeschickt.

Die ganz reale Freundschaft der Bandmitglieder schlief irgendwann ein, Q-Tip war mit anderen Projekten beschäftigt, Phife Dawg fühlte sich übergangen. So wurde The Love Movement von 1998 – ein sehr beachtlicher Versuch, die alten Hip-Hop-Entwürfe mit einer frühen Form des Neo-Soul anzureichern – der trotzdem unbefriedigende Abschluss einer ansonsten makellosen Rap-Karriere. Zehn Jahre später fand die Band wieder zueinander und spielte Konzerte, ein Auftritt bei Jimmy Fallon nach den Anschlägen von Paris weckte die Lust, wieder neue Musik aufzunehmen.

Kein Trump-Album

Während der Arbeit am Album starb Phife Dawg mit nur 46 Jahren. Die meisten seiner Parts waren wohl schon aufgenommen, We Got It From Here ist kein grober Entwurf, sondern ein rundes Album. Alte Gefährten wie Busta Rhymes und Consequence dürfen noch einmal glänzen, die neue, ohne Tribe undenkbare Generation vertreten Kendrick Lamar und J. Cole. Wie sie sprechen auch Tribe über Polizeigewalt, Armut und Weltuntergangsgefühl. Auch musikalisch ist das Album düsterer als die Vorgänger, zerhackte 2016-Soundflächen verbinden sich mit Bezügen zu den oft vergessenen Wurzeln des Rap, nämlich Reggae und Dub. Gleichzeitig entwirft es eine Art Ethos der Besinnung und Nichtanpassung.

Aber es ist kein Album über Trump, sondern über Freundschaft und Trauer. Erst rappt Phife noch äußerst vital, und schon im nächsten Song vermisst Q-Tip den toten Freund. Der Song The Donald ist eine letzte Ode an Phife, Spitzname Donald Juice. Mit seinem Namen schließt das Album, ein weiteres wird es nicht geben, hat Q-Tip erklärt. Keine glorreiche Rückkehr, sondern ein glorreicher Abschied, das beste klassische Hip-Hop-Album des Jahres nämlich. Industry rule number 4082: Für A Tribe Called Quest gelten ganz andere Regeln.

Info

We Got It From Here ... Thank You 4 Your Service A Tribe Called Quest Epic

06:00 07.12.2016

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