Anna Opel
Ausgabe 1117 | 20.03.2017 | 06:00

Reise an die Grenze der Macht

Experiment „Orientierungslosigkeit ist kein Verbrechen“, der Titel ist Programm. Kann er als Ausflucht gelten?

No nation, no borders!“, rufen die Aktivistinnen, die sich für die Rechte von Flüchtlingen in Internierungslagern starkmachen. Haben sie Recht oder sind Außengrenzen nötig, um Demokratie und innere Sicherheit zu schützen? Während im Frühjahr des Jahres 2014 am Spreeufer in der Berliner Mitte eine Großdemo gegen die Politik der Bundesregierung läuft, erklärt ein PR-Fatzke der Journalistin Lena (Nina Kronjäger), Grenzschließungen seien schon okay. Es gehe nur darum, die Story richtig zu präsentieren.

Orientierungslosigkeit ist kein Verbrechen haben die Filmemacherinnen Tatjana Turanskyj und Marita Neher ihren Essayfilm zum Thema genannt. Im Jahr 2014 überwiegend im östlichen Griechenland gedreht, erzählen die beiden in langen Einstellungen, manchmal stockend die Geschichte einer mühsamen Recherche. Die Journalistin sucht den zur Drehzeit noch neuen Hochsicherheitszaun, der die Türkei von Griechenland trennt.

Bei dieser Arbeit drängt sich die Frage nach der eigenen Haltung zur Flüchtlingsfrage auf. Wer an den Sicherungsanlagen verdient, will die Journalistin wissen und versucht, die Verantwortlichen ans Telefon zu kriegen. Natürlich geht keiner ran. Also fotografiert sie Internierungslager und nimmt rufend mit den dort Inhaftierten Kontakt auf.

Richtige Fragen

Die konzeptionelle Mischung von Fiktion und Dokumentarfilm ergibt sich aus den Profilen der beiden Regisseurinnen: Tatjana Turanskyj hat mit den Filmen Eine flexible Frau und Top Girl die ökonomisch prekären Verhältnisse von Frauen unter die Lupe genommen, Marita Neher sich als Autorin und Reporterin für Arte mit dem Thema Sicherheitspolitik befasst (Albtraum Sicherheit, S. Fischer). Leider offenbart das Experiment der beiden von Anfang an nicht nur Stärken, sondern auch Schwächen.

So bleibt bis zum Ende unklar, was genau erzählt werden soll. Auf einer unwegsamen Schotterpiste fährt die Journalistin als einsame Wölfin der Abendsonne entgegen, gabelt eine junge Deutsche (Anna Schmidt) auf, die sich als Aktivistin des Berlin Refugee Movements zu erkennen gibt. Mit der zweiten Protagonistin kann das Roadmovie immerhin beginnen – zwei kantige Typen stehen Abenteuer gemeinsam durch. Aber leider passiert dafür einfach zu wenig.

Das Kameraauge ist weit geöffnet, betrachtet einen schmutzigen Marktplatz, Bauruinen, weite Landschaften und enge Hotelflure. Es zeigt die schweigsamen Protagonistinnen auf weiten Parkplätzen und schnurgeraden Straßen im Evros-Delta. An der Stelle hätten wir dann doch gern eine Story, denn weder bemüht sich der Film darum, vom Sicherheitszaun zu berichten, noch wird die Beziehung der Frauen zueinander, werden ihre hilflosen Kontaktversuche zu Einheimischen derart ausgelotet, dass damit erzählerischer Gehalt gewonnen wäre. Stattdessen ist von allem ein bisschen was dabei.

Die baulichen Phänomene der Griechenlandkrise werden visuell protokolliert, flüchtige Begegnungen mitgeschnitten. Das verleiht dem Film zwar die Aura von Authentizität, ist aber inhaltlich oft wenig ergiebig. Interessant wird es, wenn zwischen den Frauen Beweggründe und ökonomischen Grundlagen zur Sprache kommen: Die Journalistin ist on the job, die Aktivistin finanziert ihr Engagement mit dem Vermögen der reichen Eltern. Dabei wirft sie der Journalistin vor, zu wenig Haltung zu beziehen gegenüber den rechtlosen Flüchtlingen.

Geht es Orientierungslosigkeit ist kein Verbrechen darum, von der Unsichtbarkeit der großen Politik zu erzählen? Von der Ohnmacht der Einzelnen? Keine Antwort, dafür jede Menge Fragen. Immerhin sind es die richtigen, die der Film stellt. Etwas mehr Schärfe und Fokussierung hätte dem Projekt gutgetan.

Info

Orientierungslosigkeit ist kein Verbrechen T. Turanskyi, M. Neher D 2016, 76 Minuten

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 11/17.