Rumlaufen, Motivsuche

Porträt Harald Hauswald gilt als der Straßenfotograf Ostberlins. Von der Stasi beobachtet, fand er das Leben in der DDR dennoch unbeschwerter
Rumlaufen, Motivsuche
„Langhaarfrisur, Vollbart, Jeans“, schrieb schon die Stasi zutreffend

Foto: Stephanie Steinkopf für der Freitag

Klitzekleine Ironie: Harald Hauswald, geboren 1953, vor allem bekannt als Fotograf von Straßenszenen in Ost-Berlin und der DDR, von Heranwachsenden und Verhärmten, von Demonstrationen, Aufmärschen und Tanz, Punks und Emos, Hooligans, von Menschen in ihren Nischen – dieser Harald Hauswald sagt, dass wir uns etwas außerhalb von Berlin treffen könnten, „im Wald“.

Dann los, Zug nach Storkow, vom Bahnhof mit Rad noch etwas durch Sonnenschein, am alten jüdischen Friedhof vorbei, durch Eigenheimidylle mit blauvioletten Dachschindeln – und links Hirschluch, weites Gelände einer Jugendbegegnungsstätte der evangelischen Kirche, Kaffee aus Thermoskannen statt Spaziergang durch den Prenzlauer Berg; Fotoseminar im Grünen statt Nachbarschaften, die Hauswald in den 1970ern als Telegrammbote durchmaß, in der er seinen Blick trainierte, seinen inneren Schweinehund überwand und fotografierte.

Koch oder Kamera

Auch im Hirschluch hat Hauswald eine Geschichte. Auf der Werkwoche, die die hübsch betitelte „Mittelstelle für Werk und Feier“ der evangelischen Kirchen der DDR zuerst 1978 organisierte, leitet er seit siebenundzwanzig Jahren Arbeitsgruppen – analoge Fotografie, Einführung in Kameras, Dunkelkammer, Vergrößerung, Motivkomposition. Gerade erklärt er einer Gruppe junger Polinnen die Negativentwicklung: den Film auf die Spirale spulen, nicht auf die belichtete Seite fassen, Dunkelkammer simulieren und dabei die Augen schließen. Hauswald nimmt sich eine weitere Zigarette aus der furchteinflößend großen Schachtel, die Polinnen können jetzt eine Weile alleine weitermachen, ein paar Ältere suchen Motive, kurze Aufregung, weil ein Helikopter landet, Notarzt, irgendwer wurde von einer Wespe gestochen. Dann haben wir Zeit. Hauswald spielt mit dem Feuerzeug, denkt nach über die Frage, warum Fotografie, obwohl er doch Koch werden wollte.

Noch nach Jahrzehnten in Berlin hört man, dass er in Radebeul geboren wurde, Hauswald schleift die harten Konsonanten, mancher Vokal drängt zum Umlaut. Fragt man noch einmal und genauer, ob er sich aus einem Gefühl von Widerstand zur Fotografie wendete, sagt er: „Erstmal garnie.“ Es ging schlicht um eine Ausbildung. Zieht an der Zigarette und erzählt vom Vater, Fotografenmeister, Passbilder, Auftragsarbeiten im Studio, nicht seine Welt, aber er fing bei ihm zum Übergang die erste Lehre im Labor an, brach nach eineinhalb Jahren ab, ohne eine Kamera angefasst zu haben. Später schickte er dem Vater sein erstes Buch, ein kühler Brief kam zurück, das war’s.

Da war Hauswald schon weite Wege gegangen, Arbeit beim VEB Bau Dresden mit Strafversetzungen: Hauswald sammelte Fehlstunden, weil er lieber Bands hinterhertrampte. Überhaupt ums Trampen, Konzerte, Tauschen, Handeln mit Platten, darum ging es. Nach dem ersten Versuch mit der Lehre wurde er Roadie bei der Band Bürkholz Formation, Rocktechniker hieß das, nur war die Band verboten, als Hauswald von der Armee zurückkehrte. „Und dann hing ich erst mal in der Luft.“ Tipp von Bekannten, zweiter Anlauf, Facharbeiter Fotografie an der TU Dresden, Bildstelle, der Chef war nur zwei Jahre älter, plötzlich machte es Freude. Im Wesentlichen aber: Gegenkultur der DDR, Blueser, Hirschbeutelträger, Rocker, über die sich der Staat als Gammler beugte, lange Haare, Parka, selbstredend die „echten Jeans“, von denen Ulrich Plenzdorf schrieb, dass sie „eine Einstellung und keine Hosen“ waren, zu denen Musik und Friedensbewegtheit gehörten.

Die Staatssicherheit jedenfalls beschreibt ihn mit „Langhaarfrisur, über die Schultern fallend, Mittelscheitel“, Vollbart, eine „leicht nach vorn gebeugte Haltung“ und „verwaschene Jeans oder Kordhosen, verwaschene olivgrüne Wetterjacke oder dunkler, unmoderner Ledermantel“, als sie etwa 1981 begann, ihn in Berlin zu beobachten. In Dresden kannten sie ihn schon sechs Jahre vorher, die Zweigstelle hatte ihn als Teil einer „negativen, labilen jugendlichen Gruppierung“

Er hat seine Lebensgeschichte häufig erzählt, Anekdoten fließen zusammen, verdichten sich zu einzelnen Motiven: das Gefühl, im Staatssozialismus bedrängt, eingesperrt zu sein, nicht dem Bild und der Erwartung der offiziellen Linie zu entsprechen. Fotografie war eine Antwort darauf, fünfzig bis sechzig Ausstellungen hatte er in Räumen der Kirchen, Privatwohnungen, Jugendklubs. Und häufig Ärger.

Als er 1978 nach Berlin umzieht, findet er Leute, die ähnlich dachten, außerdem riecht es „ein bisschen mehr nach Westen“. Über den LyrikerLutz Rathenow knüpft er Kontakte zur Westpresse, seine Aufnahmen erscheinen in der taz. Außerdem ist in Ost-Berlin die politische Gemengelage anders als in Sachsen: Hier wohnten und arbeiteten Korrespondenten, taktierten die Organe eher mit dem Bild, das sie im Westen abgaben. Trotzdem: Hausdurchsuchungen, Vernehmungen. Zeitweilig überwachten ihn 35 Agenten, weil er auf der Straße fotografierte, sich an Treffpunkten der Gegenkultur, etwa im Hirschhof, rumtrieb, hinter dem Wasserturm bei Musik und Gedichten auf dem Rasen herumsaß.

Die DDR, eine kleine Welt

Nachdem er mit Rathenow das Buch Ostberlin im Piper-Verlag veröffentlicht hat, ordnet das Jugendamt Heimerziehung für seine sechsjährige Tochter an. Sie wird direkt aus der Schule mitgenommen, mehrere Monate kämpft er darum, sie zurückzubekommen. Hauswald hat einmal erzählt, dass ihn in Dresden zwischen zwei und zwölf Jahren Gefängnis erwartet hätten.

Dabei erzählt er auch von einer eng gestrickten Gesellschaft. In den Kahn, einen angesagten Jugendklub kam er, weil er den Türsteher von der Armee kannte, bis zur ersten Ausstellung war es dann nicht weit. Als er später Fußballfans aufnahm, waren Köpenicker dabei, einem aus dem Vorstand von Union Berlin gefiel das – Klaus Höpcke, stellvertretender Kulturminister, besorgte ein Stipendium, trotz Stasi-Beobachtung. Hauswald erlebt etliche solcher Glücksfälle, erzählt davon mild lächelnd. An „den Kommunistenquatsch“ glaubt er nicht, das Stipendium wurde noch für drei Monate nach dem Ende der DDR weiterbezahlt.

Straffe Soldaten, Teenagerküsse

Im Frühjahr 1959 rief das Politbüro der DDR per Beschluss nach Pressebildern, die „das pulsierende Leben“ darstellen und „den Menschen zeigen (sollten), der die sozialistische Gesellschaft gestaltet“. Die zentrale Linie wollte Bilder, die „Bewegung atmen und die für das Ganze gültigen Details überzeugend ausdrücken“. Die Zentrale Kommission Fotografie sollte die Bildpolitik in der DDR koordinieren, kontrollieren und ideologisch anleiten.

Zeithistoriker sprechen mit Bernd Lindner deshalb von „zwei Bildwelten“: Es gab das offizielle, euphorische Pressebild, das weniger den Zustand als das Ideal der DDR darstellen sollte – und das nicht selten düstere Gegenbild.
Bei Harald Hauswald, der als Gerüstbauer, Industrieanstreicher, Heizer und Restaurator gearbeitet hatte, sah diese zweite Bildwelt so aus: bröckelige Fassaden, gebeugte Rentner, straffe Soldaten, strenge Schattenrisse auf Brandmauern, körperliche Arbeit und Erschöpfung danach. Er trug Bilderwelten in grauen Städten zusammen, die nie weltläufig oder elegant schienen, sondern selbst im romantischen Moment etwas verspannt wirkten. Es waren Schwarz-Weiß-Protokolle von Extasen, kleinen Freuden,Lachen und Teenagerküssen, die eng neben Misstrauen siedelten, Erschöpfung, aus denen es sauer nach Mehlschwitze, Kohl und Beinscheibe dünstete.

Straßenfotografie hat verschiedene Prägungen in Frankreich oder den USA. Vor allen Dingen im Ostblock und in der DDR hatte sie einen besonderen Stellenwert: Arbeiten von Antanas Sutkus, Boris Mikhailov, Josef Koudelka oder Roger Melis waren immer auch politisch, weil sie Realitäten durchstreiften, die das offizielle Bild konterkarierten.

Wenn man ihn nach der Straßenfotografie fragt, warum er hier seine Motive suchte, antwortet er mit kurzen Sätzen: „Neugier. Interesse an Menschen, ihren Geschichten.“ Bedeutet: herumlaufen, Motive suchen, dieselben Orte in einer anderen Jahreszeit, mit anderem Licht. Im Hirschluch erzählt er, dass er eine Weile immer wieder zum Alexanderplatz ging, zum Vorzeigeprojekt der „sozialistischen Umgestaltung des Zentrums der DDR“ mitsamt dem „Turm der Signale“. Sich zwang, an der offiziösen Architektur immer neue, interessante Blickwinkel zu komponieren, ihr Reiz, Geschichten abzuringen.

Und für Hauswald war Straßenfotografie als Teil der Alltagsopposition eine Blickpolitik, die den Unterschied zwischen allgegenwärtiger Propaganda, der Hunderttausendsten Neubauwohnung, die Erich Honecker in Marzahn für die Aktuelle Kamera eröffnete und verrottender Bausubstanz im Prenzlauer Berg markierte. Er lehnt sich vor und sagt einen Satz, der nicht nur ihn betrifft, sondern Antrieb für viele, die fotografierten, war: „Ich wollte den Sozialismus so zeigen, wie er nicht gezeigt werden wollte.“ Gleichzeitig aber bot ihm die DDR auch Raum, etliches war anders, vielleicht sogar leichter als heute. „Ausprobieren, dafür war die DDR gut. Das Leben hat nichts gekostet, du konntest dir Zeit lassen. Man war unbeschwerter.“ Hauswald erzählt von den vielen Zufällen, von Kontakten, Glück. Er bekam einen Job bei der Stephanus-Stiftung, fing an, Menschen mit Behinderungen zu fotografieren, Situationen, Feste. Er ist einer der wenigen Fotografen, der nicht in Leipzig studiert hatte und über Umwege dennoch zum Verband Bildender Künstler kam. Zu seinen Bildern hat Arno Fischer, Doyen der Fotografie in der DDR, später einmal gesagt, dass er, egal ob am Prenzlauer Berg oder in Schanghai, immer und überall gleich fotografiere. Ein größeres Lob, Hauswald lacht laut, kann er sich nicht vorstellen.

Zum Ende der muffigen DDR beobachtet er Grenzer bei der Öffnung des Brandenburger Tors, bange Blicke nach Westen. Drüben: Begrüßungsgeld-Jubel. In dem Moment verliert er mit dem Staat das Gegenüber, vielleicht ändert sich sein Blick, jedenfalls aber die Dinge, die er aufnimmt. Es wird rauer. Eine Distanz zu dem, was er fotografiert, schleicht sich ein: Räumung der Mainzer Straße 1990, auf einem Bild ein Pulk Polizisten, einer liegt am Boden. „Ich stand neben dem, der schaut nach oben, da reißt ihm ein Dachziegel den halben Kiefer unter dem Helm weg.“ Hauswald erzählt das mehrmals, aus der Anekdote klingt Unglaube, vielleicht Fremdheit vor so einer Form von Opposition. Dann klingelt das Telefon, „Bernd, mein Zartester“, Hauswald erklärt dem Seminarteilnehmer, wie man den Film zurückdreht.

In den 1990ern folgt er Fußballfans, fotografiert in Rostock-Lichtenhagen Männer, die vor Plattenbauten Hitler grüßen, Nazi-Aufmärsche. Wenn man eine Fieberkurve der Straßenfotografie messen würde, fiele sie vermutlich ab, um bald mit digitaler und Mobiltelefon-Fotografie zu einem breiten, alltäglichen Mahlstrom zu werden.

Hauswald erzählt, dass es in den Neunzigern auch finanziell schwierig wurde, aber vor einer sentimentalen Rückschau hindert ihn die Erinnerung an Enge und Überwachung. Er verdingt sich als Pressefotograf. Gründet mit anderen die heute renommierte Agentur und Fotoschule Ostkreuz. Arbeitet bei Leander Haußmann als Setfotograf. Bekommt Aufträge von der Bundeszentrale für Politische Bildung. Heute sind Opposition, Rebellion, Boheme weniger existenziell, sondern Fragen von Lebensstil. Harald Hauswald, irgendetwas Verwaschenes am Leib, Zigaretten, beobachtet all das mit der Kamera. Reist, geht Wege durch die Stadt. Ohne Druck.

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06:00 05.10.2020

Ausgabe 43/2020

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