Schaut auf euch!

Der Philosoph Michel Onfray Die Sozialisten haben abgewirtschaftet - die Kommunisten sind gefordert

Am 22. Mai plädierte der französische Philosoph Michel Onfray in der Zeitung Humanité leidenschaftlich dafür, dass bei einer Erneuerung der französischen Linken der entscheidende Impuls von den Kommunisten kommen müsse. Wie dokumentieren diesen Appell in Auszügen.

Der Stand der Dinge gebietet einen klaren und kalten Blick auf die Linke in den ersten Stunden der fünfjährigen Amtszeit Sarkozys. Die Regierung beraubt sie ihrer Symbole (Jaurès, Blum), ihrer Begriffe (das Volk, die Arbeiter, die Republik), ihrer Wählerschaft und ihres Personals. Die Neugründung steht an: Wer kann sie vollbringen?

Viele Sozialisten streben ins Zentrum. François Bayrou konnte zwischen zwei Wahlgängen einen Großteil von ihnen entlarven - darunter Ségolène Royal. Ihre Kampagne führte so weit nach rechts wie kein sozialistischer Wahlkampf zuvor. Erinnern wir uns: Sie hielt eine Lobrede auf Blair, und sie wollte mit symbolischen Mobilisierungen (Trikolore, Marseillaise) fehlende politische Lösungen kaschieren.

Das erreichte einen Höhepunkt, als Royal vorschlug, das sozialistisch genannte Projekt mit den Ideen der UDF zu veredeln. Bei ihrem Sieg sollte Bayrou Premier werden, ein Mann, der seit 30 Jahren allen rechten Regierungen angehört hat. Was bleibt noch links an einer Partei, die mit ihrem Zynismus die sozialistischen Ideen für einen Teller Linsen im Élysée eintauscht? Nichts!

Wer kann jetzt die Initiative übernehmen und Anziehungspunkt einer klar antiliberalen gauche de gauche werden? Die Antwort lautet entschieden: nicht die Sozialistische Partei. Die Antwort lautet auch: vielleicht nicht die radikale Linke. Sie weigert sich, auch nur ein bisschen zu leiten, sie ist unfähig, Veränderungen herbeizuführen - die Tobin Tax scheiterte im Europaparlament an den französischen Trotzkisten. Zudem glauben sie an die Revolution allein durch die Magie der Bewegungen auf der Straße. Mit einem Wort, die radikale Linke wird nicht konkret das Elend der Menschen mindern, die alltäglich am Neoliberalismus leiden.

Nicht das Volk muss sich jetzt ändern, sondern die Führung der Linken. Zumindest müssen neue Köpfe, neue Figuren, neue Namen an der Spitze auftauchen. Anders gesagt: Eine neue Generation. Es ist die Kommunistische Partei, die eine neue Linke begründen kann, wenn sie eine Revolution in ihrem Inneren vollbringt, bevor sie das anderen vorschlägt. Sie sollte eine klar antiliberale linke Sammlung initiieren und dabei weniger auf den Marxismus-Leninismus als auf den libertären Sozialismus bauen.

Denn die Kommunisten vereinen in sich das Beste der Sozialisten und der radikalen Linken: Die Partei misst ihr Ideal am konkreten Handeln. Sie verfügt über Erfahrungen in Städten, Regionen und Ministerien. Sie ist auch in den Vereinigungen und auf der Straße präsent, gemeinsam mit jenen, die sich den am meisten Benachteiligten annehmen. Der PCF kann überdies ein Bedürfnis nach radikalen Werten reklamieren, er vertritt am nachdrücklichsten die Werte der Republik: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit.

Ein Generationswechsel ist einfach. Schaut auf eure Talente, ihr habt Hunderte.

Aus dem Französischen von Steffen Vogel

Michel Onfray lebt als Philosoph in Caen, wo er die Université populaire gründete. Zuletzt erschien von ihm: Wir brauchen keinen Gott. Warum man jetzt Atheist sein muss. Piper-Verlag 2006.


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00:00 06.07.2007

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