Schnappschüsse von Figuren

Was läuft Unsere Autorin über „Easy“, „thirtysomething“ und Ausprägungen des Zeitgeists. Spoiler-Anteil: 8 Prozent

Chicago im Jahr 2016: Jacob ist ein zerknautschter, mittelalter Autor von graphic novels, die kenntlich auf seinem eigenen (Beziehungs-)Leben basieren. Bei einer seiner nur schlecht besuchten Lesungen trifft er Allison, eine halb so alte Kunststudentin, deren Werkzeug Handy und Selfiestick sind. Die beiden hängen nachher noch in kleiner Runde ab, trinken, reden, haben (für Jacob überraschend) Sex.

Als er bald darauf eine Ausstellung besucht, entdeckt Jacob dort ein Foto, das Allison in Unterwäsche im Vordergrund und im Hintergrund ihn – noch schlafend, halb abgedeckt in seinem Bett – zeigt. Er macht ihr sofort eine Szene, die anwesenden Kommilitoninnen halten mit den Smartphonecams drauf. Das Video wird ein kleiner Hit auf Youtube. Der Autor, dessen Lesungen nun wieder vor dicht besetzten Reihen stattfinden, stellt sich einer öffentlichen Diskussion und teilt dabei die Bühne mit der Künstlerin, die ihre autobiografische Arbeit in derselben Tradition sieht, in der auch er steht.

Art and Life, Episode fünf von Joe Swanbergs Netflix-Serie Easy, ist eine schöne Erzählzwiebel (das Chicagoer Avantgardefilmfestival Onion City findet an anderer Stelle in Easy Erwähnung). Die Wendungen und Entwicklungen sind gekonnt gebaut, die Zwiebelhaut ist sogar zur realen Vita der Darstellerinnen hin durchlässig: Marc Maron, der diesen Jacob verkörpert, produziert mit WTF with Marc Maron einen beliebten Podcast und verwendete sein eigenes Leben schon früher als Material für Stand-up-Comedy. Und Emily Ratajkowski, die hier die Selfie-Künstlerin gibt, verkörpert und verhandelt die Gratwanderung zwischen Sexploitation und weiblicher Selbstbestimmtheit als Model, Schauspielerin und per Web-2.0-Präsenz auch real.

Nicht alle Episoden funktionieren so referenziell. In erster Linie ist Easy eine sogenannte anthology series – eine jüngst wiederbelebte, traditionsreiche Serienform, die mit jeder Folge (The Twilight Zone) oder zumindest in jeder Staffel (American Horror Story; American Crime Story) Personal und Geschichten wechselt. „Anthologie“ passt im Fall von Easy auch deshalb gut, weil die acht halbstündigen Folgen, die seit 22. September abrufbar sind, tatsächlich wie short stories funktionieren.

Schauplatz ist Chicago, Generalthema ist das seltsame Verhalten paarungswilliger Großstädter unter selbstverständlicher Berücksichtigung gesellschaftlicher Diversität. Da ist die junge Chase, die sich in eine vegane Aktivistin verknallt und es dieser in Sachen Ernährungsethik gleichtun würde (Vegan Cinderella). Die solide liierte Gabi, die im blitzblanken neuen Eigenheim plötzlich merkt, dass sie auf ihren verslackerten Schwager spitz ist (Controlada). Oder Karrierefrau und Hausmann, die ihr Sexleben unter Rückgriff auf erfolgreich überwundene Geschlechterklischees aufpeppen wollen, während die Kinder draußen beim Halloweenumzug sind (The Fucking Study).

Von dieser Auftaktfolge lässt sich kurz zurückblenden zu jener von thirtysomething (1987–1991, deutsch: Die besten Jahre), einer von Edward Zwick und Marshall Herskovitz erdachten, seinerzeit viel diskutierten Qualitätsserie. Die führte in Philadelphia 1987 hinein in oberflächlich ähnliche, aber noch entscheidend anders besetzte Szenarien um Beziehungen, Familien, klassische Rollenverteilung, Karriere, Haushalt, Erschöpfungszustände und Wer-kann-da-noch-Lust-haben. Das war nicht dumm, riskierte aber auch nicht allzu viel. Und letztlich tut es gut zu sehen, dass nicht nur die Dauerwellen, Yuppie-Hosenträger und Schulterpolster zeitlich punziert sind.

Edward Zwick hat später mit Legends of the Fall die Karriere von Brad Pitt befördert. Easy-Macher Joe Swanberg hingegen, heute ein Mittdreißiger, wurde zunächst einer Gruppe von US-Indiefilmern zugerechnet, deren Arbeiten wegen ihrer oft vernuschelten Dialoge das Subgenre Mumblecore begründete (eine gewisse Greta Gerwig spielte in Swanberg-Filmen erste Hauptrollen). Gemeinsam mit seiner Frau Kris zeichnete Swanberg vor zehn Jahren für die Webserie Young American Bodies verantwortlich, das serielle Arbeiten hat er aber vor allem im abendfüllenden Format perfektioniert: 2010 veröffentlichte er rekordverdächtige sieben Langfilme. Easy fasst er im Gespräch mit IndieWire nun als „a snapshot of a few characters“ zusammen – und denkt laut darüber nach, mit solchen Momentaufnahmen frühestens in 25 Jahren ein gültiges Porträt von Chicago beisammen zu haben. Fernsehen für Generationen.

06:00 09.11.2016

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