Schön spröde

Elegien Das Festival des osteuropäischen Films in Wiesbaden bringt den neuen Osten in den alten Westen

Als 2001 die Filme für die erste Ausgabe des „goEast – Festival des mittel- und osteuropäischen Films“ in Wiesbaden eintrafen, standen die Mitarbeiter, die den ordnungsgemäßen Eingang der Kopien protokollieren wollten, ratlos vor den Filmbüchsen aus Russland mit ihren kyrillischen Beschriftungen. Welcher Film nur verbarg sich hinter den für sie rätselhaften Schriftzeichen? Wäre da nicht der Praktikant aus dem Osten (genau, der Autor dieser Zeilen) mit seinen rudimentären Russischkenntnissen gewesen, die Dinge hätten sich wohl unnötig verkompliziert. Ein kleines Detail, gewiss, aber doch symbolhaft für die Anfänge.

Es ist ja nicht so, dass sich die an Kultur interessierten Wiesbadener Bürger darum gerissen hätten, Filme aus Osteuropa sehen zu dürfen. Es war das Deutsche Filminstitut in Frankfurt am Main unter dessen ehrgeiziger Chefin Claudia Dillmann, das einen Paradigmenwechsel einleitete. Freimütig räumte sie im Vorwort zum ersten Festivalkatalog ein, dass man von den aktuellen Produktionen, ihren Geschichten und ihrer Ästhetik so gut wie nichts wisse, und resümierte: „Es ist an der Zeit, sich zu öffnen für Gedanken, Bilder, Mythen und Geschichten der östlichen Nachbarn. Für ihre Kultur. Für ihre Filme.“

Ganz aus dem Nichts kam die Idee für ein solches Festival freilich nicht, hatte das Deutsche Filminstitut doch schon in den achtziger Jahren im Auftrag der Bundesregierung osteuropäische Filmwochen konzipiert und auf Tournee durch die Republik geschickt. An diese Tradition wollte goEast anknüpfen. Der Austragungsort war mit Wiesbaden glücklich gewählt. Nicht nur hat die Kurstadt noch heute in russischen Ohren einen guten Klang. Dostojewski war da, Puschkin-Erben lebten hier, und nach der russischen Revolution ließ sich viel Aristokratie nieder und erholte sich vom anstrengenden Emigrieren in den Casinos und Thermalquellen. Zudem gibt es mit der Filmbühne Caligari direkt am Markt eines der schönsten Kinos in Deutschland, einen liebevoll sanierten Filmpalast aus den zwanziger Jahren.

Von Beginn an musste sich goEast der Frage stellen, ob es denn ein zweites Festival mit Schwerpunkt Osteuropa neben dem in Cottbus brauche. Das Filmangebot war um die Jahrtausendwende nach dem Zusammenbruch der vormals staatlichen Filmindustrien des Ostblocks immer noch recht überschaubar, und das Filmfestival in Cottbus ist nicht nur zehn Jahre älter, sondern hat auch den Vorteil der geografischen Lage im äußersten Osten an der Grenze zu Polen, wo man mit osteuropäischer (Film-) Kultur schon immer vertraut war und es eine mentale Nähe zu den Nachbarn gibt. In den Folgejahren gelang es goEast, Überschneidungen mit dem Cottbuser Programm weitgehend zu vermeiden und sogar Kooperationen einzugehen. Inzwischen haben beide Festivals ihr eigenes Profil. Das Filmfestival Cottbus setzt mehr auf Entdeckungen und junge Regisseure. Außerdem organisiert man einen erfolgreichen Koproduktionsmarkt, wo neue Spielfilmprojekte entstehen. Im Wettbewerb von Wiesbaden hingegen findet man auch so manchen Regie-Veteranen, außerdem gibt es eine eigene, speziell dem Dokumentarfilm gewidmete Sektion sowie ein Symposium zu einem jährlich wechselnden Schwerpunktthema.

In Wiesbaden will man dazu eher Filme abseits des Mainstreams zeigen, Werke, die nicht zwangsläufig für den internationalen Markt gemacht sind und zudem die meist schwierige Situation des jeweiligen Heimatlandes mit ungewohnten filmischen Mitteln reflektieren. Einfache Zugänglichkeit ist auf jeden Fall kein Auswahlkriterium: Die osteuropäische Filmsprache ist oft spröde und gegenläufig zu westeuropäischen Sehgewohnheiten. Ein cinephiles Stammpublikum kommt dabei durchaus auf seine Kosten, ein breites Publikum zu interessieren, ist immer noch schwer, weshalb goEast stets mehr ein Arbeits- denn ein Publikumsfestival ist.

Optimismus ist Mangelware

Folgerichtig hat sich das Festival mittlerweile besondere Verdienste auf akademischem Gebiet erworben. Die begleitenden Symposien und Retrospektiven pflegen den filmhistorischen und -politischen Diskurs auf hohem Niveau und sind ein Pflichttermin für Wissenschaftler und Interessierte.

Die Filme des aktuellen Jahrgangs bildeten keine Ausnahme zu oben Gesagtem. Viel postsozialistische Tristesse war wieder zu sehen; oder ist es bereits die postkapitalistische? Auch nach dreißig Jahren stochern die Regisseure aus dem postsowjetischen Raum noch in den Überresten des Kommunismus herum, nur um allzu oft festzustellen, dass sich eigentlich nichts geändert, geschweige denn verbessert hat – allerorten herrschen Korruption, Willkür und schlechte Laune, Optimismus ist Mangelware und oft nur auf ein Defizit an Information zurückzuführen.

Nichtsdestotrotz entwickeln viele Filme eine ganz eigene Poesie, oft mit einer malerischen Dichte und elegischen langen Einstellungen. Exemplarisch dafür mag Atlantis (Ukraine 2019, Regie: Valentyn Vasyanovych) stehen, in dem die postapokalyptischen Landschaften der Ostukraine in sorgfältig komponierten Tableaus gefilmt sind, was jedoch nichts an der depressiven Grundstimmung ändert. Es ist erstaunlich, wie oft die Zeit vor 1989 noch als Bezugspunkt für heutige Diskurse dient, so auch im bulgarischen Wettbewerbsbeitrag Auf Streife (Regie: Stephan Komandarev), in dem sich zwei Polizisten gleich zu Beginn darüber unterhalten, dass laut einer Studie der Sex im Kommunismus besser und die Orgasmusrate höher gewesen sei. Lebenslust und -freude strahlen jedenfalls die wenigsten Filme aus, Ausnahmen wie der mitreißende tschechische Dokumentarfilm über eine Bigband mit dem schönen Namen The Tap Tap, deren Mitglieder sämtlich schwerbehindert sind, bilden eine willkommene Abwechslung (Postiženi Muzikou, Tschechien 2019, Regie: Radovan Síbrt).

Einen entscheidenden Unterschied zu früheren Ausgaben von goEast gab es allerdings, Sie ahnen schon, was gemeint ist. Aufgrund der „aktuellen Situation“ hatte die Festivalleitung fast das gesamte Festival ins Internet verlegt. Während des Festivalzeitraums stand eine Online-Mediathek der Wettbewerbsfilme akkreditierten Fachbesuchern zur Verfügung. Dem zahlenden Publikum wurden ausgewählte Filmhighlights online und on demand zur Verfügung gestellt. Auch Filmgespräche und Diskussionspanels fanden im virtuellen Raum statt, ebenso das komplette Nachwuchsprogramm. Da eine anständige Juryarbeit unter diesen Umständen nicht möglich war, wurde das gesamte Preisgeld kurzerhand gerecht zwischen allen Wettbewerbsbeiträgen aufgeteilt. GoEast hat damit beispielhaft gezeigt, wie ein Filmfestival mit den gegenwärtigen vielfältigen Beschränkungen umgehen und trotzdem stattfinden kann. Der Umzug in den digitalen Raum war allerdings ein vorläufiger; die Präsentation der Wettbewerbsfilme in Anwesenheit der Filmemacher wird im Herbst nachgeholt, ebenso das Symposium. Damit wollen die Festivalmacher eines klarstellen: Filmkunst gehört auf die große Leinwand, nach wie vor.

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06:00 14.05.2020

Ausgabe 39/2020

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