Schweden

A–Z Erst macht sich Donald Trump Sorgen, dann spricht die AfD eine Reisewarnung aus. Haben Russen etwas damit zu tun? Das Lexikon der Woche

A

Attentat Am Abend des 28. Februar 1986 wird der damalige Ministerpräsident Schwedens, Olof Palme, auf offener Straße erschossen. Ein Attentat, das – bis heute ungeklärt – Schweden beschäftigt. Der Sozialdemokrat Palme polarisierte. Er äußerte sich laut gegen den Vietnamkrieg, trat international für Abrüstung ein, baute den Sozialstaat weiter aus, allerdings auch die Atomkraft.

Entsprechend gab es verschiedenste Verdächtigungen, was den Mörder anging. PKK, RAF, CIA, rechtsextreme Schweden, südafrikanische Agenten oder ein drogenabhängiger Kleinkrimineller – sie alle und noch viele andere sollen es mal gewesen sein. Dazu kam die stümperhafte Polizeiarbeit, sodass der Palme-Mord noch immer Gegenstand wildester Spekulationen, Verschwörungstheorien und zumindest Nebenerzählstrang in gefühlt jedem zweiten Schwedenkrimi ist (➝ Kommissar Beck). Vor zwei Jahren tauchte noch einmal ein verrosteter Magnum-Revolver auf. Benjamin Knödler

D

Dystopie Früher galten den Miesepetern dieser Welt die USA als Ursache allen Übels. Geändert hat sich daran nicht viel, doch schwappt das Dystopische, inzwischen als Idylle getarnt, auch aus Schweden über. Die Schweden, das ist ein Dilemma, mag jeder – also werden wir, abgelenkt von der angeblichen Unkultur des „Amis“, alles aufregend Progressive aus Skandinavien freudig umarmen (➝ Falsche Freunde), bis es zu spät ist. In der Hyggeligkeit (Dänemark-Import!) einer ganzen Gesellschaft wird es auch bei uns kein Bargeld, keinen Alkohol, keine Kaputten, keine Prostitution, keine Verbrennungsmotoren, keine Liebe und keine echten Menschen mehr geben. Alle sitzen dann nur noch in dicken Wollsocken und mit Teetasse in beiden Händen vor dem Fenster und starren sich selbst spielend ins Nichts. So jedenfalls stelle ich mir das vor. Timon Karl Kaleyta

F

Falsche Freunde Schweden hat ja dieses leicht pornöse (➝ Porno, soft) Image. Das Stockholmer Spritmuseum (dt. Schnapsmuseum) widmete ihm vor ein paar Jahren sogar eine Ausstellung, die den englischen Titel Swedish Sin trug, auf dem Plakat machte ein blondes Paar auf einem Motorboot in den Schären rum (ein Still aus einer italienischen Pseudodoku). Als ich Ende der 1990er für ein halbes Jahr ohne Sprachkenntnisse in eine Stadt nördlich von Stockholm zog, war ich trotzdem einigermaßen irritiert, dass meine neuen Kolleginnen ständig über Sex sprachen. „Fick“, so lernte ich nach einigen Wochen, ist ein absolut unschuldiges schwedisches Verb, das Präteritum zu „få“. Für „få“ gibt es kein echtes deutsches Äquivalent. „Bekommen“ heißt es eigentlich, je nach Kontext kann es aber auch im Sinne von dürfen oder können verwendet werden, also fällt es nahezu in jedem zweiten Satz. Warum allerdings die Taschenlampe „ficklampa“ heißt, weiß ich bis heute nicht. Das F-Wort ist im Schwedischen übrigens ein K-Wort und klingt weder soft noch sexy: „knulla“, die Stimme geht auf der zweiten Silbe leicht nach oben. Christine Käppeler

H

Hass In Lars von Triers TV-Serie Hospital der Geister von 1997 hasst der schwedische Chefarzt Stig Helmer seine grässlich gemütlichen, unfähigen dänischen Mitarbeiter, diese „hirnverbrannten Idioten“, abgrundtief: „Mit Plutonium zwingen wir euch auf die Knie!“, brüllt er auf dem Krankenhausdach. Die Figur war dem exzentrischen schwedischen Schauspieler Ernst-Hugo Järegård offenbar auf den Leib geschrieben. Lars von Trier erzählt, beim Dreh zu Europa (1991) hätten sie ihn ständig mit Zigarren belohnen müssen, damit er nicht schmollend ins Hotel abdampfte. Dass sich Järegård im Geisterhospital sozusagen selbst spielte, spricht stark für ihn oder gegen seine Realitätswahrnehmung. Susanne Berkenheger

K

Kommissar Beck ist der Inbegriff für düstere Schwedenkrimis. Mit ihm nahm im TV eine Manie ihren Lauf. Bis sich Überdruss an finsterem Kolorit (➝ Dystopie) aus Schweden einstellte. Doch nie bei Kommissar Beck. Die nordische Melancholie begeistert auch in der Wiederholung. Beck ist oft müde und abgeklärt. Das schlägt sich schon in seinem Gesicht nieder, ohne dass der Kommissar ein Wort sagt – im Film kongenial von Peter Haber gespielt. Noch besser: sein Partner Gunvald. Wenn Beck im Verhör nicht weiter weiß und resigniert mit den Schultern zuckt, taucht in seiner besonderen Art Gunvald auf. Der Verhörte beginnt wie von selbst zu sprechen. Lars Hartmann

L

Liebe Früher fuhr man nach Südfrankreich. Nach Italien (➝ Reisewarnung) sowieso. Das war vom Dreiländereck aus nicht weit, eine Tankfüllung für den R4 oder den kleinen Fiat. Die Liebe war südlich und heiß und hatte nichts mit Elchen zu tun. Schweden verband man höchstens mit dem Saab oder Volvo, der Erstere diente als Parteikarre, von solidem Schwedenstahl hielt die Bewegung viel. In Berlin fand sich dann eine ganz andere Elchformation. In der Bundesallee gibt es den illustren Schwedenshop, mir gegenüber hisste es lange Jahre blau-gelb. Schwarz-rot-gold zurückgeschossen habe ich nie.

Ein paar Freunde haben sich eingenordet, trotz Wetterunbill und teuren Kronen. Es sei immer noch leer dort oben, heißt es von denen, die vor langer Zeit ein Häuschen geentert haben. Die Fluchtbewegung geht weiter gen Norden. Die daheimgebliebenen Wildgänse feixen, wenn es dort regnet. Ulrike Baureithel

P

Porno, soft Ein Iraner, der sich Akramzadeh nannte, drehte 1961 den Film Jeunesse perdue, eine schwedisch-britische Koproduktion. Es geht um einen iranischen Medizinstudenten, der in London die Bekanntschaft zweier Schauspielstudentinnen macht – mit Bergitte (Dänin, die aussieht wie Brigitte Bardot) und Monica (Schwedin, äußerlich eine Kopie von Jean Seberg). Dann muss er zurück in den Iran, weil er durchs Examen fällt und die Eltern den Geldhahn abdrehen. Monica ist schwanger. Es gibt kein Happy End (➝ Liebe). Akramzadeh hatte die Schattenseiten eines ausschweifenden Lebens im Blick.

1966 kam der Film unter dem Titel Der Perser und die Schwedin als Softporno überarbeitet in die BRD-Kinos. Der Titel spielte auf die „Schweden-Filme“ an, die einen freizügigeren Umgang mit Sexualität versprachen. 2016 ermöglichte eine Crowdfunding-Kampagne, dass sowohl die deutsche Fassung als auch das Original restauriert wurden und auf DVD erhältlich sind. Behrang Samsami

R

Reisewarnung Mitten im angeblich lauschigen Pippi-Langstrumpf-Land (Småland) hatten mein Mann und ich einmal ein Urlaubshäuschen gemietet. Das lag völlig abgeschieden in einem finsteren, trostlosen Wald. Zwei Wochen lang kam da kein Mensch vorbei, bis auf einmal spät abends, es war schon finster. Der Mann brachte gerade unsere kleine Tochter ins Bett, ich saß vor dem Haus (➝ Tabak), als plötzlich durchs Unterholz zwei finstere Typen auf mich zu liefen.

Mir war sofort klar, dass es sich nur um Wallandersche Serienmörder handeln konnte und mein Leben nun zu Ende war. Schockstarr saß ich da, während die Typen schnell immer näher kamen. Als sie bei mir angelangt waren, metzelten sie mich allerdings nicht ab, sondern sagten „Hej“, bogen ab und liefen weiter. Das war das Unheimlichste, was ich je erlebt habe. Mein Mann erklärte mir nachher, die beiden hätten sich sicher auf einem der in Schweden beliebten Orientierungsläufe befunden. Susanne Berkenheger

Riots Kaum hatte US-Präsident Donald Trump über Schwedens angebliche Immigrationsprobleme getwittert, sollte ihm ein Ereignis Recht geben. Zwei Tage nach dem ominösen Tweet kam es im Stockholmer Stadtteil Rinkeby zum Riot. Im migrantisch geprägten Quartier gingen Jugendliche bei einer Festnahme mit Steinen auf Polizisten (➝ Hass) los. Sie zündeten Autos an und plünderten Geschäfte, drei Menschen wurden verletzt. Das mediale Echo war immens, internationale Presse reiste an; nicht immer aus rein journalistischem Interesse.

Augenzeugen zufolge soll, wie das Magazin The Local berichtet, ein russischer TV-Sender zwei Tage nach dem Riot Jugendliche für „Action“ bezahlt haben. Sie brauchten wohl Bilder – oder wollten das Feuer weiter schüren. Tobias Prüwer

S

Sound Dass die schwedische Volks- und Folkmusik ihren Zauber hat, weiß man, seit sie in den 1970ern den Abba-Sound auf unvergleichlich melancholisch-treibende Weise prägte. Was wäre die Popmusik ohne den Sound of Sweden? Das Land hat die drittgrößte Musikindustrie der Welt. Rami Yacoub, Max Martin und Denniz PoP veredelten seit den 1990er Jahren fast alles, was die Charts befüllt: Céline Dion, Lady Gaga, Backstreet Boys. Britneys Baby One More Time entstand in Stockholm. Später kamen Produzentenstars wie Avicii und originäre Acts wie Lykke Li dazu. Auch sie haben Vorfahren mit Weltruhm – oder wer erinnert sich nicht an Roxette, Ace of Base, Army of Lovers? Susann Sitzler

T

Tabak Zigaretten verboten, zu teuer oder unerwünscht. In Schweden hat man eine Antwort darauf: Oraltabak namens Snus. Verpackt in runden Döschen, die schicker aussehen als Zigarettenschachteln mit Warnhinweisen. Darin: kleine Snus-Portionen, die Teebeuteln ähneln, aber nach Tabak riechen. Aus (luftgetrocknetem) Tabak besteht Snus überwiegend. Die Zellulosebeutel klemmt man sich unter die Unter- oder Oberlippe. Verschwunden ist der Tabak, der für die Konsumenten für einen Zeitraum von 15 bis 60 Minuten Nikotin und Geschmack freisetzt, ohne dass die Außenwelt es mitbekommt. Das Snusen soll nicht nur eine stärkere Wirkung haben als der Zigarettenkonsum, sondern gilt auch als gesundheitlich weniger bedenklich, da der Tabak nicht geraucht wird und dadurch keine anderen Schadstoffe auftreten.

Obwohl das sogar wissenschaftliche Studien belegen, ist Snusen zwar erlaubt, aber der Vertrieb von Snus in der Europäischen Union – bis auf in Schweden (➝ Zone) – verboten. Katharina Fink

Z

Zone Mein schönstes Ferienerlebnis: Schwedeneisbecher, der Name angeblich eine Erfindung von Walter Ulbricht. Von den Freuden des dazugehörenden Eierlikörs erfuhr ich zwar viel später, aber natürlich erlebte ich in meiner schulfreien DDR-Zeit (➝ Dystopie) mehr als Eis mit Apfelmus, Vanilleeis und Sahne. Wie ich auch erst nach der Wende merkte, dass das Dessert eine Zonenerfindung ist. Bis dahin hatte ich ein klares Schwedenbild aus Pippi-Langstrumpf-Lektüre und Volvo-Werbung. Und die schwedischen Gardinen waren auch Zonenkindern ein Begriff. Lustig ist, dass die Schweden sich selbst bei einem Klischeefilm bedienten. Idas sommarvisa gehört dort zu den Sommerferien wie für mich besagter Schwedeneisbecher. Das Lied stammt aus Michel aus Lönneberga und ist so beliebt, dass es am letzten Tag vor den Sommerferien in den Schulen gesungen wird. Tobias Prüwer

06:00 21.03.2017

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