Sex muss sterben

Körper Selbstzerstörung als Selbstermächtigung? Ein neues Rollenbild junger Frauen verbreitet sich in Büchern, Serien und Filmen
Laura Ewert | Ausgabe 48/2019 7
Sex muss sterben
Von „Kids“ zu „Searching Eva“: Jugendliche ohne Schranken und Tabus gehen vielen Drehbuchautoren locker von der Hand

Foto: Ucm.one, Imago Images

Sind die Kids von heute wirklich so übermäßig fertig? Nach vier Minuten wird in Yung das erste Mal gefickt. Die Siebzehnjährige Janaina verkauft eine ihrer Körperöffnungen an einen älteren Mann. Er fragt sie, wie es in der Schule war – und dann zucken seine trockenen Füße am Hotelbettrand. Möglicherweise versteht die „Generation Ritalin“ Gnadenlosigkeit vor sich selbst als Emanzipation. Als Selbstverteidigung gegen geschiedene Eltern oder gegen das popkulturelle Mantra, man könne alles erreichen, bei dem ja immer auch mitschwingt, dass man alles erreichen muss. Vielleicht erzählen aber Filme wie Yung und Searching Eva, Serien wie Euphoria und Bücher wie M oder How to Murder Your Life: A Memoir auch etwas über die Generation ihrer Regisseure und Autoren.

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Die sich, in den 90ern sozialisiert, gemeinsam einsam im Rausch verfing und in historischen Fixpunkten Stichworte, aber kaum Handlungsanweisungen erkennen konnte. Keine Rebellion und auch keine Utopie, die über die Schicksalsgemeinschaft bei Sonnenaufgang hinausging, aus der man irgendwann als einzelner Gewinner herauszutreten hoffte. Drogen wurden in Verteidigungshaltung genommen, denn nur so gelingt die Abspaltung in sich selbst. Da hat sich nicht viel verändert.

Yung ist das Spielfilmdebüt von Henning Gronkowski, Anfang 30 und Zögling der Münchner Regisseur-Legende Klaus Lemke, der Gronkowski nur den „Teenager“ nennt, seitdem er ihm mit 17 seine erste Rolle gab. Sein Film soll nun Teenagern ein Denkmal setzen. Und zum Denken zwingt er – denn er ist eben nur einer von gleich mehreren aktuellen Kulturprodukten, die den Drogen- und Sexabfuck der heutigen Jugend idealisieren.

Es ist alles so krass, dass ...

Wäre man noch zu schocken, müsste man sich Yung in etwa so shocking vorstellen wie Kids, den Sex- und Drogenfilm der 1990er. Nur in Berlin, nur ohne HIV und mit anderen Substanzen. In beiden Filmen verschwimmen gespieltes und realistisches Drogennehmen. Nun scheint GHB der Stoff der Stunde, ein Lösungsmittel über das viel geraunt wird, das falsch angewandt durchaus tödlich sein kann und das die jungen Abiturientinnen hier zum Frühstück nehmen, um anschließend die ausgelöste Geilheit auszuleben. Oder S-Bahn zu fahren. Janaina unterstützt ihre alleinerziehende Mutter, indem sie für Geld vor der Webcam kommt; und Joy verkauft Drogen, Emmy ist süchtig. Es wird gesucht. Und gesucht. Nach Freundschaft, Liebe vielleicht. Aufregung, sagen die einen. Grenzen, die anderen. Von den großartigen Protagonistinnen, mit denen Gronkowski sein Drehbuch entwickelt hat, erfuhr er, dass es das wirklich gibt: Jugendliche, die sich ohne Not prostituieren. Die permanent druff sind und nebenbei das Abitur machen. Nach den Vorführungen kommen manchmal besorgte Eltern zu ihm.

Was soll er ihnen sagen? Meist funktioniert es doch mit dem Abitur. Das Drastische verstört zum einen, weil die Konsequenzen der Jugend besorgniserregend egal sind, zum anderen, weil man sich an die Erzählung der weiblichen Erbarmungslosigkeit gegen den eigenen Körper noch nicht gewöhnt hat. Heute wird nicht mehr ausgehalten, wie Mädchen und Frauen das bis vor ein paar Jahren für lange Zeit gemacht haben, sondern der Schmerz wird geradezu anvisiert. Hinein in die Zentrale der Verletzlichkeit, dem letzten Ort, an dem noch was abgeht. Denn die Desensibilisierung steht hier nicht am Ende, sondern immer schon ganz am Anfang der erzählten Geschichten.

Die Darstellerinnen von Yung bingewatchen im echten Leben vermutlich auch die US-Serie Euphoria, die für HBO produziert wurde und gerade ständig empfohlen wird. Auch da geht es um Mädchenfreundschaft, Drogen und Sex. In schönster Instagram-Optik wird gezeigt, wie Kinder bunte Pillen verticken, ein Trans-Girl verstörend gewaltvollen Sex mit dem Vater des hotten Footballers hat und die 17-jährige Rue gar keine Motivation zeigt, von ihrer Drogensucht wegzukommen. Sie bleibt auf der Suche nach der perfekten Selbstmedikation, weil sie schon als Kind mit allerhand modernen Krankheiten überdiagnostiziert und Mitteln vollgestopft wurde. Es ist alles so krass, es nervt fast.

Denn jung zu sein, war eigentlich schon immer auch furchtbar. 1995 erschien Kids. Seitdem hat sich etwas getan. Damals war der Vergewaltiger ein Unsympath. „Ich bin’s nur, Casper“ – diese geflüsterten Worte lösen immer noch Übelkeit bei denen aus, die den Film als Mädchen sahen. Bei Yung ist es ein zunächst reflektiert erscheinender Junge, der dann das im Drogenrausch dämmernde Mädchen vergewaltigt. Das wirkt wie eine realistischere Einschätzung der Gefahrenlage. Es gibt eine Szene in Euphoria, in der kommen 30 Penisse vor, die Bedrohung durch männliche Sexualität wird spürbar.

In beiden Werken stehen nun die Mädchen im Zentrum. Mädchen einer Generation, die weiß, dass es kein Jungfernhäutchen gibt und dass Geschlechtsverkehr kein Aushalten sein muss. Während Frauen zwischen 30 und 40 sich gerade in allerlei Sachbüchern erklären lassen, dass sie Verlangen haben dürfen, lernen, dass die Klitoris ein recht großes Organ ist, dass sie #metoo twittern können und auch „Nein“ sagen müssen, erficken sich junge Frauen selbstverständlicher ihre Identität. Mit Mädchen, mit Jungen, mit allem dazwischen. Auf Partys oder auf Video. Explizite Sprache gehört dabei unbedingt dazu, weil sie die progressive Tätigkeit beschreibt. Ersexen, erbeischlafen ist es nicht, sondern ein demonstratives Sichaussetzen, dem mit Selbstverständlichkeit nachgegangen wird. Und vielleicht müssen Frauen mit ihrem, historisch ja erst seit kurzem, offen selbst beobachteten Sextrieb erbarmungslos umgehen, um – so die Happy-End-Hoffnung – dem Sextrieb der Männer endlich angemessen gegenüberzutreten.

Die vögelnde Frau wird uns jedenfalls noch ein bisschen begleiten. Im englischsprachigen Raum erschien sie etwa in Cat Marnells Roman mit dem sprechenden Titel How to Murder Your Life: A Memoir. In M, einem Roman von Anna Gien und Marlene Stark, Anfang 2019 erschienen, prescht ein weiblicher DJ mit Umschnallpenis durch die Berliner Kunst- und Rumswelt. Die Tour de Fuck als Provokationspose, doch es ist ja auch im echten Berlin so: Die junge Künstlerin von heute geht auf Sexpositiv-Partys. Wird vom Galeristen an den Hintern gefasst. Und muss dann eben zurückficken.

... es einen fast schon nervt

Einem ähnlichen Milieu entstammt die Hauptfigur eines weiteren aktuellen Kinofilms, und sie zeigt ebenfalls diese recht angesagte Frauenfigur mit bis zur Selbstzerstörung reichenden Selbstermächtigung. Searching Eva kommt in Gestalt einer Dokumentation daher, arbeitet mit Inszenierung und Autofiktion. Es geht um die Mitte 20-jährige Bloggerin und Sexarbeiterin Eva Collé, die, seitdem sie 14 war, ihr feministisch geprägtes Leben zwischen Scheideninfektion und Spritzensetzen im Internet mit Bildern und schlauen Texten inszeniert. Mit 17 zog sie aus, weil ihr Vater sie schlug, nachdem sie ihm eröffnet hatte, dass sie Prostituierte werden würde, weil das System sie eh ficke.

„Sex muss sterben“, hat sich Eva in die Haut tätowiert. Mit 16 steckte ihr ein Freund der Familie seinen Schwanz in den After. Sie dachte, es sei ihre Schuld, sie hätte es wissen müssen. Autorin und Regisseurin Pia Hellenthal – ebenfalls Anfang 30 – zeigt, wie Evas Mutter sexy Fotos von ihr im Kinderbett macht, wie Eva in Berlin von Wohnung zu Wohnung zieht, nur mit Koffer und Katze. Eva bekommt Hasskommentare und Mails mit Bekenntnissen von jungen Frauen. Eva soll zu Pussys und Schamhaar beraten. Sie, die sich ihren Namen, wie ihr Geschlecht aussucht, schreibt über Patriarchat und Kapitalismus, fährt zu Freiern und macht Selfies, Selfies, Selfies.

Und natürlich findet der Film Eva nicht. Aber vielleicht findet auch Eva Eva gar nicht. Weil Frauen durch die andauernden Bewertungen, denen sie ausgesetzt sind, gelernt haben, falsche Fährten zu legen. Je schlechter es geht, desto interessanter wirkt das Social-Media-Profil. Posten für den Machterhalt. Ein Filter auf das Selbst.

In diesem Moment gleichen sich alle hier vorgestellten Figuren. Sexpositiv wird zum Statusmerkmal wie Sportswear. Prekariatsromantik zum Teil der brachial-authentischen Identität. In den letzten Szenen von Yung sitzen die Jugendlichen bei ihren Familien. Rauchend in der Küche mit Mama, kuschelnd auf dem Sofa vor dem Bildschirm. Es ist offensichtlich, wovor sie weglaufen. Vor der ganzen Überforderung durch das okaye Leben halt. Vielleicht schaut man also lieber, wo sie hinlaufen und ob sie ankommen.

Laura Ewert, geb. 1982, Mitautorin von Schluss jetzt. Von der Freiheit sich zu trennen, ist leider immer öfter zu müde für den Exzess der Jugend

06:00 24.12.2019

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