Sicherheitsgurt anlegen

China Die heftigen Börsenturbulenzen lassen ahnen, was uns erwartet, wenn die Volksrepublik weiter schwächelt
Michael Krätke | Ausgabe 02/2016 7
Sicherheitsgurt anlegen
Konjunkturbedingt kommt VW in China nicht immer wie gewünscht ans Ziel
Foto: China Photos/Getty Images

Zum zweiten Mal innerhalb eines halben Jahres haben die chinesischen Börsen in Schanghai und Shenzhen einen Crash hingelegt, der zum weltweiten Börsenbeben führte. Die Erschütterung ließ von Hongkong über Tokio, New York, London und Frankfurt die Kurse in den Keller rauschen. Unter den Finanzinvestoren kursierte die beklemmende Frage: Was wird aus der Weltwirtschaft, wenn die bisherige Lokomotive nicht nur schwächelt, sondern womöglich ganz ausfällt. Die Sorge ist berechtigt, denn die Börsen in der Volksrepublik sind nach wie vor fest in chinesischer Hand, externe Spekulanten haben dort nur am Rande etwas zu melden. Seit einem Jahr gibt es eine Kooperation zwischen den Aktienhändlern in Schanghai und Hongkong. Das heißt, chinesische Investoren können seither ausländische Aktien erwerben, und ausländische Anleger dürfen chinesische Werte kaufen. Allerdings nur in Maßen, der Handel bleibt an Quoten gebunden und strikt reguliert.

Billionen-Reserve

Zu strikt, wie westliche Finanzmakler meinen. Davon lässt sich die Regierung in Peking nicht beirren – nach den Turbulenzen vom Sommer und zum Jahreswechsel hat sie für Hunderte von Wertpapieren jeden Transfer vorläufig ausgesetzt. Institutionellen Großanlegern, die mehr als fünf Prozent der Aktien an einem Unternehmen halten, wurde für sechs Monate der Verkauf dieser Papiere untersagt; die Frist ist erst zu Beginn der Woche abgelaufen. Dazu wurde den Börsen eine automatische Notbremse verpasst, Das heißt, schwankt der nationale Börsenindex CSI 300 (auch: Hushen 300 Index) um fünf Prozent, müssen die Aktienhändler eine Viertelstunde pausieren, schwankt er um mehr als sieben Prozent, wird der Handel für den Rest des Tages beendet. Genau das ist in der vergangenen Woche zweimal hintereinander – am Montag und Donnerstag – passiert. Massive Stützungskäufe konnten nichts mehr ausrichten. Als sich der zweite Kurssturz abzeichnete, wurde der Wertpapierhandel schon nach 29 Minuten ausgesetzt.

Offensichtlich hat der Mechanismus zur Notbremsung, der weit schärfer eingestellt ist als vergleichbare Alarmsysteme in London oder New York, den Kurssturz beschleunigt. Anlass war die Aussicht auf massive Verkäufe nach Ablauf der halbjährigen Sperrfrist Anfang dieser Woche. Doch liegt der Grund für die Unruhe mitnichten in den Selbstschutzmechanismen. Auch dass die chinesische Zentralbank den Yuan weiter kontrolliert abzuwerten versucht, ist kein zureichender Grund für den Trend zum Crash.

Ökonomische Eckdaten

Wachstum Bruttoinlandsprodukt 2015 6,8 % (Vorjahr: 7,3 %)

Bruttoinlandsprodukt 2014 absolut 17,6 Billionen Dollar (USA: 17,4 Billionen Dollar)

Bruttoinlandsprodukt 2014 pro Kopf 6.902 Dollar

Militärbudget 2015129,4 Milliarden Dollar

Inflationsrate 2015 (Jahresschnitt)2,5 Prozent

Arbeitslosenquote 2015 (Jahresschnitt) 4,2 Prozent

Für die Kapitalabflüsse aus dem Reich der Mitte – gut 140 Milliarden Dollar allein im Dezember – trifft das schon eher zu. Die Abkehr der Anleger beschleunigt sich, seit in den USA die Zentralbank Fed die oft prophezeite Zinswende eingeläutet hat. Seit August 2015 bemüht sich das chinesische Pendant, den Yuan-Kurs zu stabilisieren und lässt sich das viel kosten. Dadurch sind die Devisenreserven der Zentralbank um 513 Milliarden Dollar geschrumpft auf noch respektable 3,3 Billionen, kein Grund zur Panik also.

Ergibt der sich stattdessen aus dem Einkaufsmanagerindex für die Industrie? Seit zehn Monaten vollführt der einen Sinkflug, was auf ein leichtes Schrumpfen in fast allen Branchen hindeutet. Grund zur Sorge müssen vor allem einheimische Investoren haben, wenn sie sich vergegenwärtigen, dass die Arbeitskämpfe in der Exportindustrie, im Bergbau und Bauwesen kaum mehr einzudämmen sind. Chinas Erwerbsbevölkerung nahm im Vorjahr um 3,5 Millionen Menschen ab, worin sich Entlassungen und harte Verteilungskonflikte spiegeln. Es wird um höhere Löhne gekämpft, während die Arbeitskosten steigen und der Welthandel stagniert.

So viel steht fest: Chinas Aktionäre haben in der Masse seit Sommer 2015 Verluste von gut drei Billionen Dollar hinnehmen müssen. Nach der Börsenrallye von 2014 traf die Korrektur besonders Kleinanleger, die dem Werben der Regierung erbötig gefolgt waren und Ersparnisse in chinesische Aktien steckten. Diese Klientel hat viel Geld eingebüßt, sodass sich die Bankrotte unter kleinen Geschäftsleuten in den Küstenmetropolen häufen. Ungeachtet dessen wird aus dem Ruin von Millionen kleinen Sparern keine Bankenkrise folgen. Ihre Aktienkäufe waren nicht kreditfinanziert

Mega-Schulden

Weitaus bedrohlicher ist das Ende des Immobilienbooms. Etwa 15 Prozent des chinesischen Bruttoinlandsprodukts (BIP) hängen direkt vom Wohnungsmarkt ab, ein extrem hoher Wert, deutlich höher als zu den Hochzeiten des Immobilienbooms in den USA, in Großbritannien oder Spanien. Seit der Immobilienmarkt in den späten 90er Jahren liberalisiert wurde, kannten Chinas Hausbesitzer nur steigende Preise. Für die Privatvermögen wurden Immobilien – nicht Geld oder Wertpapiere – ganz klar zum Fundament. Jetzt aber fallen die Preise für Häuser und Appartements fast überall (außer in einigen Vierteln von Beijing und Schanghai, wo aber weniger als 3,5 Prozent der Bevölkerung leben). Da Chinesen Häuser bar oder in wenigen großen Raten bezahlen, wird eine lahmende Immobiliennachfrage keine Bankenkrise auslösen, aber einer überdimensionierten Bauwirtschaft samt Zulieferern zusetzen. Überdies zeichnet sich eine flächendeckende Haushaltskrise der Kommunen ab, die sich zu zwei Dritteln aus Einnahmen finanzieren, wie sie der Verkauf von Landnutzungsrechten an Privatleute einbringt. Diese Einkünfte gehen nun verloren.

Als Krisenfaktoren hinzu kommen die mittlerweile immensen Verschuldungsquoten. Es sind bevorzugt Unternehmen, die bis zur Halskrause in Verbindlichkeiten stecken. Seit 2012 ist diese Form der Privatverschuldung im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt höher als die US-amerikanische, seit 2014 auch als die japanische, und nähert sich 200 Prozent des BIP. Seit 2013 ist die Verschuldung chinesischer Firmen, auch die in staatlichem Eigentum, im Schnitt schneller und stärker gestiegen, als das bei vergleichbaren US-Unternehmen der Fall war. Ein rasch wachsender Anteil bei diesen Lasten sind Auslandsschulden, da die Regierung chinesischen Unternehmen den Zugang zum internationalen Kapitalmarkt längst nicht mehr verwehrt. Folglich ist Chinas ökonomisches System heute weit anfälliger für die Folgen von Finanzmarktkrisen, als das noch 2008/09 zutraf.

Keine Frage, das Muster, auf Exportwachstum um jeden Preis zu setzen, stößt derzeit an innere und äußere Grenzen. Seit einiger Zeit schon versucht die Regierung von Premier Li Keqiang ihr bislang so erfolgreiches Modell umzubauen: Künftig soll das (insgesamt geringere) Wachstum weniger von der Exportindustrie und mehr von den für den Binnenmarkt produzierenden Branchen – etwa einem expandierenden Dienstleistungssektor – kommen.

Damit setzt China nicht nur europäische und amerikanische Direktinvestoren, allen voran die so erfolgreichen deutschen Autobauer, unter Druck. Noch härter sind die Konsequenzen für die Nachbarländer in Ost- und Südostasien, die vom chinesischen Dauerboom mitgezogen wurden und von Importen aus China abhängig sind. Schrumpft dort die Bauwirtschaft, bekommen das die mit ihr verklammerten japanischen, südkoreanischen, thailändischen oder taiwanesischen Unternehmen sofort zu spüren.

Allerdings kostet ein Kurswechsel in China Zeit und sehr viel Geld. Er dürfte kaum ohne manche Eruption bis hin zur großen Krise abgehen. Dabei fällt nicht nur die Übervölkerung der Großstädte ins Gewicht, die an ihrem Verkehr zu ersticken drohen. Die urbane Mittelklasse wird einen Großteil ihres gerade erworbenen Reichtums wieder verlieren und bisheriger Konsumfreude abschwören müssen. Was das für die innere Stabilität verheißt, scheint absehbar, zumal der Abbau gewaltiger Überkapazitäten in der Industrie bis in die Mitte der Gesellschaft hinein geltende Sozialstandards tangieren wird. Mit dem Zustrom wohlfeiler Arbeitskräfte vom Land, die sich für Dumpinglöhne verdingen, ist nicht länger zu rechnen. Die Strategie, dank eines Aktien- und Immobilienbooms (künstlich durch Staatshilfen erzeugt und in Gang gehalten) den Umbau zu flankieren, hat ausgesorgt. Dass in China große Börsen innerhalb einer Woche zweimal geschlossen werden, signalisiert den Einstieg in ein Krisenjahr. Für die Weltwirtschaft im Jahre 2016 gilt: Fasten your seatbelts!

06:00 27.01.2016

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