So geht der Move

Porträt Kassandra Wedel ist gehörlos. In ihren Choreografien verbindet sie Sprachlosigkeit und Sprache. Jetzt hat sie den TV-Wettbewerb "Deutschland tanzt!" gewonnen
Delia Friess | Ausgabe 46/2016
So geht der Move
„Meine Welt ist ganz und gar nicht still“

Foto: Tanja Kernweiss für der Freitag

Sie ist ein Mensch, nach dem die Leute sich gleich umdrehen. Sofort ist da eine gewisse Präsenz, wenn die zierliche Frau mit den langen roten Locken einen Raum betritt. Dieses Mal begegne ich Kassandra Wedel in ihrem Tanzstudio in der Münchner Sonnenstraße, einem großen verspiegelten Saal mit parkettiertem Boden. Der Geruch von Sport und von großer Bühne liegt in der Luft.

Vor unserem Gespräch tanzt Kassandra Wedel hier gerade noch eine Runde Freestyle. Sie gleitet über das Parkett, bewegt sich im Moonwalk, den Michael Jackson einst erfand: Die Beine täuschen das Vorwärtslaufen vor, während Wedel sich tatsächlich rückwärts bewegt. Zwischendrin biegt sie ihren Körper zu athletischen Figuren. Mal scheint es dann, als würden elektrische Wellen durch ihren Körper gleiten, und sie bewegt sich ruckhaft, abgehackt – dann führt sie mit den Armen wieder ganz weiche, synchrone Bewegungen aus. Im Studio ist es unterdessen still. Sie brauche keine Musik, um zu tanzen, sagt Wedel schließlich. Sie habe die Musik im Herzen.

Später, als wir in einem Café im Innenhof des Innenstadtgebäudes sitzen, erklärt mir die 32-Jährige einen bestimmten Move: Sie spannt ihre Hände abwechselnd an und lässt sie wieder locker – das war es in diesem Fall schon. „Popping heißt das.“ Und sie erklärt: „Hip-Hop ist vielseitig, es gibt sehr viele verschiedene Stile darin, nicht nur in der Musik, sondern eben auch beim Tanzen. Manchmal sind die Bewegungen auch einfach ein bisschen witzig.“

Freiheit in der Bewegung

Wedel hat derzeit viele Interviewanfragen, es läuft gut für sie: Gerade kommt sie vom Training für die ProSieben-Show Deutschland tanzt!. 2017 ist sie an der Oper Wuppertal und an den Kammerspielen München engagiert. Auch im Tatort war sie schon zu sehen. Und sie ist eben eine der besten Hip-Hop-Tänzerinnen der Welt. Mehrfach belegte sie bei internationalen Meisterschaften den ersten Platz.

Seit ihrem dritten Lebensjahr tanzt sie Ballett, später kamen Modern und Contemporary Dance dazu. Was man ihr nicht ansieht: Mit knapp vier Jahren verlor sie ihr Gehör, bei einem Autounfall. Aber das habe sie nie am Tanzen gehindert – im Gegenteil, betont sie. Beim Tanzen habe sie immer kreativ sein können. „Wenn ich tanze, dann fühle ich mich frei.“ Das sei besonders in ihrer Kindheit wichtig gewesen, als sie noch zur Schule ging und dort aufgrund ihrer Gehörlosigkeit benachteiligt war. Sie habe im Unterricht eben nicht immer alles mitbekommen und musste deshalb zu Hause vieles nachlernen, wie sie erklärt

Das Mädchen wächst bei seiner Mutter auf, in Hessen und München. In der ersten Zeit, direkt nach dem Unfall, bleibt ihre Gehörlosigkeit gänzlich unbemerkt. Weil das Kind schnell lernt, von den Lippen anderer Menschen abzulesen. Als der Verlust ihrer Hörfähigkeit entdeckt wurde, gingen Ärzte zunächst von Schwerhörigkeit aus. Es folgten etliche Versuche mit Hörgeräten.

Während unseres Gesprächs liest Wedel mir von den Lippen ab. Es funktioniert gut. Manchmal, wenn einer von uns beiden etwas doch nicht ganz klar ist, benutzen wir das Handy oder Stift und Papier, um uns zu verständigen. Nicht alle Gehörlosen wollten oder könnten die Lautsprache sprechen, meint sie. Das liege daran, dass Gehörlose nicht hörten, wie sich das Gesprochene anhöre und sich die Kommunikation mit Hörenden deshalb verkompliziere. Sie selbst spricht jedoch, und wenn sie sich amüsiert oder ärgert, wird sie auch manchmal lauter. „Meine Welt ist ganz und gar nicht still“, erklärt Wedel. Sie nehme den visuellen Lärm in ihrer Umgebung, etwa grelle Lichter, als laut und stressig wahr, so wie Hörende den akustischen Lärm.

Die Suche nach der passenden Schule war eine Odyssee für sie, fast ein Dutzend probierte sie aus, Gymnasien, Schulen für Gehörlose, Klassen nur mit Hörenden, schließlich gemischte Klassen. In der Pubertät entdeckte sie den Hip-Hop und begann in einem Jugendzentrum mit dem Training. „Ich mochte es, weil es von der Straße kam.“ Erst im Laufe der Jahre habe sie dann festgestellt, dass sie nicht schwerhörig sei – sondern gehörlos. Moderne Cochlea-Implantate können Funktionen der beschädigten Teile des Innenohrs (der Cochlea) übernehmen. Dennoch trägt Wedel heute keine Hörhilfen mehr. Ihre Erfahrungen damit waren nicht gut. „Hörhilfen machen Gehörlose nicht automatisch hörend. Ich habe stattdessen Laute und Musik verzerrt wahrgenommen“, sagt sie. Dann lieber ohne das Gerät im Ohr.

Sprachliche Vielfalt

31 nationale und regionale Gebärdensprachen gibt es in der Europäischen Union. Die Zahl der gesprochenen Amtssprachen beträgt 24. Um über die Forderung nach der vollen Anerkennung von Gebärdensprachen zu debattieren, hatte Helga Stevens, Abgeordnete des Europaparlaments und gehörlos, Ende September nach Brüssel zur Konferenz „Multilingualismus und gleiche Rechte in der EU: Die Rolle der Gebärdensprache“ geladen.

Eine Forderung dort: Den Mangel an Gebärdensprachdolmetscherinnen endlich zu beheben. Hierzulande ist die Deutsche Gebärdensprache (DGS) erst seit 2002 als eigenständige Sprache gesetzlich anerkannt. Bereits seit 1949 gibt es das Deutsche Gehörlosen-Theater in München. Mitte der 1980er Jahre begann es dann, auch Stücke in Gebärdensprache aufzuführen. Es spielen dort ausgebildete Schauspieler und Laiendarstellerinnen. Derzeit plant das Theater seinen Ausbau zu einem Institut zur Förderung der Gebärdensprachkultur nach dem Vorbild des International Visual Theatre in Frankreich oder des Teater Manu in Norwegen. In der freien Szene sind gebärdende Künstler in in den verschiedensten Bereichen aktiv.

Es gibt Chöre, die Konzerte mit Gesang und Gebärde verbinden, und gebärdende Rapper wie den Finnen Signmark oder die Deutsche Deaf Kat Night. In ganz Deutschland finden zudem regelmäßig Deaf-Poetry-Slams und Festivals in Deutscher Gebärdensprache statt. Der Deutsche Gehörlosen-Bund, die Deutsche Gehörlosen-Jugend und die Deutsche Gehörlosen-Zeitung informieren regelmäßig über Events und Themen der Gebärdensprachkultur

Wedel ist multilingual: Sie spricht neben der deutschen auch noch die englische Lautsprache, außerdem die deutsche sowie die internationale Gebärdensprache. Und die Musik? Die nehme sie über die Vibrationen der Bässe wahr, über die Haut, über den Körper als Resonanzraum, erklärt sie. Eben diesen körperlichen Zugang zu Klängen – und schließlich zur Bewegung – unterrichtet sie in der Tanzgruppe „Nikita Dance Crew“. Die 32-Jährige trainiert darin gehörlose, schwerhörige und hörende Tänzerinnen und Tänzer. Und sie entwickelt Choreografien. Die Gruppe hat Auftritte in ganz Europa, in diesem Herbst etwa auf der Deaf Fashion Week in Rumänien.

Dass Kassandra Wedel ehrgeizig ist, eine Perfektionistin, zeigt sich etwa daran, dass sich unser Gesprächstermin mehrmals verschoben hat: Das Training geht vor, immer. Die Choreografien bei „Nikita“ sind perfekt durchkomponiert, jede Bewegung der Crew sitzt. Trotz der absolut synchronen, oft roboterhaft wirkenden Bewegungen wirkt es in vielen Momenten ihrer Shows fast so, als ob sich die Tänzerinnen in ihren weiten Baggy Pants auf der Bühne frei tanzen.

Vor unserem Gespräch in München war ich Wedel schon einmal begegnet. Das war im Sommer, im Heimathafen Neukölln in Berlin, während des Pop-Kultur-Festivals. Dort diskutierte sie mit anderen in dem Panel „Freaks, Cyborgs und Prototypes – Über Popkultur und Behinderung“ darüber, ob und wie normative Körperbilder, neuartige, futuristische Entwürfe von Körperlichkeit und Diskriminierungsmechanismen zusammenhängen. Auch dort ging es um Hörhilfen – und Wedel machte in jener Diskussionsrunde klar, dass Technologien wie Cochlea-Implantate keineswegs von allen Gehörlosen als wirksam oder gar positiv erlebt werden.

Körperpolitik

Auch der Begriff „Cyborg“ fiel in jenem Berliner Panel, und die sogenannte Human-Enhancement-Bewegung wurde höchst kontrovers diskutiert. „Enhancement“ bedeutet so viel wie Erhöhung, Verbesserung. Auf den Menschen bezogen: die Steigerung von Leistungskraft. Und die funktioniert mit Hilfe von bestimmten Stoffen oder Technologien nun mal besonders gut, finden die Anhänger dieser Strömung . Kritikerinnen – zu denen auch Kassandra Wedel zählt – stören sich an der Idee des konstant zu verbessernden Menschen. Auch weil dieser Zugang an die Vorstellung eines „Übermenschen“ erinnert, letztlich an faschistisches Gedankengut.

Die politische Auseinandersetzung mit Körperlichkeit findet sich auch in Wedels Kunst wieder. Sprachlosigkeit und Sprache, Kontrollverlust und Körperbeherrschung – scheinbar konträre Themen fusionieren in ihrer Arbeit, etwa indem sie Gebärdensprache in ihre Choreografien einfließen lässt. Dabei zeigt sie auch, wie ästhetisch diese Sprache sein kann, und eröffnet damit quasi einen interdisziplinären Dialog der Künste. Für ihr nicht-gebärdendes Publikum ist die Sprache auf den ersten Blick zwar nicht zugänglich, das ästhetische Erlebnis weckt bei vielen aber Neugier – und baut so Brücken zwischen Hörenden und Nichthörenden, der Gebärdensprachcommunity, wie Wedel es nennt.

Technische Hörhilfen sind heute oft so gestaltet, dass sie der Umwelt kaum oder gar nicht auffallen. Warum aber sollte ein Mensch, der nur schwer hören kann, das verstecken? Dass die Geräte gegenüber der Gebärdensprache noch immer bevorzugt behandelt werden, stört Wedel massiv. „Erst mit einem Gebärdensprachdolmetscher habe ich auch in der Schule und in der Universität alles mitbekommen“, sagt sie. Um den Dolmetscher endlich bewilligt zu bekommen, habe sie erst etliche Anträge bei ihrer Krankenkasse stellen müssen. Denn erst seit 2002 ist die Deutsche Gebärdensprache (DGS) als eigenständige Sprache vor dem Gesetz anerkannt.

Das Verhältnis von Hörenden und Nichthörenden in der Gesellschaft begreift Wedel ohnehin klar als Machtgefälle. Es zeigt sich im alltäglichen Leben genauso wie in der Kultur, im Theater und im Fernsehen. Wedel fordert etwa für das Kino und das Fernsehen mehr Untertitel. „Am besten ein- und ausschaltbar, je nach Bedarf.“ Wie allen Menschen steht auch Gehörlosen der ungehinderte Zugang zu Informationen und Medien zu. Doch eine Studie der Medienanstalten und Aktion Mensch belegt, dass 86 Prozent der Gehörlosen dem Fernsehprogramm gelegentlich bis sehr oft nicht folgen können. Nur rund acht Prozent der Sendungen sind untertitelt. Und dass gar ein Theater über der Bühne Obertitel für Gehörlose auf einem Schriftband mitlaufen lässt, kommt so gut wie nie vor. Von vielen Diskursen seien Gehörlose damit ausgeschlossen, kritisiert Wedel.

Zwar bekommt das Thema Inklusion inzwischen deutlich mehr Aufmerksamkeit in Deutschland – allerdings seien bis heute kaum gehörlose Künstlerinnen etwa im Fernsehen vertreten. Sie selbst ist eine Ausnahme: Anfang 2016 spielte Wedel im Saarbrücker Tatort Totenstille mit. Ihre Rolle: eine gehörlose Tänzerin. In München ist sie im Ensemble des Deutschen Gehörlosen-Theaters seit 2014 in Alice im Wunderland zu sehen, in der Hauptrolle. Die Inszenierung dieses Kindertheaterstücks ist auch als Forderung nach Frühförderung von Gebärdensprachen zu begreifen. Das Deutsche Gehörlosen-Theater zeigt Inszenierungen in Gebärdensprache – mit Obertiteln oder mit lautsprachlichen Übersetzungen durch hörende Schattenschauspieler.

Seit Oktober spielt Kassandra Wedel in München auch in Carlo Goldonis Diener zweier Herren mit, einem Klassiker der Comedia dell’ Arte, der prekäre Arbeitsbedingungen thematisiert. Regie führt die hörende Regisseurin Zoe Xanthopoulou aus Athen. Angeleitet von der gehörlosen Dramaturgin Elisabeth Kaufmann, haben die Schauspielerinnen und Schauspieler gemeinsam an einer Übersetzung des Stückes in die Gebärdensprache gearbeitet. Ein spannender Prozess sei das gewesen, erzählt Wedel. Und die harten politischen Themen – etwa der mühsame Kampf um Barrierefreiheit – werden in der Inszenierung humorvoll aufgegriffen, etwa wenn die Figur des Doktor Lombardi Sätze auf Latein sagt, und alle anderen Schauspieler, die diese Sprache nicht verstehen, nach vorne an den Bühnenrand gehen, um die dazugehörigen Obertitel zu lesen.

Ob am Theater, auf der Hip-Hop-Bühne oder – seit vergangenem Samstag – in der Fernseh-Primetime bei Deutschland tanzt!: Mit ihrer Arbeit zeigt Wedel auf, warum es so wichtig ist, dass Gebärdensprache auch im Kulturbetrieb vertreten ist – und das hoffentlich eines Tages nicht mehr nur als sogenannte Nischenkunst.

Delia Friess beschäftigt sich als Journalistin mit verschiedenen Formen der Diskriminierung

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