Sophies Insta-Welt

Weiße Rose Taugen soziale Medien zur Aufbereitung von Erinnerungskultur? Das Projekt @ichbinsophiescholl ist zu Recht umstritten
Sophies Insta-Welt
Instagram-Stories mit Abstimmungs-Tool: Kann Geschichte so wirklich vermittelt werden?

Screenshots: @ichbinsophiescholl/Instagram Stories

Mit schweren Themen und der Übertragung von einem Medium ins andere ist das so eine Sache. Schwere Themen, das sind solche, die keine Ironisierung, keine Karnevalisierung und keine Manipulation erlauben. Man kann zum Beispiel Witze über Adolf Hitler machen und seine Karikatur in einem Videospiel auftreten lassen, das ist eine Geschmacksfrage. Nicht hingegen kann man eine Abbildung eines Konzentrationslagers beliebig verschieben. Wie obszön der Gebrauch von „Judensternen“ und anderen Zeichen der NS-Verbrechen unter Corona-Leugnern ist, das geht über die Fragen nach Meinungsfreiheit et cetera hinaus. Opfer müssen auch noch im kulturellen Gedächtnis bewahrt und geschützt werden. Die Erinnerung an die Widerstandskämpferin Sophie Scholl wurde Film, wurde Namensgebung für Schulen und Straßen, wurde Roman, wurde Briefmarke, wurde Comic beziehungsweise Graphic Novel. Warum also nicht auch Instagram-Angebot? Was die Erinnerungskultur anbelangt, so scheint es dringlicher denn je, sie von Entleerung und Versteinerung zu befreien.

Anlässlich des 100. Geburtstags von Sophie Scholl trifft ein von den ARD-Sendern SWR und BR betreutes Projekt die Schnittfläche von Erinnerungskultur und jugendlichem Zeitgeist. Oder auch nicht. Instagram ist das Medium der Zeit, mehr oder weniger. Freilich: Die Notwendigkeit einer Ausbreitung von Aufklärung und Bewusstsein auch in den „sozialen Medien“ trifft auf ein wahrlich nicht unberechtigtes Misstrauen gegen deren politische Ökonomie und gegen die Geschichte ihres Gebrauchs. Sophie Scholl zwischen Kosmetik-Influencern.

Grenzen verschwimmen

Kleine Gedächtnisstütze: Instagram ist ein werbefinanzierter Onlinedienst, auf dem man Fotos und Videos teilen und kommentieren lassen kann, und befindet sich seit 2012 im Besitz von Facebook. Eine Mischung aus Microblog und audiovisueller Plattform, das heißt, alles kann hier (mit)geteilt werden, vorausgesetzt, es ist kurz und kernig. Entscheidend ist wohl das Empfinden von direkter Verbundenheit und Intimität. Auf @ichbinsophiescholl spielt die Schauspielerin Luna Wedler Sophie Scholl, neben Fotografien und Videos aus dem Reenactment von Scholls Alltagsleben stellt sie Zeitdokumente und persönliche Reflexionen ins Netz. Die Versuchsanordnung ist auf den ersten Blick einfach: Was wäre, wenn es zu Sophie Scholls Zeit bereits ein Medium wie Instagram und eine entsprechende Anzahl von Besuchern ihrer Hashtag-Heimstatt gegeben hätte. Stellte sie sich dann wirklich so vor: „Harter Geist, weiches Herz | 21 | Studentin Philosophie & Biologie | Kunst & echter Kaffee“? Zwischen der historischen Darstellung, dem intimen Reenactment und dem Reality-Format jedenfalls verschwimmen die Grenzen. Man adoptiert einander, und am 13. Mai, da die Instagram-Sophie sich über das Einsickern des Rassenwahns in die Biologie-Vorlesung wundert, wendet sich jemand an die Hauptfigur: „Liebe Sophie, sei frei und wild und wunderbar. Lass dir bloß keinen Blödsinn einreden. Es ist eine Schande, dass sich solche Subjekte Professoren nennen dürfen“, und jemand anders möchte sie am liebsten vor dem mehr oder weniger bekannten Ende ihrer Geschichte retten: „Wenn es eine Zeitmaschine geben würde, liebe Sophie, dann würde ich Dir ein Ticket in eine bessere Zeit schicken.“

Die Instagram-Sophie lebt nicht nur in einer merkwürdigen Repräsentation – darstellen, nachleben, sein –, sondern auch in merkwürdigen Anachronismen. Wenn sie tatsächlich ein Medium wie Instagram zur Verfügung gehabt hätte (sie antwortet ja artig), warum sollte sie dann Flugblätter verteilen? Die Metafrage dahinter: Hätte ein Medium wie Instagram die Nazis verhindern können oder wäre es vielmehr, wie die zeitgenössischen Medien auch, als Mittel der Faschisierung eingesetzt worden? Die Instagram-Sophie agiert, paradox genug, was die heutige Situation anbelangt, offenbar in einem Safe Space. Die aus dem realen Raum gewohnten Neonazi-Attacken und Hate Mails sind ausgesperrt. Der Raum des Reenactments ist selber gefahrlos und damit höchst unwirklich. „Abartig, und das in 1942, ich hätte echt gedacht, dass Menschen welche einen Professor Titel besitzen mehr grips haben als so einen Mist zu verbreiten. Es muss endlich was geschehen, die Menschen müssen wachgerüttelt werden! so schnell wie möglich. Ich mein, wo soll das hinführen?“ All diese Widersprüche sind nur auszuhalten, wenn man sich nicht nur auf ein Spiel der Intimisierung, des Anachronismus und der Subjektivierung einlässt, sondern auch auf eines der Infantilisierung. Um mit der Instagram-Sophie kämpfen und leiden zu können, müssen etliche Mechanismen der kritischen Rezeption ausgeschaltet werden. Die Instagram-Sophie-Scholl ist ein imaginary friend, und ihre Wirklichkeit ist am ehesten eine im „Reality“-Format, einschließlich aller möglichen Vor- und Rückprojektionen: „Bodyshaming 1942-Style“.

Instagram-Eintrag, in dem @ichbinsophiescholl sich nach Frieden sehnt

Illustration: SWR/Èdith Carron/Sommerhaus Film

Zehn Monate lang, bis zum 18. Februar 2022, begleitet uns (nach der Beschreibung der Produzenten) „emotionales und radikal subjektives Material“, auf einem Weg, dessen Ende vorgegeben ist, durch die Verhaftung und Ermordung der Mitglieder der Weißen Rose. Dazwischen wird ein privates Leben (bis hin zur Menstruation) ausgebreitet, eine in jeder Hinsicht „real“ person wird moduliert, um die größtmögliche Empathie und Identifikation zu ermöglichen. Wir sind, wie man so sagt, live dabei. Eine Grenzlinie zwischen Mit-Leiden und Voyeurismus ist ebenso wenig zu ziehen wie zwischen Information und Unterhaltung.

Die Fragen, die immer an solchen kulturellen Kipppunkten auftauchen, stellen sich auch hier: Muss das sein? Kann das sein? Darf das sein?

Es gibt gute Gründe für den Gebrauch dieses Mediums, die sich aus der gesellschaftlichen Praxis ergeben:

1. Die mediale „Niederschwelligkeit“ durch die Verwendung populärer Formen kann Menschen erreichen, die sich für bestimmte Stoffe sonst nicht interessieren.

2. Jedes Medium muss von aufklärerischen und demokratischen Impulsen erprobt werden, man darf es weder dem Kommerz noch dem Populismus widerstandslos überlassen.

3. In den alten Medien ist, was zum Thema gesagt werden konnte, auch gesagt worden. Sie haben die ihnen adäquate Halbdistanz erzeugt: Bilder und Erzählungen, die am Ende kanonisiert sind. Aus Konvention, Ritual und Entleerung auszubrechen, ist also ein Gebot der Stunde.

Und es gibt Gründe, die sich aus den Möglichkeiten des Mediums selber ergeben:

1. Die Installation hat den Vorteil, ohne gewaltigen Apparat des make-believe auszukommen. Eine der größten Gefahren der cineastischen und grafischen Rekonstruktion scheint gebannt: die nostalgische Ikonografie.

2. Eine neue Grammatik zwischen Distanz und Identifikation kann erprobt werden.

3. Zuschauer*innen sind Mitautor*innen, soweit es dafür einen Spielraum geben kann, Regie und Drehbuch verlieren ihre absolute Autorität. Regisseur Tom Lass hat mit reduzierten, improvisierten und offenen Formaten Erfahrungen. Es wird und es muss neue Formen der ästhetischen Vermittlung geben.

Zweifellos lassen sich aber auch nicht minder gerechtfertigte Argumente gegen diese Art der Darstellung finden:

1. Schon vergessen? The Medium is the Message. Instagram mag etwas transportieren, gut oder schlecht, doch alles, was Instagram transportiert, dient auch der Instragramisierung des Transportierten.

2. Instagram macht die Welt zu einem Schau-Platz, an dem niemand mehr genau weiß, wer und wo er oder sie eigentlich ist: „Danke Sophie, dass Du Deine Gedanken mit uns teilst!!! Wir stehen hinter Dir!!“

3. Gamification – auch mit einer „erlebnispädagogischen“ Absicht – hat so sehr eine Grenze wie das Reality-Format. Können wir uns den Widerstandskampf der Weißen Rose als Brett- und Würfelspiel vorstellen, die Partisanen-Resistance als Ego-Shooter? Können wir Konzentrationslager-Erfahrungen im Dschungel-Camp-Format nachempfinden? Es gibt offensichtlich Grenzen der Mitmachbarkeit und der Nachspielbarkeit. Für solche Grenzen fehlt derzeit der kulturelle Konsens.

4. Im Instagram-Format erreicht eine Botschaft zwar mehr Menschen, als etwa in einem Theater, in einer Veranstaltung oder in einer Gedenkstätte zu erreichen sind, doch geht dabei zugleich ein Stück des öffentlichen Raums verloren. Wenn Subjektivierung auch Entpolitisierung heißt, ist das Experiment schon gescheitert.

Luna Wedler als Sophie Scholl

Foto: SWR/Rebecca Rütten/Sommerhaus Film

Bei alledem ist also zu fragen, ob eine neue Art des Näherbringens zugleich eine neue Form des Entrückens ist, eine neue Form der Teilhabe zugleich eine neue Form der Verharmlosung, eine neue Form des Mit-Leidens zugleich eine neue Form des Privatisierens. Für eine profunde Kritik ist es noch zu früh, für das Stellen wichtiger Fragen fast schon zu spät.

Wie so oft wächst die Skepsis gegenüber einem ästhetisch-moralischen Unternehmen mit der Hybris seiner Organisatoren. Von einem „digitalen Leuchtturm-Projekt“ spricht die ARD, und es „untermauert den Anspruch, dass öffentlich-rechtliches Programm jenseits von linearen Abspielwegen funktioniert und sich behaupten wird“. Muss Sophie Scholl nun einem Umbau-Projekt der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten hin zu „Entlinearisierung“ und „Emotionalisierung“ dienen? All dies lässt vergessen, dass sich dieses Unternehmen als experimentelles (Kunst?) Projekt anders anfühlen würde denn als mediales Powerplay für einen „Anspruch“, der offensichtlich etwas anderes als Zuspruch gar nicht zulassen will.

Dass es sich dabei um ein Experiment handeln könnte, das, wie alle Experimente, auch scheitern kann, das kommt in dieser Ankündigung gar nicht vor. Und ein solches Scheitern liegt ja mehrfach im Bereich des Möglichen: Die Überführung von Geschichte und Biografie in eine Mischung aus „Reality“-Format und „Doku-Fiction“, dieses „Gelegentliche“ des Dabeiseins und Wieder-Wegseins, als wäre auch der Widerstand der Weißen Rose nur ein Ereignis in der Welt am Draht (mit der man sich Wartezeit und Langeweile vertreibt), die programmatische Subjektivierung und das Infotainment, die absolute Unfähigkeit, zu schweigen und Nicht-Bild-zu-Sein, die Fake-Intimität, die ein Mitmachen ohne Veränderungsmöglichkeit erzeugt … Wie schwer ist es, mit Geschichte umzugehen, wenn man doch schon nicht mehr genau weiß, was Wirklichkeit ist.

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06:00 22.05.2021

Ausgabe 24/2021

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