Sportsgeist

A–Z Künstler werden oft laut, und Sportler funktionieren so leise wie Uhrwerke? Im Prinzip ja, aber längst nicht immer: unser Lexikon der Woche

A

American Football Manchmal erfordert es viel Mut, sich hinzuknien. Das weiß auch Quarterback Colin Kaepernick (siehe auch Freitag 38/16) seit der Preseason der National Football League NFL. Während vor dem Spiel der San Francisco 49ers die Mannschaft stehend mit Hand auf dem Herzen der Nationalhymne lauschte, kniete Kaepernick sich hin. Aus Protest und als Zeichen gegen rassistische Polizeigewalt und für die Black-Lives-Matter-Bewegung. Der Kniefall löste eine nationale Debatte aus. Seine Mutter kritisierte Kaepernick öffentlich für seine Respektlosigkeit. Er erhielt Morddrohungen, Donald Trump riet ihm, das Land zu verlassen, und die Polizeigewerkschaft drohte, bei den Spielen nicht mehr für Sicherheit zu sorgen. Kaepernick fand auch Unterstützung für seine Aktion, Mitspieler folgten seinem Beispiel, und Barack Obama (Black Power) stellte sich hinter ihn. Sein Mut zahlte sich aus: Die Fans zeigten ihre Unterstützung, Kaepernicks Trikot wurde ligaweit zum meistverkauften. Carolina Schwarz

B

Black Power 1968 in Mexiko wurde die Siegerehrung des olympischen 200-Meter-Sprints zum Ereignis. Die schwarzen US-Amerikaner Tommie Smith und John Carlos standen während der Hymne auf den Plätzen eins und drei, den Kopf gesenkt, je eine schwarz behandschuhte Faust in die Höhe gereckt, ohne Schuhe, bloß in schwarzen Socken. Das Foto der Athleten kam auf die Titelseiten und ging um die Welt – nicht nur als Black-Power-Gruß. Smith und Carlos hatten ein Zeichen für die arme afroamerikanische Bevölkerung, gegen Rassismus, für Menschenrechte und für die Arbeiterklasse gesetzt. Im Jahr 1968 wurden sie im Stadion ausgebuht, vom Olympischen Komitee kritisiert und in den USA angefeindet. Erst viel später fand ein Umdenken (Depression) statt. Benjamin Knödler

C

Coming-out Der 1. Mai 2014 war auch für Footballdesinteressierte bedeutsam. An diesem Tag wurde mit Michael Sam der erste bekennende Homosexuelle Spieler der US-amerikanischen Profiliga NFL. Feiern Sportler sonst ihr Coming-out nach Karriere-Ende – wie Fußballer Thomas Hitzlsperger –, machte Sam seine sexuelle Orientierung vor dem Beginn klar. Das werde alles ändern, waren sich die Kommentatoren einig. Vorbei seien die Zeiten, als niemand das Coming-out im Mannschaftssport wagte. Oder der homophobe Druck so groß sein würde wie bei dem Fußballer Justin Fashanu, der sich acht Jahre nach seiner Erklärung erhängte.

Sie sollten sich irren. Sam kam über die Ersatzbank nicht hinaus, spielte in keinem regulären NFL-Spiel. Dem Anschein nach hat die Liga ihn vor allem als Vorzeigeschwulen (Kung-Fu) gezogen. Als Reaktion stellte er sein Privatleben heraus, statt im Training zu glänzen, nahm etwa an der TV-Show Dancing with the Stars teil. Damit liegt die Messlatte künftig hoch: Der nächste sich outende Spieler muss ein Superstar sein. Tobias Prüwer

D

Depression „Fußball darf nicht alles sein“, sagte der damalige DFB-Präsident Theo Zwanziger 2009 bei der Trauerfeier für Torwart Robert Enke. Erst nach seiner Selbsttötung wurde bekannt, dass er an Depressionen litt.

Noch heute gibt es wenige, die öffentlich zu ihrer psychischen Krankheit stehen. Dabei zeigen Untersuchungen, dass Leistungssportler während ihrer Karriere mindestens ein- bis zweimal in die Gefahr eines Erschöpfungszustands oder einer Depression geraten. Die Gesundheit als wichtigster Marktwertfaktor und der öffentliche Druck auf die Superstars – da ist kein Platz für Schwächen. Die Robert-Enke-Stiftung versucht, psychische Krankheiten zu enttabuisieren und über die Depression aufzuklären. Nina Rathke

Doping Wer als Sportler oder Sportlerin des Dopings überführt wird, kann einpacken. Einmal gesperrt, schwinden die Sponsoren, die Karriere ist ruiniert. Umso mutiger, wenn sich Sportler outen. Die Mittelstreckenläuferin Julija Stepanowa ist das derzeit berühmteste Beispiel, obwohl sie weniger sich selbst als einen ganzen Staat anklagt: Vor drei Jahren machte sie das systematische Doping (Coming-out) in Russland öffentlich. Stepanowa beendete damit nicht nur bewusst ihre Karriere, sondern riskierte auch ihre Sicherheit, sie lebt inzwischen in den USA. Russland ist für internationale Leichtathletikwettbewerbe gesperrt und versucht, die Suspendierung aufzuheben. Das ist womöglich vergebens: Seit kurzem gibt es einen neuen Whistleblower, Andrej Dmitriew. Sophie Elmenthaler

H

Helden Es war ein Triumph – nicht des nationalsozialistischen Willens, sondern des Fairplay. Berlin im Sommer 1936. Die Nazis wollen die Olympischen Spiele für ihre Ideologie (Widerstand ) missbrauchen. Deutsche Sportler spielen dabei eine zentrale Rolle, sie sollen siegen und der Welt die Überlegenheit der arischen Rasse vorführen. Eine ihrer großen Hoffnungen heißt Carl Ludwig „Luz“ Long. Groß, blond, ein „Herrenmensch“, tritt Long im Weitsprung gegen den Afroamerikaner Jesse Owens an – und unterliegt. Die Nazis sind entsetzt, auch weil sie mit ansehen müssen, wie Luz Long unter den Augen Adolf Hitlers dem Schwarzen als Erster herzlich gratuliert. Nach der Siegerehrung zieht Long Owens an sich, der sich bei ihm einhakt, und lachend gehen sie gemeinsam ein Stück des Wegs; es wird eine Ehrenrunde für das ikonische Gedächtnis. Behrang Samsami

I

Iran Als er das Wort Iran hörte, war sein erster Gedanke: „Hell, no!“ Aber Gott soll ihm geflüstert haben: „Verlass das Gewohnte, und geh neue Wege.“ Und das tut Kevin Sheppard auch. 2008 entscheidet der US-Basketballer, ein Angebot aus dem Iran, den US-Präsident George W. Bush 2002 mit Irak und Nordkorea zur Achse des Bösen erklärt hat, anzunehmen und eine Saison lang für die Mannschaft des A. S. Schiras zu spielen.

Die Dokumentation The Iran Job (2012) von Till Schauder begleitet den unbedarften, sympathischen Sheppard in einen für ihn anfangs fremden Kosmos, in dem er rasch zum Spielführer seines Teams und zum Liebling der Fans avanciert. Er freundet sich mit drei jungen, selbstbewussten Iranerinnen an, die ihm ihre Welt näherbringen, ihn etwa zum Essen einladen und mit ihm über die Rechte der Frauen im Land diskutieren. Dem Film gelingt es, Sheppards sich verändernden Blick auf den Iran zu zeigen – und dass die Menschen dort nicht viel anders sind als die im Westen. Behrang Samsami

K

Kung-Fu Darf man Rassisten schlagen? Die Frage macht seit dem Faustschlag gegen Anführer der Neuen Rechten in den USA vergangene Woche die Runde. Éric Cantona würde sie ohne Zögern bejahen. Heute wird der französische Ex-Fußballer als Schauspieler gefeiert, der kein Blatt vor den Mund nimmt (Sch***e). Berühmt ist sein Kung-Fu-Tritt. Er streckte 1995 einen Fan von Crystal Palace nieder. Dieser habe ihn als „french motherfucker“ beleidigt. Als Beachsoccer-Trainer ohrfeigte er in einem EM-Viertelfinale den Schweizer Trainer, weil der einen seiner Spieler „schwarze Sau“ genannt haben soll. Aber auch den völlig verblendeten Rundumschlag kann Cantona: 2012 nannte er Israel „rassistisch“. Toibas Prüwer

M

Muhammad Ali „No Viet Cong ever called me nigger.“ So begründete der größte Boxer aller Zeiten, Muhammad Ali, seine Weigerung, für die USA in den Vietnamkrieg zu ziehen. Wehrdienstverweigerung war damals eine Straftat, Ali kostete seine Überzeugung vorübergehend die Boxlizenz, eine Geldstrafe, und fast wäre er im Gefängnis geendet. Es war nicht das erste Mal, dass Muhammad Ali sich öffentlichkeitswirksam politisch positioniert hatte.

Schon einige Jahre zuvor, 1964, hatte er sich öffentlich zu seinem islamischen Glauben und der Nation of Islam bekannt – einer umstrittenen Gruppe, der auch Malcolm X zu dieser Zeit angehörte und von der sich Ali später distanzierte. Aus dieser Zeit rührt auch sein Name. Die Umbenennung war ihrerseits ein politischer Akt. Seinen bürgerlichen Namen, Cassius Clay, bezeichnete er als Sklavennamen ( Black Power). Vergangenes Jahr verstarb Muhammad Ali mit 74 Jahren. Benjamin Knödler

S

Sch***e Mein Verein, der VfL Bochum, „die graue Maus“, die ehemals „Unabsteigbaren“, dessen größtes Ereignis eine Niederlage gegen den FC Bayern darstellt, als man nach 4:0-Führung zur Halbzeit am Ende mit 5:6 verlor, dieser Verein ohne Titel und ohne Fans belegt in der Ewigen Tabelle der Bundesliga einen stolzen 13. Platz; RB Leipzig wird uns frühestens in 20 Jahren einholen.

Der VfL jedenfalls hat in Gertjan Verbeek einen wortlosen Trainer, dem das Kunststück gelingt, ohne jede Spur von Humor knorrig zu sein – grundlos ist seine Stimmung bei jeder Pressekonferenz von Verachtung geprägt. Einmal bekam dies ein Vertreter von Bild (Iran) zu spüren, der Verbeek unterstellte, Meister werden zu wollen Verbeek rastete aus und tobte: „Warum schreibt ihr immer so eine Scheiße?“ Am Ende seiner Wutrede beschimpfte er die Redakteure allesamt als „Arschlöcher“, und seither schrieb Bild nur noch Gutes und Richtiges über den VfL Bochum. Timon Karl Kaleyta

W

Widerstand Wäre Werner Seelenbinder 1936 bei den Olympischen Spielen in Berlin aufs Podest gekommen, er hätte den Hitlergruß verweigert. Der Ringer war überzeugter Kommunist. Seelenbinder belegte jedoch nur Platz vier, die Protestaktion scheiterte.

Schon zuvor hatte er mit seiner politischen Überzeugung nicht hinterm Berg gehalten. 1933 war er ins Gefängnis gekommen, weil er als deutscher Meister den Hitlergruß verweigerte. Fortan wurde er streng überwacht, schaffte es aber dennoch, sich bei Auslandsreisen als Ringer mit anderen Linken zu vernetzen. Und als er 1939 für einen Rüstungsbetrieb zwangsverpflichtet wurde, baute er dort eine geheime Widerstandsgruppe (Helden) auf. Im Jahr 1942 wurde Seelenbinder verhaftet und 1944, mit gerade einmal 40 Jahren, hingerichtet. Benjamin Knödler

Z

Zorn Emotionen und Fußball, das ist eine heikle Sache. Das riecht zu sehr nach Kollektiv und Volkszorn – nach Faschismus. Anstand ist da oft Mangelware. Doch es gibt einen, der zwar zornig ist, aber immerhin auf die richtigen Dinge: Christian Streich, seit Dezember 2011 Trainer des SC Freiburg. Bekannt für seine Wutreden in feinstem Badisch, bezieht er regelmäßig Stellung zu gesellschaftlichen Themen. Auch für Flüchtlinge und gegen rechte Hetze. Anlässlich des gewaltsamen Tods der Freiburger Studentin Maria L. warnte er: „Wer sich da nicht klar bekennt, trägt eine Mitverantwortung, wenn es in die andere Richtung geht.“ In diesem Sinne: für mehr Christian Streichs im deutschen Fußball. Leander F. Badura

06:00 15.02.2017

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