Sprünge in der Schüssel

Musik Mit seinem neuen Bandprojekt A Tribe Called Knarf stellt der Hamburger Knarf Rellöm die richtigen Fragen
Jürgen Ziemer | Ausgabe 44/2015

Seit 25 Jahren ist er immer da, wenn man ihn braucht. Einer, der Politik viel zu interessant findet, um sie in seinen Songs auszusparen. Der dazu die süffigsten Melodien aus dem Ärmel schüttelt und die widerständigsten Beats. Gerade erst hat der umtriebige Hamburger Knarf Rellöm mit der Regisseurin Christine Eder und der Musikerin Gustav in Wien das 40 Jahre alte Protest-Pop-Oratorium Proletenpassion auf die Bühne gebracht. Was in der Originalversion der Politrock-Band Schmetterlinge – einem österreichischen Gegenstück zu Ton Steine Scherben – noch sehr angelesen wirkte, kommt nun so mitreißend, dass man danach am liebsten eine Revolution anzetteln möchte. Was sicher an der runderneuerten Musik liegt, aber auch daran, dass nicht nur linke Gewissheiten präsentiert werden.

Die subversive Kraft der richtigen Fragen durchzieht auch das Album von A Tribe Called Knarf. So heißt die aktuelle Inkarnation des bewährten musikalischen Teams aus DJ Patex, Viktor Marek und Knarf Rellöm. Nach Wortungetümen wie Knarf Rellöm With The Shi Sha Shellöm hat sich das Trio in seiner Selbstbenennung diesmal für eine Verbeugung vor den Hip-Hop-Erneuerern A Tribe Called Quest entschieden. Im Albumtitel Es ist die Wahrheit, obwohl es nie passierte sind die Suche und das Fragen schon festgeschrieben.

„Warum spielt das in der Popkultur, speziell in Film und Musik, eine so große Rolle – die Errettung durch die Liebe?“, will Knarf Rellöm am Anfang von The Praxis of Love wissen. Dazu bollert ein gemütlicher House-Beat, im Hintergrund trägt jemand Zeilen aus kitschigen Lovesongs vor. „Können wir die Liebe nicht so konzipieren, dass sie für normale Menschen erreichbar ist?“, fragt der Sänger weiter. Und es wird klar, dass es hier um etwas geht, das Christiane Rösinger einst Die Pärchenlüge nannte. Das erwartbare Unglück hinter dem überlebensgroß aufgepumpten Ideal der ewigen Liebe. The Praxis of Love ist so etwas wie ein Meta-Popsong, der die Fehler im System der Liebe anerkennt und den Alltag über die Ausnahme stellt.

20 Storys in fünf Minuten

Es ist die Wahrheit, obwohl es nie passierte steht in der Tradition von Huah! und der sogenannten Hamburger Schule. Scheiß Kapitalismus hieß ein Album der Band, zu der in den 90ern neben Knarf Rellöm (der sich damals noch, vorwärts buchstabiert, Frank Möller nannte) Bernadette La Hengst und Mense Reents gehörten.

Heute ist Knarf Rellöm noch immer kein Freund des Kapitalismus. Das System hat in der Zwischenzeit mächtig Gas gegeben. Immer mehr komplexe Handlungsstränge wollen erfasst werden. Ist das möglich in einem fünfminütigen Popsong? Das Stück Über 20 Geschichten erzählt tatsächlich einen ganzen Sack voller Storys. Viele davon sind so überraschend wie die von Chaim Witz, genannt Gene Simmons, dessen Familie von den Nazis ermordet wurde. Was brachte Chaim Witz dazu, das SS-Zeichen in den Namen von Kiss zu integrieren? Im gleichen Stück wird auch Mark E. Smith zitiert mit der Frage: „Wer macht die Nazis?“

Musikalisch kommen die neuen Tracks einerseits störrisch, unpoliert und elektronisch daher, andererseits süffig und humorvoll. Doch viel wichtiger ist die Wachheit des Denkens, die dieses Album durchzieht. A Tribe Called Knarf schreiben großartige Lieder über die kleinen Sprünge im großen Porzellanschrank des Systems.

Info

A Tribe Called Knarf Es ist die Wahrheit, obwohl es nie passierte Staatsakt 2015

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06:00 11.11.2015

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