Ständig nass und krank

Ausbeutung Ein bulgarischer Leiharbeiter berichtet von den Arbeitsbedingungen in der Schlachtindustrie
Ständig nass und krank
Bitte nicht so genau hinschauen: Arbeiter vor einer Tönnies-Fabrik in Rheda-Wiedenbrück

Foto: Martin Meissner/Picture Alliance/AP Photo

Ein Geflügelschlachtbetrieb in Barnstorf, bei Bremen. Der bulgarische Arbeiter H. berichtet: „Die Höfe haben angefangen, Leute aus Moldawien zu holen, die von dort registrierten Leihfirmen eingestellt sind und nach Deutschland entsandt werden. Dann kriegen sie nur 3,50 bis vier Euro pro Stunde.“ Und weiter: „Normalerweise waren wir zu zehnt oder fünfzehnt in einer Unterkunft untergebracht. Jetzt sind wir nur noch zu zweit in einem Raum, zwei mal drei Meter. Es passen gerade mal zwei Betten und ein Schränkchen rein. Aber die Gemeinschaftsräume bleiben: 400 Menschen nutzen eine Küche, ein Bad, eine Toilette.“

So geht es zu in der deutschen Fleischindustrie: Leiharbeiter aus dem Ausland, untergebracht in Massenunterkünften, mit Stundenlöhnen, die kein deutscher Schlachter akzeptieren würde. „Unsere Arbeitsbedingungen sind schwierig“, sagt H., „wir bekommen weder ausreichend Schutzkleidung noch Masken. Wir sind neun bis zehn Personen an einem Band, eng beieinander. Unser Tierarzt hat ein System eingeführt, um uns mit Wasser zu besprühen. Pro Tag stehen uns normalerweise drei Masken, eine für jede Pause, und ein Overall zu, aber wir sind den ganzen Tag nass. Der Overall ist nach spätestens zehn Minuten nass, die Maske auch.“

Corona in der Fleischindustrie, das lässt sich nicht dadurch verhindern, dass ein paar Masken ausgeteilt werden. Das lernt man nun auch in Rheda-Wiedenbrück im Kreis Gütersloh. Hier befindet sich nicht nur der Sitz der Tönnies Holding, des größten Schweinschlachter Deutschlands, sondern auch und wohl deswegen ein Corona-Hotspot gigantischen Ausmaßes.

Heimaturlaub, wie denn?

Am 17. Juni kündigte Tönnies an, seine gesamte Belegschaft, fast 7.000 Menschen, wegen eines Massenausbruchs in den Werken unter Quarantäne zu stellen. Bis Redaktionsschluss wurden 1.331 Mitarbeiter positiv auf Sars-CoV-2 getestet, 21 Menschen sind in stationärer Behandlung. Von sechs Intensivpatienten im Landkreis sind laut Münchner Merkur fünf Arbeiter bei Tönnies.

„Aus der Sprühanlage sprüht ununterbrochen Wasser auf uns“, sagt H. aus dem Betrieb in Barnsdorf. „Wir sind alle ständig nass und krank. Wir baten darum, das System zu ändern und nur die Hühner zu besprühen, nachdem sie bei uns durch sind. Die sind nass und noch lebendig und flattern mit den Flügeln, auch das kriegen wir ab. Arbeitest du ohne Brille, ist es ein Problem. Mit Brille – ein noch größeres Problem. Die Brille ist schnell schmutzig, man muss kurz stoppen, um sie abzuwischen, dann gibt’s gleich leere Haken. Sie sagen uns, wenn es euch passt, gut. Wenn nicht, könnt ihr gehen.“

Bei Tönnies spekulierte bald nach Bekanntwerden des Ausbruchs dessen „Leiter Qualitätsmanagement und Veterinärwesen“ sowie des Pandemiestabs, Gereon Schulze Althoff, dass der mutmaßliche Grund für diesen die Rückkehr von Arbeitern aus Heimaturlauben sei. Viele der häufig aus Rumänien und Bulgarien stammenden Beschäftigten hätten die langen Wochenenden für Heimaturlaub genutzt und das Virus eingeschleppt.

Diese Aussage kann als widerlegt betrachtet werden: Bis vor Kurzem waren die Grenzen geschlossen, es gab kaum Flugverkehr zwischen den Ländern. Erst seit dem 1. Juni müssen Einreisende nach Bulgarien nicht mehr in eine 14-tägige Quarantäne. Für ein langes Wochenende mit dem Auto mal eben von Gütersloh nach Timisoara oder Plovdiv in den „Urlaub“ zu fahren, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Die Distanz zwischen Rheda-Wiedenbrück und Plovdiv beträgt 2.070 Kilometer, das heißt: mehr als 20 Stunden ununterbrochener Autofahrt – in nur eine Richtung. Man hätte sich auch bloß die Infektionsraten angucken können: Sowohl in Bulgarien als auch in Rumänien ist sie wesentlich niedriger als in Deutschland. Umso befremdlicher, dass sich auch der Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, Armin Laschet, dieser Tönnies-Sündenbocktheorie anschloss.

H. erzählt: „Während der Pandemie wurden uns Boni versprochen, nichts haben wir bekommen. Wir wohnen weiterhin sehr eng, es werden nur dann welche isoliert, wenn etwas passiert. Wie sollen wir die Infektion gebracht haben? Niemand ist in der Lage, in drei, vier Tagen nach Bulgarien oder Rumänien und zurück zu fahren. Es ist mein dritter Sommer in Folge, in dem ich nicht in den Urlaub reise. Für mich löst diese Aussage Hass gegen uns aus. Wenn sie uns aus Deutschland vertreiben wollen, sollen sie es doch einfach tun.“

Marta Moneva, Journalistin, schreibt aktuell auch in der bulgarischen Wochenzeitung Banker über die deutsche Schlachtindustrie

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06:00 25.06.2020

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