Statt Muckefuck

Schickeria Jörg Fauser hat in „Kant“ Licht, Schatten und Dekor, Granteln und Mosern perfekt abgestimmt – der Autor ist schon lange mehr als ein Geheimtipp
Statt Muckefuck
Jörg Fauser war ein Rebell, für den der Literaturzirkus der alten Bundesrepublik keinen Platz hatte

Foto: Imago/Teutopress

Als der Schriftsteller und Übersetzer Rolf Dieter Brinkmann 1975 posthum den Petrarca-Preis verliehen bekam, klagte ein damals kaum bekannter deutscher Autor: „Auch ist das letzten Endes nur ein Zeichen dafür, dass man bei uns noch mehr als anderswo auf der Hut sein muss vor den Kulturverwertern, diesen Schakalen der total medialisierten Welt (…). Nicht mal sterben kann man, ohne Angst zu haben, verschaukelt und verscheißert zu werden.“

Der Verfasser dieser Zeilen war Jörg Fauser, ein manischer Vielschreiber, dessen Romane, Reportagen und (Kriminal)Geschichten meist am Ende der sozialen Hierarchie angesiedelt sind. Säufer, Prostituierte und Dealer, Spieler, Gelegenheitsganoven und Schichtarbeiter bewohnen seine Bücher. „Wenn Literatur nicht bei denen bleibt, die unten sind, kann sie gleich als Partyservice anheuern.“

Man mag es Ironie der Geschichte nennen, dass dem im Taunus geborenen Fauser, der in München, Istanbul, London und Berlin mehr über- als gelebt hat, ein ähnliches Schicksal vorbehalten war wie Brinkmann. Ein Jahr nach seinem Tod wurde Fauser, der zeit seines Lebens von der Kritik bestenfalls ignoriert, schlimmstenfalls zur Schnecke gemacht wurde, posthum der Friedrich-Glauser-Preis verliehen. „Nicht mal sterben kann man, ohne Angst zu haben, verschaukelt und verscheißert zu werden.“

Erwartbar, billig, grenzwertig

Jörg Fauser war ein Rebell, für den der Literaturzirkus der alten Bundesrepublik keinen Platz hatte. So richtig wollte er auch keinen. Er sei Geschäftsmann, kein Schriftsteller. „Writing is my business!“ Entsprechend trat er auch wie ein Versicherungsvertreter auf. Dem Betrieb gefiel das nicht. Als er 1984 in Klagenfurt las, bekam er von Marcel Reich-Ranicki, Walter Jens und Peter Härtling eine Abreibung verpasst wie wenige vor ihm. „Mit Kunst hat das nichts zu tun“, ätzte MRR, Jens sprach von erwartbarer „Computerliteratur“, und Härtling meinte, dass die Figurenschilderung in Fausers billiger Unterhaltungsliteratur an „Denunziation“ grenze. Wenn man sich die Jurydiskussion auf Youtube ansieht, springt einen die Selbstgefälligkeit und Arroganz der Jurymitglieder förmlich an. Michael Köhlmeier sprach in seiner Klagenfurter „Rede zur Lage der Literatur“ 2013 davon, dass Fauser der Literaturkritik damals in ihrer „hinterhältigsten und erbärmlichsten Gestalt“ begegnet sei.

Nach seinem Tod war er lange Zeit vergessen, dann kursierte er als Geheimtipp. Jetzt wird dieser kraftvolle Erzähler wiederentdeckt, Friedrich Ani, Benjamin von Stuckrad-Barre, Helene Hegemann und Clemens Meyer gehören zu seinen begeisterten Fans. Fauser hat aber nicht nur umwerfende Prosa und empfindsame Lyrik (der Freitag 51/2019) verfasst, sondern auch überaus unterhaltsame und kluge Literaturkritiken und -reportagen. Die Sammlung Der Klub, in dem wir alle spielen, in der sich ein Outsider der Branche den Kopf über den Zustand der Literatur zerbricht, hat mich eine Nacht lang in ihren Bann gezogen und nicht schlafen lassen.

Statt mit den Kopfgeburten deutscher Literaten („existenzieller Muckefuck“) beschäftigte er sich lieber mit der amerikanischen Literatur. Chester Himes, Raymond Chandler und Dashiell Hammett bilden seinen „Parnass der Kriminalliteratur“, von den Beatniks um Jack Kerouac und William S. Burroughs schaut er sich den unwiderstehlichen Rhythmus seiner Prosa ab und im beginnenden Gonzo Journalism von Charles Bukowski die direkte (und oft Frauen abwertende) Sprache. So schuf er eine deutsche Marlowe-Welt, in der Männer ums Überleben kämpfen und Frauen mehr Deko als Inventar sind.

Einiges davon steckt auch in Kant, der neuesten Publikation aus dem Fauser-Kosmos. Diese ebenso mitreißende wie atmosphärische Kriminalerzählung ist 1986 als Fortsetzungsroman erschienen, eine Auftragsarbeit für den Wiener. Im Mittelpunkt steht Privatermittler Hezekiel Kant, geboren 1942 in Ostpreußen. Wenngleich er mit dem Königsberger Philosophen nicht verwandt ist, gelten für ihn dieselben Prinzipien: „Ich übernehme alles mit einem kategorischen Imperativ“, heißt es gleich zu Beginn. Dieser Vorsatz ist auf der nächsten Seite schon Schall und Rauch. Denn Dr. Eduard Kopmann, Generaldirektor der Großhandelskette SPUMEX, setzt Kant auf seine deutlich jüngere Gattin Lisa an. Am nächsten Tag wacht er vermöbelt in der Abstellkammer einer zwielichtigen Bar auf, in der die attraktive Frau seines Auftraggebers verschwunden ist. Ein Test, wie sich herausstellt, denn die Kopmanns haben ein ganz anderes Problem. Ihre Tochter Tutti ist verschwunden, Kant soll sie finden. Nun schlagen Teenager ja ganz gern mal über die Stränge, aber als ein Erpresserschreiben auftaucht, ist klar, dass es in der Welt der Münchener Schickeria um mehr geht.

Er beherrscht sein Handwerk

Fauser beherrscht sein Handwerk meisterhaft. Die Erzählung hat Punch und ist großartig gebaut. Licht, Schatten und Dekor, das Granteln und Mosern sind perfekt aufeinander abgestimmt und schaffen eine unverwechselbare Schtonk-Atmosphäre. Er folgt Burroughs’ Ansatz, dass jedes Bild alles enthalten muss, „was zu seinem Verständnis nötig, und alles verbergen, was für sein Geheimnis unabdingbar ist“.

Fausers Krimis handeln von Menschen und den Desastern, in die sie taumeln, und haben die Wirkung eines Uppercuts. Ob in Kant, Der Schneemann oder Das Schlangenmaul – stets gönnt er den unverstellten Figuren in seinen Krimis eine eigene Moral, die ihrer Erfahrung als Abgehängte und Abgestempelte entspricht. Wer immer Dreck am Stecken hat, kann sich keine schmutzigen Finger holen. Das wusste auch Fauser. In seinem autobiografischen Roman Rohstoff erzählt er, wie er – alkohol- und drogenabhängig, immer abgebrannt und am Limit – unter Suffies und Druffies lebte und sich mit Brotjobs über Wasser hielt. Auf dieser Erfahrung baute er dann sein Werk auf. „Ein Schriftsteller, der über Dinge schreibt, die er nicht kennt, ist wie ein Stierkämpfer, der die Bewegungen macht, ohne dass ein Stier da ist.“ Fauser war ein furchtloser Torero, der dem Bullen immer direkt ins Auge gesehen hat.

Kant Jörg Fauser Diogenes 2021, 128 S., 20 €

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

06:00 14.11.2021

Kommentare 1