Stefan Heym ist ohne Schaden-Freude

Sonntag 1989 Als der „Sonntag“ vom 3. Dezember 1989 ein Interview mit Stefan Heym druckt, wirkt das wie eine Wiedergutmachung. Jahrelang wurde der Schriftsteller vollends ignoriert

Am 10. November 1994 kommt es bei der Eröffnung der 13. Deutschen Bundestages zu einem bis dahin beispiellosen Affront. Als der Schriftsteller Stefan Heym – mit 81 Jahren der Alterspräsident des Parlaments – traditionsgemäß die Legislaturperiode eröffnet, spielt die Mehrheit der Abgeordneten toter Mann. Man straft den Redner mit missbilligender Missachtung, Ignoranz und empörtem Schweigen.

Genau fünf Jahre ist es her, da wird der Autor als intellektuelle Ikonen von Wende und Umbruch in der DDR gefeiert. Man liest von ihm im Spiegel, seine Wortmeldungen wandern durch die Feuilletons des westdeutschen Mainstreams, er ist zu Talkshows geladen und wird auch sonst viel interviewt. Heyms Kritik an einer reformunwilligen DDR-Führung, die aus seiner Sicht den Sozialismus aufgibt, weil sie ihn nicht erneuern will, ist beißend, sarkastisch, treffend. Sie treibt die Wende voran. 1976 hat ihm der DDR-Schriftstellerverband wegen einer Petition gegen die Biermann-Ausbürgerung den Stuhl vor die Tür gesetzt, seit 1974 ist vom Romancier Heym in der DDR kein Buch mehr erschienen – zuletzt Anfang der siebziger Jahre Der König David Bericht und Lassalle.

Zur Unperson erklärt

Freilich hat Heym nie ein Hehl daraus gemacht, Sozialist geblieben zu sein, alles in allem zu fremdeln im bürgerlichen Kulturbetrieb, seinen selbstreferentiellen Ritualen und Makulaturen nicht viel abgewinnen zu wollen.

Im Jahr 1992 gehört Heym in Berlin zu den Mitbegründern der „Komitees für Gerechtigkeit“, die sich einheitsbedingtem Kahlschlag im Osten, dem Schleifen von Ost-Biografien und der totalen Delegitimation von DDR-Geschichte verweigern. Die Bundesrepublik, ihre Regierung und ihr Kanzler seien von der Wiedervereinigung überfordert, ist Heym überzeugt, das gelte für die Ökonomie, aber ebenso für die Psychologie. Zur Bundestagswahl 1994 kandidiert der Schriftsteller als parteiloser Direktkandidat für die PDS im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg und gewinnt eines der vier Direktmandate, denen es die Partei bei einem Zweitstimmenergebnis von unter fünf Prozent verdankt, in den Bundestag einziehen zu können. Nun freilich ist der Schöpfer des großen Weltkriegs- und Antikriegs-Romans Kreuzfahrer von heute im Spiegel-Feuilleton nicht mehr wohlgelitten, sondern ein Spielverderber, ein Störenfried, allein geeignet, über vermeintliche Stasi-Enthüllungen, wie sie keine 48 Stunden vor seiner Rede als Alterspräsident des Bundestages kolportiert werden, zur Unperson gestempelt und verleumdet zu werden. Statt Respekt schlagen seinem kritischen Geist nun Hass und Verachtung entgegen. Der Herbst-Revolutionär darf kein Nach-Wende-Revolutionär sein. So haben wir nicht gewettet, geben ihm die Gönner von einst zu verstehen.

Gleichsam totgeschwiegen

Als Heym am 10. November 1994 seine Rede beendet hat, verwehrt ihm – ein einmaliger Vorgang in der Geschichte des Hohen Hauses beim Auftritt des Alterspräsidenten – die gesamte Fraktion von CDU/CSU, in Teilen auch die der SPD, den Beifall. Versteinerte Gesichter, wohin die ARD-Kamera schaut. Vor wenigen Augenblicken hat Heym eine Bitte formuliert. Wenn man von den Bürgern in Ost und West ein moralisches Verhalten verlange „und Großzügigkeit und Toleranz im Umgang miteinander, dann müssten wir wohl, als ihre gewählten Repräsentanten, mit gutem Beispiel vorangehen.“ Auch das wird überhört, statt dessen gleich noch ein Beweis für kleinkarierte Intoleranz und vergnatzten Antikommunismus angetreten: Erstmals seit 1949 wird eine Rede des Alterspräsidenten nicht im Bundestags-Bulletin veröffentlicht.

Im Interview, das Stefan Heym Ende November 1989 dem Sonntag gibt (abgedruckt in der Ausgabe 49 vom 3. Dezember 1989), wird gegen Schluss eine Rede erwähnt, die gleichfalls totgeschwiegen wurde – in der DDR der siebziger Jahre. Heym hielt sie im Dezember 1976 kurz vor der Abstimmung im Schriftstellerverband der DDR über den Ausschluss von neun Autoren (Kurt Bartsch, Adolf Endler, Stefan Heym, Karl-Heinz Jakobs, Klaus Poche, Klaus Schlesinger, Rolf Schneider, Dieter Schubert, Joachim Seyppel), die sich mit einer Resolution gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns am 16. November 1976 bemerkbar gemacht hatten. Darin heißt es: „Aber ich gebe Ihnen zu bedenken, neben denen, die dann das Abzählen besorgen werden, sieht noch einer zu, wie Sie heute abstimmen: – die Öffentlichkeit.“

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