Sterben für Allah und Grosny

TSCHETSCHENIEN Fanis Scheich Adin, Moslemführer in der autonomen Republik Tatarstan, über eine religiöse und tatkräftige Allianz mit der tschetschenischen Guerrilla

Die Republik Tatarstan genießt innerhalb der Russischen Föderation eine weitreichende Autonomie, die der extremistische Flügel der islamischen Bewegung gern bis zur Unabhängigkeit ausdehnen würde. Als Zentrum solcher Bestrebungen gilt die Stadt Naberschneje Tschelni - eine Industrieagglomeration rings um das Fahrzeugunternehmen Kamas. Vorsitzender des Islamischen Komitees von Naberschneje Tschelni ist Fanis Scheich Adin, der seine Anhängerschaft auch als Potenzial für die tschetschenische Guerrilla betrachtet.

FREITAG: Sie betreiben aktiv Politik und behaupten zugleich, ein einfacher Moslem zu sein, wie andere auch - empfinden Sie das als Widerspruch?

FANIS SCHEICH ADIN: Keinesfalls, denn der Islam umschließt gewissermaßen die Politik. Ich weiß, das steht im Gegensatz zu Ansichten, die jetzt auch in Russland kultiviert werden - nämlich den Islam auf die Friedhöfe und Moscheen zu begrenzen - auf Begräbnisse und Hochzeiten, bei denen alles schön im Rahmen bleibt. Der Islam soll ein Reservat sein, aber er ist das Leben.

Halten Sie sich für einen Fundamentalisten?

Ich weiß nicht, was man unter Fundamentalismus verstehen soll. Vielleicht, dass man jedes Gebäude, das es aufzubauen gilt, mit dem Fundament beginnt? Der Koran und die Sunna (*) des Propheten sind unser Fundament. Selbstverständlich muss der Islam gesäubert werden, wenn sich die Menschheit auf den Weg begeben will, die ideale Gesellschaft aufzubauen.

Man hört hier in Tatarstan des öfteren, dass Tschetschenien geholfen werden müsse, wie soll das geschehen?

In unterschiedlicher Formen - man kann mit dem eigenen Leben helfen, wie es viele von hier tun, die nach Tschetschenien gegangen sind, um zu kämpfen. Das waren Muslime, die uneigennützig handelten, ohne Geld, als Kämpfer für Allah. Zugleich gab es auch finanzielle Hilfe für die Opfer des Krieges.

Waren Sie auch in Tschetschenien?

Persönlich nicht, nein. Aber unsere jungen Leute kämpfen dort.

Als Freiwillige?

Genau. Jeder entscheidet selbst.

Eine individuelle Entscheidung ...

So ist es - organisierte Einheiten existieren nicht. In der russischen Presse wird zwar kolportiert, in der Türkei würden geschlossene Formationen rekrutiert, die dann nach Tschetschenien gingen, aber Moskauer Zeitungen verdrehen die Fakten bis zur Unkenntlichkeit.

Was wissen Sie über das Schicksal derjenigen, die nach Tschetschenien gegangen sind?

Einige haben in Tschetschenien ihr Leben für Allah verloren. Sie stehen höher als die anderen Muslime.

Glauben Sie, dass Tschetschenien irgendwann unabhängig sein wird?

Ein gutes Ende wird der Tschetschenien-Krieg nur nehmen, wenn er im Namen Allahs geführt wird und es dabei um keinen Nationalismus und keine Clans geht.

Glauben Sie, dass andere Völker die Tschetschenen weiter unterstützen werden?

Natürlich - es helfen ja nicht nur islamische Völker.

Wird es eine autarke Wolga-Ural-Region unter Führung Tatarstan geben?

Darüber existieren sogar Weissagungen. Aber im Augenblick ist es schwer für uns, gegen die Medien anzukommen, die der Staat in der Hand hält. Andererseits schreitet der moralische Verfall so voran, dass sich die Menschen nicht mehr sicher fühlen. Erst wenn das Volk unter den Gesetzen Allahs leben kann, wird sich das ändern.

Das Gespräch führte Kai Ehlers

(*) Der Begriff "Sunna" bezieht sich auf Bräuche, die nicht durch Äußerungen des Propheten Mohammed überliefert sind.

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