Wo Wörter sind, ist Hoffnung

Westjütland Dorfliteratur als neuer Trend? Stine Pilgaard antwortet frech
Pilgaards Erzählerin kann nicht nur wunderbar über sich selbst lachen, sondern auch wortgewandt austeilen. Das wird vor allem dann spürbar, wenn sie ohne Rücksicht auf Verluste Briefe an den Kummerkasten der lokalen Tageszeitung beantwortet
Pilgaards Erzählerin kann nicht nur wunderbar über sich selbst lachen, sondern auch wortgewandt austeilen. Das wird vor allem dann spürbar, wenn sie ohne Rücksicht auf Verluste Briefe an den Kummerkasten der lokalen Tageszeitung beantwortet

Foto: Chromorange/IMAGO

Vor ein paar Monaten hat die Literaturkritikerin Julia Encke die „Verdorfung der Literatur“ diagnostiziert. Die neue deutsche Dorfliteratur von Juli Zeh, Judith Herrmann, Lola Randl oder Angelika Klüssendorf betrachte Dorfbewohner wie „interessante Zirkuspferde“ und romantisiere ohne ästhetischen Gewinn das Leben auf dem Land, klagte sie in der FAZ.

Diesen Vorwurf muss sich die 38-jährige dänische Autorin Stine Pilgaard nicht machen lassen, wenngleich ihr Roman Meter pro Sekunde in der dänischen Pampa spielt. Ihre namenlose Ich-Erzählerin, Mutter eines Sohnes im Kindergartenalter und Partnerin eines Lehrers, hadert vom ersten Satz an mit ihrem neuen Leben. „Immer noch sind wir neu im Gelände, verwirrt gehen wir umher mit unserem Kinderwagen, zwei ruhelose Ritter der Landstraße.“

„Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh ich wieder aus“, heißt es in Franz Schuberts Winterreise. Wenngleich die Geschichte in diesem unterhaltsamen Protokoll einer Eingewöhnung anders verläuft, bleibt bei der Erzählerin ein latentes Gefühl der Fremdheit. Das liegt nicht nur am eigenbrötlerischen Menschenschlag in Westjütland, sondern auch an dem ungewöhnlichen Kosmos, in dem sie sich bewegt. Gemeinsam mit Mann und Kleinkind lebt sie in der Lebensgemeinschaft der Heimvolkshochschule Velling, einer Art Schule des Lebens, die junge Leute aus dem ganzen Land anzieht. Die Schule sei „ein Konzentrat, ein Suppenwürfel der Träume von einer Gemeinschaft, die herbeigesungen, -getanzt und -erzählt werden kann“, kommentiert die Erzählerin das allzu menschliche Miteinander an diesem unwirklichen Ort des Miteinanders.

Hier vernimmt man schon den heiter-schnippischen Unterton, der die Lektüre des erfolgreichsten dänischen Romans der letzten Jahre zu einem dauergrinsenden Vergnügen macht. Denn Pilgaards Erzählerin kann nicht nur wunderbar über sich selbst lachen, sondern auch wortgewandt austeilen. Das wird vor allem dann spürbar, wenn sie ohne Rücksicht auf Verluste (aber mit großer Zuneigung) die Briefe an den Kummerkasten der lokalen Tageszeitung beantwortet. Da fragen Teenager, ob ein Leben ohne Freunde nicht das bessere ist. Schwangere erkundigen sich nach der Bedeutung von Waschmaschinen für Familien. Langjährig Verliebte wollen wissen, ob sie auch mal von der Nachbarin träumen dürfen. Singlefrauen fragen nach dem Geheimnis untreuer Männer. So herrlich naiv die Fragen sind, so wunderbar lebensweise, ausschweifend und ichbezogen fallen die Antworten der Erzählerin aus. Man entdeckt in ihren liebevollen Repliken das unterschätzte Genre der Glosse wieder.

Die Menschen in Westjütland, dem „Land der kurzen Sätze“, sind zugeknöpft und wortkarg, was der Erzählerin im Alltag immer wieder auf die Füße fällt. Passend zur ländlichen Verschlossenheit wird hier auch nicht langatmig erzählt, sondern in kurzen Episoden das kuriose Dasein namens Normalität beschrieben.

Dabei stellt man sich die Erzählerin am besten wie eine von Nora Tschirner verkörperte Figur in einer Komödie von Karoline Herfurth vor. Der Wirklichkeit hilflos ausgeliefert, übertüncht sie mit großer Klappe die eigene Unsicherheit. Denn wo Wörter sind, ist Hoffnung. Der freche und (selbst-)ironische Ton ihres Berichts geht dank der gekonnt lässigen Übersetzung von Hinrich Schmidt-Henkel direkt vom Kopf ins Herz.

Meter pro Sekunde ist ein witziger Roman über das anarchische Dasein im Nirgendwo. Nichts in dieser sonderbaren Welt ist bedrohlich, und dennoch scheint alles existenziell. Es geht aus dezidiert weiblicher Perspektive um Kinder, Sex und Freundschaft, um Klimaschutz, die Fähigkeit zum Kompromiss und zum Gespräch. Kurzum: den ganz normalen Wahnsinn, in dem sich jede:r wiedererkennen wird.

Info

Meter pro Sekunde Stine Pilgaard Hinrich Schmidt-Henkel (Übers.), Kanon Verlag 2022, 253 S., 23 €

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

Kommentare