Ton, Steine und Scherben

Ostermärsche 2007 Die Grünen-Vorsitzende Claudia Roth stellt der Bewegung friedenspolitisch "ein Armutszeugnis" aus

"Der Blick", bemerkte Claudia Roth, die Bundesvorsitzende der Grünen, zu den diesjährigen Ostermärschen, "verengt sich zu oft allein auf die pauschale Ablehnung des Militärischen". Tatsächlich ist das Militärische ein optisches Problem: Viele Uniformen sind grün, da ist das Militärische im Gelände kaum zu erkennen. Auch sind heutige Militäreinsätze ziemlich pauschal: In Afghanistan, zum Beispiel, ist alles inklusive, Hin- und Rückreise, Übernachtung in den Bergen, das Überfliegen einer intakten Umwelt, jede Menge Folklore, und wenn einmal was schief geht, gibt es ja diese praktischen Zinksärge. Warum, so fragt sich Frau Roth, warum soll man ein so spannendes, in gewisser Hinsicht grünes Programm ablehnen? Jedenfalls machte die grüne Parteispitze Ostern nicht mit und auch nicht die große Koalition. Und dem Kollegen Westerwelle hätte Claudia Roth unter den Ostermarschierern gleichfalls nicht begegnen können.

Sie selbst ist lieber dort, wo sie all die anderen trifft. Zum Beispiel in Bayreuth, das sie in diesem Jahr ihren Escada-Fummel strapazieren ließ, dessen Farben ein einziger Angriff auf Geschmacks- und Seh-Nerven waren. Auch wenn sie dort keine "italienischen Brecht-Inszenierungen" sehen konnte, die sie - glaubt man ihrer Website - so sehr schätzt, durfte sie doch jedem erzählen, sie habe Ahnung von Musik. Immerhin war sie mal die Managerin der Anarcho-Band Ton, Steine, Scherben. Die Erben der Band erinnern sich nur ungern an die Dame Roth: "Das nervt, wie die sich diesen Mantel umhängt. Ja, sie war die letzte Managerin, die letzte. Wir waren am Ende". Und sieht man vom ebenso liebenswürdigen wir fadenscheinigen grünen Friedensfeigenblatt Hans-Christian Ströbele ab, ist wohl auch das Thema Friedenspolitik für die Grünen so ziemlich am Ende. Weil Frau Roth in den Ostermarschtexten Bezüge zu den Vereinten Nationen vermisste, glaubte sie, sagen zu dürfen: "Das ist friedenspolitisch ein Armutszeugnis." Wie gut, dass Zeugnisse von Claudia Roth Muster ohne Wert sind.

Und weil die grüne Frontfrau - wie andere prominente Grüne auch - nicht mehr als Rednerin zu den Ostermarschkundgebungen eingeladen wurde, unterstellte sie den Aktionen eine "Schwarz-Weiß-Sicht", die sie natürlich für "falsch und kontraproduktiv" hält. Man muss schon zugeben, dass es den Ostermarschierern an Differenzierung mangelt: Die wollten einfach nicht glauben, dass die deutsche Hilfe für Hamid Karsai, den Chef der afghanischen Regierung, irgendetwas mit Friedenspolitik zu tun hat, die halten doch glatt die untertänige bundesdeutsche Unterstützung der US-Außenpolitik und die De-facto-Billigung des korrupten Drogenregimes in Afghanistan für schwarz, und den schnellstmöglichen Rückzug aus einem lange Jahre dauernden Militäreinsatz mit immer mehr Toten für weiß. Diese Farb-Verengung kann ja bei Demonstranten, unter denen nur ganz wenige bei Escada kaufen, nicht ausbleiben.

Ein guter Krieg braucht bekanntlich ein gutes Design. Und das darf nicht nur für die Uniformen gelten. Das gilt besonders für die Sprache: Es fängt mit der einfachen Wandlung vom Kriegs- zum Friedens-Einsatz an. Und jeder Sprachdesigner weiß, man muss von der "Stabilisierung der Sicherheitssituation" reden, wenn man, wie die Bundeswehr, in Usbekistan an der Grenze zu Afghanistan einen Flughafen betreibt, über den die USA ihre Krieg führenden Truppen lenken und munitionieren. Weil diese, die grünen Wähler stabilisierenden Wortschöpfungen bei den Ostermärschen einfach nicht auftauchen, ist Claudia Roth enttäuscht und verlangt "mehr neues Denken".

Die grüne Spitzenpolitikerin hätte auch mehr neue Soldaten verlangen können. Denn diesem Verlangen stimmen die Grünen seit Jahren mit hässlicher Regelmäßigkeit zu. Aber eine solch offene Forderung, die den Bankrott der grünen Friedenspolitik ehrlich ausgesprochen hätte, wäre ja einer Desillusionierung grüner Wähler gleichgekommen. Und wer nicht mehr gewählt wird, der wird auch nicht mehr nach Bayreuth eingeladen, der hat kein Bundestagsmandat mehr und keine Fotos in der Bunten. Dem werden auch die sentimentalen, unehrlichen, aber öffentlichen Auftritte arg fehlen. Da lügt die Roth doch lieber so vor sich hin und beschränkt ihr verschmocktes Denken auf die Diffamierung der Friedensbewegung.


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00:00 13.04.2007

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