„Total fassungslos“

Bürokratie Betty ist US-Amerikanerin und braucht ein neues Visum. Unsere Autorin hat sie zur Berliner Ausländerbehörde begleitet. Ein Protokoll
Jasmin Kröger | Ausgabe 43/2016 6
„Total fassungslos“
Camping der anderen Art: „Wie soll das hier erst im Februar werden?“

Foto: Philipp Plum für der Freitag

So muss es sein, wenn man für Beyoncé-Tickets ansteht, nur dass das Konzert dann pretty shit ist“, sagt Elizabeth Kelly und verdreht die Augen. Die 29-Jährige läuft in Thermounterwäsche durch ihre Wohnung, probiert mehrere Wollmützen auf und prüft regelmäßig die Uhrzeit auf ihrem Handydisplay. Abermals geht sie die Checkliste durch: Isomatte, Schlafsack, zwei Reisekissen, ein Buch, Taschenlampe, Tabak, Mütze, Handschuhe, Telefon. Und vor allem: alle notwendigen Dokumente – von der Meldebescheinigung bis zum Reisepass. Sogar Nachweise über Bewerbungen möchten die Beamten sehen. Die Kalifornierin bereitet sich auf eine lange Nacht vor. Spätestens um 23 Uhr plant sie bei der Ausländerbehörde in Charlottenburg einzutreffen, um in den Morgenstunden dann hoffentlich eine der Wartenummern zu erhalten.

Seit vier Jahren lebt Elizabeth, von allen Betty genannt, in Berlin. Vor kurzem schloss sie an der Technischen Universität ihren Master in Szenografie ab. Sie gehört zu den Jahrgangsbesten, hat ihre Stammkneipe in Neukölln und einen Freundeskreis aus Ur- und Wahlberlinern. Jetzt will sie arbeiten, am liebsten nine-to-five mit gesetzlichem Jahresurlaub. Doch dafür muss ein neues Visum her. Statt dem für Studenten braucht sie nun jenes für „Absolventen auf Arbeitssuche“. Und dafür muss sie in die Keplerstraße 2, wo im Juli 2015 speziell für internationale Akademiker eine Außenstelle der Ausländerbehörde eingerichtet wurde. Geht es um Visumsanträge, trifft sich hier also nur eine Spitzengruppe.

Montags und dienstags werden Termine von 8 bis 13 Uhr vergeben, donnerstags von 10 bis 16 Uhr. Mittwoch und Freitag sind Ruhetage. Rein theoretisch kann man einen Termin auch bis zu drei Monate vorher online buchen. In der Praxis ist das aber kaum möglich, es gibt einfach zu wenig verfügbare Termine. Das führt dazu, dass jede Nacht bis zu 100 Menschen in die Keplerstraße kommen, um darauf zu warten, dass sich endlich die Glastüren der Behörde öffnen. Wer Glück hat, bekommt am Ende eine Nummer in die Hand gedrückt. Etwa 50 Stück vergeben die Beamten davon am Tag. Wer leer ausgeht, muss nach durchwachter Nacht wieder nach Hause gehen.

Bettys Fall ist besonders dringend. In drei Wochen läuft ihr Studentenvisum ab, aber bereits nächste Woche reist sie in die Heimat, nach San Francisco. Hat sie bis dahin keine Verlängerung, darf sie drei Monate lange nicht zurückkehren. Einen Notfallkontakt gibt es für solche Fälle nicht. Schon am Montag stand sie um fünf Uhr morgens vor der Ausländerbehörde – keine Chance. Am Dienstag kehrte sie zurück, dieses Mal um Viertel vor drei. Doch kurz vorher in der Schlange war Schluss mit den Wartemarken. Langsam bekommt sie Angst: „Mein Schlafrhythmus ist komplett durcheinander. Ich habe keine Kraft mehr, ich kann auch einfach nicht glauben, dass das wirklich passiert. Wenn ich meinen deutschen Freunden davon erzähle, sind die total fassungslos.“

Die erste Flasche Wein

Panisch kontaktierte sie das Deutsche Konsulat in den USA, aber auch dort konnte ihr niemand helfen: „Dear Sir/Madame, I was told that you can go without an appointment to the German offices.“ Am morgigen Donnerstag ist somit ihre letzte Chance vor der Abreise, weshalb sich auch ihr Studienfreund Ken bereit erklärt hat mitzukommen. Ken kommt aus Puerto Rico, er kennt den Behördenwahnsinn nur zu gut. Das Amt öffnet um zehn Uhr. Also wann am besten anstellen? 24 Uhr? Oder doch lieber um schon 23 Uhr? Sie entscheiden sich für Letzteres.

Kurz vor elf erreichen die beiden dann auch die Keplerstraße, unweit der U-Bahnstation Mierendorffplatz. Die Außenstelle der Ausländerbehörde befindet sich in einem alten, unscheinbaren Backsteingebäude. Der Eingang liegt auf der Rückseite, in einem Hinterhof. Der Weg dorthin ist kaum beleuchtet. Nur direkt am Eingang blendet ein Strahler die Wartenden. Als Betty und Ken eintreffen, haben sich bereits zwei Personen eingereiht. Taiki aus Japan und Elizabeth, die nicht nur den gleichen Namen wie Betty hat, sondern ebenfalls aus den USA kommt, auf der Pole Position. Beide sind seit 22 Uhr hier und haben sich bereits angefreundet. Auch bei ihnen ist es nicht der erste Versuch, ein Visum zu beantragen. Im Fall von Elizabeth ist das fast schon ein bisschen ironisch, ist sie doch schließlich nach Berlin gekommen, um „politics and immigration“ zu studieren. Nun liegt sie mit Fellmütze und Schlafsack vor verschlossener Behördentür, in ihrem eigenen Immigrationsprozess.

Betty wirkt spürbar erleichtert. Position drei. „Das heißt, dass ich auf jeden Fall drankomme. Jetzt müssen nur noch meine Papiere stimmen.“ Bis es so weit ist, dauert es aber noch. Erst mal müssen die Uniabsolventen ihr Nachtlager aufschlagen. In mehreren Schichten drapieren sie Decken, Isomatten und Schlafsäcke auf dem Asphalt. Zeit für die erste Flasche Wein. „Ich hatte auch über Alkohol nachgedacht“, erzählt Elizabeth von Position eins, „aber ich wollte dann drinnen nicht danach riechen.“ Zwischen hier und „drinnen“ liegen jedoch noch mindestens elf Stunden. Im Minutentakt kommen immer mehr Menschen dazu. Schon um Mitternacht knickt die Schlange um das Gebäude ab und verläuft nun weiter Richtung Straße. Einige Wartende kennen sich bereits aus vorherigen Nächten. Andere kommen gar nicht zum Anstehen, sondern wollen sich bloß nach der besten Vorgehensweise erkundigen. Bereitwillig werden Tipps für Uhrzeiten und Equipment verteilt.

Links von Betty und Ken kampieren mittlerweile zwei Iraner und eine junge Chinesin. Sie liegt auf ein paar Seiten Zeitungspapier und hat eine Fleecedecke über sich geworfen. Es sind zwar noch zehn Grad in dieser Septembernacht, doch wegen des bitterkalten Asphalts fühlt es sich eher nach Minusgraden an. Die beiden Iraner teilen mit der Chinesin deshalb ihre Decke. „We are dying here“, flüstert der eine dem anderen zu. Um zwei Uhr kann Betty nicht mehr sitzen und fängt an die Schlange abzulaufen. Es ist eine bunte Mischung von Akademikern aus aller Welt. „Das ist so schade“, sagt sie. „Die Leute kommen hier von überall her, wollen lernen und bringen viel mit. Die haben alles richtig gemacht und werden trotzdem so bestraft.“

Irgendwo schallt dumpf arabische Musik aus einem Handy, der Rest der Geräuschkulisse besteht aus Schnarchen und fernem Straßenlärm. Betty zählt 60 Personen. „Schon jetzt, um zwei Uhr, sind es zu viele. Einige werden hier die ganze Nacht ausharren. Und das vollkommen umsonst.“ Ein Mädchen kommt auf sie zu und fragt nach einer Toilette. „So was gibt es hier nicht. Aber du kannst die Buschtoilette benutzen“, sagt Betty und zeigt hinter die Müllcontainer. Später fügt sie hinzu: „Ich verstehe das nicht. Die Leute wissen doch, dass hier jede Nacht Menschen stundenlang warten, da könnte man doch wenigstens ein Dixie aufstellen.“

Ken meint: „Ich glaube nicht, dass uns hier irgendwer absichtlich so behandelt. Die Behörden sind ja selbst total überfordert. Und vor drei Jahren war es auch noch anders. Wenn man drei bis vier Stunden vor der Öffnungszeit kam, konnte man noch einen Termin bekommen. Das hat sich durch die Flüchtlingskrise natürlich noch mal verändert.“ Im Gegensatz zu Betty hatte Ken ein bisschen mehr Glück im Behördenroulette. Seine Sachbearbeiterin gab ihm bis drei Monate nach seinem Studienabschluss Zeit, um das neue Visum zu beantragen. Betty hat gerade einmal zwei Wochen. Nach einer Pause zieht Ken jedoch seine Augenbrauen zusammen und sagt: „Andererseits wird mein Visum im Februar ablaufen, und dann steh ich hier im Winter an. Wenn das im September schon so kalt ist, dann mag ich gar nicht daran denken, wie das hier im Februar werden soll.“

Der Lottogewinn

Jetzt versuchen sie erst mal zu schlafen. Gerade als die Kälte unerträglich wird, verbreiten sich gute Nachrichten. Heute werden schon um 5:30 Uhr die Wartenummern verteilt – und bereits um acht Uhr beginnt die Bearbeitung. Tatsächlich biegt wenig später ein Türstehertyp um die Ecke, platziert einen Pappaufsteller und fordert die Wartenden auf Englisch und Deutsch auf, den Pass bereit zu halten. Dann verteilt er die Nummern. Betty zeigt ihren Pass und kriegt einen kleinen weißen Zettel. Sie strahlt, als ob sie in der Lotterie gewonnen hätte. Bis acht Uhr hat sie jetzt Zeit, ihre Sachen nach Hause zu bringen und wieder herzukommen. Der Rückweg führt am Rest der Wartenden vorbei. Heute Nacht waren es über 100.

Zu Hause will Betty sich nicht einmal hinsetzen: „Ich habe viel zu große Angst, einzuschlafen.“ Sie kocht sich lieber noch eine heiße Zitrone. „Was ich mich frage: Wo soll das noch hinführen? Heute reichte es, zehn Stunden vorher da zu sein. Aber die Leute, die nicht drangekommen sind, werden nächstes Mal noch früher kommen. Das ist doch Psychoterror.“ Dass die Behörde die Öffnungszeiten neulich um täglich zwei Stunden verlängert hat, wird daran wohl kaum etwas ändern.

Zurück in der Keplerstraße ist Betty plötzlich die Erste, die drankommt. Wo sind Taiki und Elizabeth? Bettys Nachweise über Bewerbungen will hier keiner sehen – Fehlinformation von der Homepage. Auf dem Weg nach draußen begegnet sie Elizabeth. Betty will gerade grüßen, stockt aber, als sie Elizabeths versteinerte Miene sieht. Der fehlte für die erfolgreiche Bearbeitung ein Dokument.

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06:00 02.11.2016

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