Den Krieg aus den Köpfen kicken

Asyl Fast die Hälfte der jüdischen Menschen in Deutschland hat Wurzeln in der Ukraine. Beim TSV Maccabi in München können Kinder für einige Stunden den Krieg vergessen, vor dem sie geflohen sind
Die Kriegs-Traumata für ein paar Stunden aus dem Kopf vertreiben: beim Fußball geht das
Die Kriegs-Traumata für ein paar Stunden aus dem Kopf vertreiben: beim Fußball geht das

Foto: Jasper Riemann

David wehrt mit seinen Händen einen Ball ab. Er steht im Tor, die Sonne blendet, vor ihm vier Jungs auf dem Rasen. Seine Mitspieler überragt er um einen Kopf. David ist groß und schlaksig für seine 14 Jahre. Er spielt in München Fußball, während sein Vater in der Ukraine gegen die russische Armee kämpft.

Wie die meisten Väter der 22 Kinder, die sich an diesem warmen Tag im März auf dem Vereinsgelände des TSV Maccabi austoben, darf auch er das Land nicht verlassen. Lautstark stürmt eine Gruppe auf das große Fußballtor zu. Andere rücken große Schachfiguren vorwärts. Eine Gruppe von drei Mädchen tanzt vor dem Handy für ein Tiktok-Video.

Vorgestern hat er das letzte Mal mit seinem Vater telefoniert, sagt David auf Ukrainisch. Neben ihm steht seine Oma in einer hellblauen Steppjacke und übersetzt: Sein Vater darf nicht sagen, wo er gerade positioniert ist. Aber am Telefon hat er gesagt, dass er seine Kinder vermisst. David kam kurz nach Kriegsbeginn mit seiner Schwester und Mutter aus Kiew nach Deutschland. Sie wohnen jetzt bei Davids Oma, die bereits vor vielen Jahren nach München gezogen ist. Seit Beginn der russischen Invasion am 24. Februar sind nach UN-Angaben mehr als 4,2 Millionen Menschen aus der Ukraine geflohen. Oft sind es Frauen, Kinder, Ältere, denn die meisten Männer im Alter von 18 bis 60 Jahren dürfen das Land nicht verlassen. In Deutschland sind laut Bundespolizei mittlerweile über 300.000 angekommen.

Besonders für Kinder ist die Flucht oft traumatisch. Sie lassen ihre Väter zurück, verlieren Freunde, ihre Heimat. Sie sind jetzt zwar in Sicherheit, aber der Krieg ist für sie nicht vorbei. Jeder Anruf, jede Whatsapp-Nachricht kann ihn zurück ins Bewusstsein holen. Der Sporttag beim TSV Maccabi in München ist auch ein Versuch, den Horror des Krieges für eine kurze Zeit zu vergessen.

Olga Kotlytska sitzt vor dem Vereinsheim an einem Tisch. An ihr gelbes Oberteil hat sie eine Schleife in den Nationalfarben der Ukraine geheftet. Sie leitet das Programm „Shalom Ukraine“ der jüdischen Bildungseinrichtung Janusz Korczak und der Israelitischen Kultusgemeinde München (IKG). Kotlytska hat die Kinder heute zum Sportverein gebracht.

„Sie hätten die Kinder vor zwei Wochen sehen sollen“, sagt Kotlytska. Damals begann „Shalom Ukraine“. Viele Kinder hätten nur apathisch dagesessen und in die Luft gestarrt. Jetzt betreut ein kleines Freiwilligenteam die jungen ukrainischen Geflüchteten jeden Vormittag. Mal basteln sie, mal wird musiziert. Das Programm bietet auch Deutsch- oder Mathe-Kurse an. Die Vorbereitung auf die Schule sei aber nicht das Wichtigste, erklärt Kotlytska neben dem Sportplatz. Vor allem wolle man den Kindern ein bisschen Spaß und Ablenkung bieten.

Papa, wurde heute gebombt?

Bei der Betreuung höre sie oft Telefongespräche der Kinder mit: „Papa, wie oft hast du heute schon geschossen? Papa, wie oft wurde heute gebombt?“ Auch unter sich, sagt Kotlytska, reden die Kinder ständig über den Krieg. Noch auf dem Hinweg zum Verein habe sie ein Junge gefragt, ob sie auch eine App auf dem Handy habe, die bei Bombenalarm warne. „Nein, habe ich gesagt, hier brauchen wir so was nicht.“

Etwas mehr als 20 Kinder nehmen Ende März an dem Projekt teil. Sie kommen aus Charkiw, Kiew, aus Lwiw. Die ersten, die sich gemeldet haben, wurden zum Programm zugelassen. Danach war Schluss. Wer zuerst kommt, mahlt zuerst, auch wenn Kotlytska das ein wenig anders ausdrückt: „Die Kinder, die Gott zu uns schickt, um die kümmern wir uns.“

Doch jeden Tag kommen neue Geflüchtete nach Deutschland. Nicht alle Familien bekommen einen Platz bei einer Initiative wie „Shalom Ukraine“. Kotlytska betont zwar, dass „Shalom Ukraine“ allen Familien offensteht, unabhängig von der Religion. Doch organisiert haben dieses Angebot Mitglieder der jüdischen Community – auch Kotlytska selbst, die vor 15 Jahren als jüdischer Kontingentflüchtling mit ihren Kindern und Eltern nach Deutschland gekommen ist.

Zahlreiche Jüdinnen und Juden in Deutschland sind von Putins Angriffskrieg persönlich berührt. Laut Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland haben 45 Prozent der Mitglieder der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland Wurzeln in der Ukraine. Viele haben Angehörige in dem Land.

Vor dem Holocaust war die ukrainische jüdische Gemeinde die größte in Europa. Ihre Zentren waren in Städten wie Odessa, Kiew, Charkiw und Dnipro. 1941 lebten circa 2,7 Millionen Jüdinnen und Juden auf dem Gebiet der heutigen Ukraine. Historiker nehmen an, dass rund 1,5 Millionen von ihnen während des Holocausts ermordet wurden. Beim Massaker von Babyn Jar in der Nähe von Kiew erschossen die Nazis im September 1941 innerhalb von zwei Tagen mehr als 33.000 Juden und Jüdinnen (der Freitag 20/2021). Es war das größte Einzelmassaker während des Zweiten Weltkriegs auf europäischem Boden.

Obwohl die jüdisch-ukrainische Geschichte von Antisemitismus und Gewalt geprägt ist, gab es in den vergangenen Jahrzehnten Zeichen der Entspannung. „Nach der Unabhängigkeit 1991 brach für die jüdische Gemeinschaft in der Ukraine eine neue Zeit an“, schrieb die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, Charlotte Knobloch, jüngst in einem Gastbeitrag für die Welt am Sonntag. Nicht zuletzt der Wahlsieg im Jahr 2019 des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj, der aus einer jüdischen Familie stammt, sei Ausdruck des Wandels.

Als nun russische Truppen am 24. Februar in die Ukraine einmarschierten, bereitete sich die IKG schon am ersten Kriegstag auf Flüchtende vor. So steht es auf der Webseite der IKG. Demnach kommen mittlerweile täglich Jüdinnen und Juden an. Für viele ist die orthodox geprägte Gemeinde die erste Anlaufstelle. Ihre Mitglieder vermitteln Unterkünfte, helfen bei Behördengängen und bieten medizinische Unterstützung.

Auch Victoriia Kleynova hat sich an die jüdische Gemeinde gewandt. Mit ihrem Mann und den zwei kleinen Töchtern ist die 32-Jährige in einem Hotel am Olympiapark untergekommen, die IKG hat es vermittelt. Die Familie hat ihr Zuhause in Odessa zurückgelassen, ihr Blumengeschäft, ihre Autowerkstatt.

Fußball, Pommes, Nuggets

An dem Tag, an dem die geflüchteten Kinder auf dem Sportplatz spielen, ist auch sie zum TSV Maccabi gefahren. Mit ihren zwei kleinen Töchtern steht sie am schweren Eingangstor und zeigt ihren Smartphone-Bildschirm. Sie hat auf Russisch in den Google-Übersetzer getippt, sie suche Kleiderspenden.

Denn Maccabi sammelt auch Spenden, die Geflüchtete täglich abholen können. Der Sicherheitsmann lässt die Familie rein und führt sie zu den Umkleidekabinen. Im kleinen Holzkabuff, in dem sich sonst die Schiedsrichter umziehen, stapeln sich Mäntel, Hosen und Spielzeug. Die Töchter spielen mit Giraffen und Tigern aus Plastik, während die Mutter mit dem Sicherheitsmann spricht. Den Google-Übersetzer kann sie dabei in der Tasche lassen.

Wladimir Petrovic, Ende fünfzig, in einem blassroten Sweater, kommt selbst aus der Ukraine. Er ist in Charkiw geboren, in den Achtzigerjahren war er als Sowjet-Soldat in Afghanistan, danach kam er nach Deutschland, erst in die DDR, seit 1991 wohnt er in München. Wie Kleynova ist auch er jüdisch und wie bei Kleynova ist auch seine Familie vom Krieg betroffen: Seit der angefangen hat, ist es eng geworden bei ihm zu Hause. Nicht nur seine über achtzigjährige Mutter und seine Schwester sind bei ihm eingezogen, sondern auch zwei junge ukrainische Frauen, die er davor nicht kannte. „Was soll ich machen? Ich kann sie ja nicht einfach abweisen.“

Petrovic hilft an diesem Tag an verschiedenen Stellen aus. Er gibt Maccabi-Trainingsanzüge an die geflüchteten Kinder heraus, lacht viel, wechselt ständig zwischen den Sprachen. Als er in einem kurzen Moment draußen vor dem Vereinsheim durchschnauft, grinst er. „Hier ist immer blauer Himmel“, sagt er. „Hier ist meine Heimat.“

Jüdisch zu sein, ist bei Maccabi keine Voraussetzung, um sich engagieren oder in den Sportmannschaften mitspielen zu können. Tatsächlich sei die Mehrheit der Sportlerinnen und Sportler nicht jüdisch, heißt es vom Verein. Wer die Grundwerte des Vereins teilt, sich gegen Antisemitismus und Rassismus ausspricht, ist willkommen. Wer sportlich allzu ehrgeizig auftrete, der werde anderswo vielleicht glücklicher.

Am Rande des Fußballplatzes schlägt eine Gruppe Mädchen Federbälle über ein Netz. Neben ihnen versucht Khalil Goharsodi sie mit Händen und Füßen oder einfachen englischen Kommandos anzuleiten. Goharsodi ist Jugendtrainer bei Maccabi und spielt als defensiver Mittelfeldspieler in der ersten Mannschaft. Seine Eltern kommen aus dem Iran. Um die ukrainischen Kinder zu betreuen, hat er sich heute freigenommen. Geld oder Kleidung könne er kaum spenden, aber er wolle auf diesem Weg etwas beitragen.

Und so produziert der Krieg trotz all des Horrors auch Geschichten wie diese: Ein Muslim mit iranischen Wurzeln trainiert aus der Ukraine geflüchtete Kinder auf dem Platz eines jüdischen Sportvereins in Deutschland.

Goharsodi bläst in die Pfeife. Vom Vereinsheim weht der Geruch von Frittierfett herüber. Der Koch hat Pommes und Chicken Nuggets vorbereitet. Zum Nachtisch bekommt jedes Mädchen und jeder Junge noch ein Eis, bevor ein Bus sie wieder abholt und es ruhig wird auf dem Platz. Nächsten Mittwoch werden sie wiederkommen.

Moritz Fehrle und Jasper Riemann arbeiten als freie Journalisten in München. An der dortigen Deutschen Journalistenschule absolvieren beide derzeit die Ausbildung zum Redakteur

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