Tunnel

A–Z Seit der Eröffnung des Gotthard-Eisenbahntunnels haben die Schweizer offiziell den längsten: 57 Kilometer! Aber auch andernorts sind Röhrensysteme von Bedeutung
Redaktion | Ausgabe 24/2016
Tunnel
Foto: Visual Studies Workshop/Getty Images

A

Ausbruch Jeder Kriminelle, der etwas auf sich hält und seine street credibility optimieren möchte, arbeitet mindestens auf eine Zwischenstation in einer Justizvollzugsanstalt hin. Bei der Langeweile der Vollpension möchten die meisten Gäste das Arrestlokal aber normalerweise schnell wieder verlassen. Und wenn kein Rütteln an den Gitterstäben und kein Rumkumpeln mit den Wärtern hilft, vermag vielleicht immer noch ein stumpfer Löffel Abhilfe zu schaffen.

So einfach wie Joghurt aus einem Becher kann man sich die Freiheit aber nicht aus Betonwänden und Knastboden heben. Jeder Ganovenratgeber empfiehlt: Zeit, handfeste Willenskraft (Piercing) oder zumindest ein paar eifrige Freunde in der Justiz, die helfen. So wird es wohl der mexikanische Drogenboss Joaquín „El Chapo“ Guzmán im Sommer 2015 durch einen 1,5 Kilometer langen Tunnel hinausgeschafft haben. Felix-Emeric Tota

D

Demütigung Was sind schon krachende Niederlagen? Im Fußball liegt die ultimative Demütigung jedes Spielers im Detail: im Tunnel. Die Angst des Spielers vor dem Beinschub eint Fußballer von der Kreisliga bis zur Champions League. Auf den Äckern der Provinz kostet die Übertölpelung schon mal einen Kasten Bier für die Mannschaft, auf der ganz großen Bühne ist es eben auch das ganz große Publikum, das die Erniedrigung bejohlt. Die Folge ist oftmals die zornige Revanchegrätsche des Ausgespielten. Doch warum ist der Tunnler so demütigend? Das Problem liegt darin, dass er in aller Regel unnötig ist. Kaum eine Situation, die mit einer einfachen Körpertäuschung nicht mindestens genauso gut gelöst werden könnte. Der Beinschuss ist fast immer nichts weiter als Schnickschnack. Darum die Botschaft an alle Schönspieler: Lasst es bleiben, schlichte Schönheit (➝ Kunst) ist noch immer am eindrücklichsten. Benjamin Knödler

G

Gotthard Vorher nachdenken hilft bekanntlich in vielen Situationen. Wer einen Tunnel gräbt, muss sich überlegen, was er mit dem übrig gebliebenen Inneren des Bergs unternimmt. Da fallen gewaltige Volumen Abraum an. Beim ersten Gotthard-Eisenbahntunnel von 1882 waren es 850.000 Kubikmeter. Beim neuen Gotthard-Basistunnel waren es beeindruckende 23 Millionen.Damit wurden Verkehrstraßen in Täler geschüttet, Teile davon nutzt man jetzt als Baumaterial, renaturiert Seen und Bäche, die sich vorher industrieller Planung fügen mussten. Runde Inseln werden angelegt. Als Kunstwerke. Die Täler werden also voller, das belastet Landschaft und Bewohner. Irgendwie ahnt man, dass die vielen Teillösungen aber nicht genügen.

Mehr davon erfährt man in dem niederschmetternd gründlichen Band Der Gotthard/Il Gottardo. Landscape-Myths-Technology (Scheidegger & Spiess 2016). 984 Seiten fasst das Buch, dreieinhalb Kilogramm wiegt es, und es enthält eine Fülle an Zeichnungen, Fotografien und Untersuchungen. Unhandlich ist der Wälzer, er braucht viel Platz. Ein Buch wie ein Bergmassiv. Lennart Laberenz

K

Kunst Ausstellungen an ungewöhnlichen Orten sind seit Jahren en vogue: „Raus aus dem White Cube, rein ins wahre Leben!“, lautet die Devise. Abseits der fensterlosen (➝ Ruhrpott) Institutionswände werden neben Bunkern und Gedenkstätten auch alltägliche Orte bespielt – Krankenhäuser, Bahnhöfe oder Privatkeller. „KIT - Kunst im Tunnel“ nennt sich seit 2007 ein 140 Meter langer Raum in Düsseldorf, der unterirdisch parallel zum Rhein zwischen Autotunneln liegt. Durch ein am Rheinufer liegendes Café gelangen Besucher für vier Euro über Treppe oder Aufzug zur zeitgenössischen Kunst. Vor puristischem Beton werden vier bis sechs Ausstellungen pro Jahr gezeigt. Ziemlich institutionell. Sarah Alberti

L

Literatur Literarische Technikbilder gibt es zuhauf, das wohl bekannteste stammt von Goethe, der in Faust II den Ingenieur als Krieger gegen die Natur zum Leitbild erhob. Mit dem Erfolgsroman „Der Tunnel“ (1913) gelang Bernhard Kellermann allerdings ein Stück Literatur, in dem sich die technische die wirtschaftliche Vernunft einverleibt und sich in der Figur des Ingenieurs Allan radikalisiert. Seine technische Männerfantasie, in wenigen Jahren am Boden des Atlantiks eine Brücke von Amerika nach Europa zu bauen, birgt ein Zerstörungspotenzial, das das des Ersten Weltkriegs antizipiert. Kellermanns heroische Ingenieursfigur ist schon ein Auslaufmodell. Ulrike Baureithel

M

Metapher Um geboren zu werden, müssen wir durch einen engen Geburtskanal hindurch, aber am Ende erwartet uns ein Licht, ein Leben, eine Mutter. Das „Licht am Ende des Tunnels“ ist die Metapher der Hoffnung, des neuen Tages. Der Tunnel aber, ohne ein Licht am Ende, ist absolute Dunkelheit und Einsamkeit. Marion Samuel hatte viel Angst aushalten müssen in ihrem kurzen Leben 1931 bis 43.

Sie hörte Gerüchte über das, was den Juden geschah, und erzählte einer Berliner Klassenkameradin – bei einer zufälligen Begegnung, kurz nachdem sie aus der Schule entfernt wurde – von ihrer Angst (➝ Vietnam): „Da gehen Menschen durch einen Tunnel im Berg und da ist auf dem Weg ein großes Loch und alle werden reinfallen und sind weg.“ Im Tunnel nannte Götz Aly sein Buch über das jüdische Mädchen, das in Berlin-Mitte zur Schule ging und 1943 in Auschwitz ermordet wurde. Ihr Leben hinterließ nur wenige Spuren, aber ihre Klassenkameradin lebte lang genug, um Aly von Marions Tunnelangst zu erzählen. Sarah Khan

P

Piercing In den 80ern konnte man mit Tunnelpiercings noch die Eltern schocken. Heute gelten die „Fleischtunnel“, einst Identifikation mit einer Hardcoreszene (➝ Demütigung), als hip. Der Trend um die Miniaturteller im Ohr ist aber nicht neu. Laut Archäologen trug Ötzi schon vor 3.300 Jahren diesen Körperschmuck. Auch Buddha wird auf sämtlichen Bildnissen mit deutlich geweiteten Ohrlöchern dargestellt. Als spirituelle Praxis dienten sie der Besänftigung der Götter.

Im afrikanischen Raum bestimmten indigene Versionen des Tunnelpiercings die Partnerwahl, symbolisieren diese doch Disziplin, Geduld und Ehrgeiz. Und die muss man aufbringen, einen Monat braucht es für einen Millimeter Hautdehnung. Von den Maya bis Nordeuropa – überall galten gedehnte Ohr- und Nasenlöcher deshalb als Verkörperungen von Status und Macht. Demnach wäre Kala Kaiwi der mächtigste Mann der Welt. Die zehn Zentimeter großen Ohrlöcher des Hawaiianers sind Rekord. Da passt sogar seine Hand durch. Ann Esswein

Protonen Subatomare Teilchen sind in der Lage, Barrieren zu überwinden, die ihnen nach den Regeln der klassischen Physik und der Alltagserfahrung eigentlich den Weg versperren sollten – sie tunneln. Vereinfacht gesagt: Beschießen Wissenschaftler eine undurchdringliche Wand mit einem Teilchenstrahl, werden nicht alle Teilchen zurückgeworfen, vielmehr landet ein kleiner Teil messbar auf der anderen Seite. Grund dafür ist die Quantenmechanik. Nach deren Regeln lässt sich der Aufenthaltsort von Teilchen nur nach Wahrscheinlichkeit berechnen. Die Wahrscheinlichkeit für Teilchen, auf der anderen Seite zu landen, ist zwar extrem gering, aber immerhin doch vorhanden. Besonders wichtig für die Menschheit ist dabei das Tunneln von Protonen: Es macht die Kernfusion (➝ Zukunft) innerhalb der Sonne überhaupt erst möglich. Sophie Elmenthaler

R

Ruhrgebiet Als 1981 Hauptfigur Katlewski in Adolf Winkelmanns Jede Menge Kohle unter Tage von Recklinghausen nach Dortmund wanderte, fand die Republik das komisch. Für uns war’s normal. Dank über 100 Jahren Bergbau war es üblich, den Tag in Tunneln zu verbringen. Als Kind kam ich nur an die Oberfläche, wenn wir im Opel Kadett in den Urlaub (Vietnam) fuhren. Wenige Erwachsene hielten sich stundenweise über Tage auf, um Stahl zu kochen oder Autos zu bauen. Dann kam der Strukturwandel: Hochbauten bestimmten plötzlich das Ruhrgebiet, wer eine Wohnung an der Erdoberfläche besaß, galt als Aufsteiger. Wehmütig sehe ich heute im Herr der Ringe die Szenen in den Minen von Moria, die zu einem großen Teil in meiner alten Grundschule gedreht wurden. Uwe Buckesfeld

U

Unterführung Er ist der urbane Angst- raum schlechthin: der Fußgängertunnel, auch Unterführung oder B-Ebene genannt. Oft führt er zu U-Bahn-Gleisen hin, und meist ist er grell beleuchtet, was aber nicht viel nützt, wenn man allein darin unterwegs ist. Die Schritte hallen von den gekachelten Wänden wider: Sind das meine Absätze? Oder verfolgt mich jemand? Dass da auch Überwachungskameras nicht viel helfen, zeigt das jüngste Video der Band Massive Attack: Voodoo in my Blood. Die Schauspielerin Rosamund Pike, ein Ex-Bond-Girl, trifft in einem solchen menschenleeren Tunnel auf eine Art Kameradrohne – und die Drohne wird zum Gewalttäter statt zum technoiden Beschützer. Harter Stoff. Katja Kullmann

V

Vietnam Für das vietnamesische Selbstverständnis spielt der gegen die USA gewonnene Krieg eine wichtige Rolle. Zudem ist er im globalisierten Tourismuswettbewerb zu einer Art Standortvorteil geworden, sodass die Erinnerung an ihn teils skurrile Formen annimmt – etwa beim Besuch der Cuchi-Tunnel des Vietcongs. Besichtigt werden dort nicht Originaltunnel, sondern die höhere, breitere und beleuchtete Touri-Variante. Die Besucher empfinden beim Nacherleben zwar immer noch einen wohligen Schauer, aber keinesfalls wirkliche Enge, Finsternis und Angst (➝ Metapher).

Dazu sind permanent Gewehrschüsse zu hören. Sie kommen vom Schießstand gleich neben dem Souvenirshop, wo die eventuelle Bedrücktheit genüsslich wieder weggeballert werden kann. Bevor man den Vietnamesen nun mangelnde historische Sensibilität unterstellt, sollte man zur Kenntnis nehmen, dass das Angebot von der Nachfrage lebt. Hier schießen westliche Touristen – selbstverständlich auch Amerikaner. Andrea Wierich

Z

Zukunft Als dem Christentum noch die Zukunft als Massenbekenntnis bevorstand, wurden die Toten in Katakomben bestattet. Als Zufluchtsstätten dienten Gangsysteme unter römischen Städten aber nicht. Eine hoffentlich zukunftstaugliche Katakombe entsteht dagegen gerade im finnischen Onkalo. Im ersten atomaren Endlager der Welt sollen Brennstäbe für 100.000 Jahre zur Entstrahlung geparkt werden.

Die Dokumentation Into Eternity begleitete das Projekt, das neben technischen (➝ Protonen) auch philosophische Herausforderungen thematisiert. Ist Zukunft auf eine solche Zeitspanne hin planbar? Kann man dafür Verantwortung übernehmen? Wie warnt man kommende Kulturen vor der vergrabenen Gefahr oder soll man sie verstecken? Das den Pyramidenbau übersteigende Projekt sprengt alle Vorstellungskraft. Tobias Prüwer

06:00 29.06.2016

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