Unsichtbare Geisterhand

Sachbuch Spezial Björn Frank führt uns rasant und witzig durch 300 Jahre ökonomischer Theorie

Von dem österreichischen Schriftsteller Berthold Viertel ist der Aphorismus überliefert, dass alles Geschichtenerzählen, auch das Erzählen der Weltgeschichte, auf eine Anekdotensammlung hinauslaufe.

Im Fall des Ökonomen und Sozialreformers Jeremy Bentham reihen sich so viele Pointen aneinander, dass man zu glauben geneigt ist, ein etwas übereifriger Drehbuchautor habe sich das prototypische Leben eines Genies ausgedacht: Bereits mit zwölf Jahren studiert Bentham als einzelgängerisches Wunderkind mit Angst vor Gespenstern in Oxford, um später einer der einflussreichsten Rechtsphilosophen und Gesellschaftstheoretiker seiner Zeit zu werden. Mit seiner Theorie des Utilitarismus, nach der eine Handlung dann moralisch richtig sei, wenn sie die Summe des Wohlergehens aller Betroffenen maximiere, ist es ihm so ernst, dass er gleich nach dem Studium beschließt, seinen Körper im Todesfall der medizinischen Ausbildung und Forschung zu vermachen – ein für damalige Verhältnisse radikaler Schritt. Und scheinbar nebenbei entwickelt er auf einer Reise nach Weißrussland mit dem „Panoptikum“ die Idee einer Gefängnisreform. Seine Angst vor Gespenstern wird er nie los.

Es geht rasant zu im neuen Buch von Björn Frank über das Leben und Sterben großer Ökonomen. Im Vorwort erklärt der Kasseler Professor für Volkswirtschaftslehre, dass er mit dem schmalen Band drei Leidenschaften nachgehe – der Liebe zur ökonomischen Theorie, der Begeisterung für eigentümliche Todesumstände sowie dem Gefallen an der kurzen und prägnanten Form. In den äußerst temporeich und kurzweilig geschriebenen 13 Kapiteln, die sich ausdrücklich an den ökonomischen Laien richten, präsentiert er biografische Miniaturen einiger der größten Ökonomen der vergangenen Jahrhunderte und skizziert dabei gleichzeitig die entsprechenden Theorien.

So erfährt der Leser etwa vom auf den Iren Richard Cantillon zurückgehenden Cantillon-Effekt, der beschreibt, dass sich eine Erhöhung der Geldmenge nicht automatisch gleichmäßig auf alle Bereiche einer Volkswirtschaft verteilt. Ein Phänomen, das als Folge der Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank mit dem Begriff der Vermögenspreisinflation beschrieben wurde. Oder von Friedrich Lists Überlegungen zum Erziehungszoll, der junge Wirtschaftszweige vor ausländischen Wettbewerbern schützen soll. Der Bezug zu zeitgenössischen wirtschaftlichen Phänomenen und Problemen bleibt bei der Lektüre stets anschaulich und präsent.

Die unterschiedlichen Biografien mündeten, so die These des Autors, oft genug in einen erstaunlich passenden Tod. Im Fall von Cantillon, Bentham oder auch Tschajanow trifft dies auf bestechend absurde Weise zu, bei manch anderem Denker wirkt die Herleitung dagegen etwas konstruiert.

Dennoch bleibt der Streifzug durch über 300 Jahre ökonomische Theorie absolut lesenswert, da Frank trotz eines kompakten Stils erzählerisch, ironisch und meinungsstark schreibt. Bei Bentham, der auch aufgrund der wirkmächtigen Rezeption durch Michel Foucault lange einen zweifelhaften Ruf als Vordenker des Überwachungsstaates genoss, stellt der Autor beispielsweise die in ihrer kalten Rationalität zwar unempathisch und stellenweise naiv anmutenden, aber dennoch erstaunlich fortschrittlichen Denkansätze heraus.

Nicht zuletzt macht der vorliegende Band gerade auch am Beispiel des im Titel erwähnten John Maynard Keynes, der in Cambridge unter anderem in regem Austausch mit Ludwig Wittgenstein stand, deutlich, dass Theorien des Wirtschaftens nicht nur Ökonomen betreffen, sondern immer auch die grundlegende Frage aufwerfen, wie wir zusammen leben wollen.

Info

Zu Keynes passt das nicht Björn Frank Berenberg 2019, 152 S., 22 €

Should I stay or should I go

Kommt der Brexit, wird auch Nordirland die Europäische Union verlassen müssen. Die offene Grenze zwischen Nordirland und der Republik Irland war eine grundlegende Bedingung des Friedensabkommens von 1998, nach mehr als 30 Jahren „Troubles“, blutigen Konflikten zwischen Katholiken und Protestanten. Die offene Grenze würde mit dem Brexit zur harten EU-Außengrenze, was den fragilen Friedensprozess im Land gefährden könnte. Der 1977 in Esslingen geborene Toby Binder fotografierte für Wee Muckers. Youth of Belfast (Kehrer 2019, 120 S., 35 €) Teenager aus protestantischen und katholischen Vierteln in Bel­fast. Die Langzeitdokumentation zeigt die Allgegenwart von Arbeits­losigkeit, Drogenkriminalität und Gewalt, die Jugendliche in Belfast schon heute belastet, egal, auf welcher Seite der „peace wall“ (Friedensmauer) sie leben.

06:00 18.05.2019
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